Ludwigshafen Blickpunkt: Stofftaschentücher: Naseputzen mit Stil
Auf Vieles könnte Hans-Dieter Kuch aus Mutterstadt verzichten, aber nicht auf seine Stofftaschentücher. Sie sind die treuesten Begleiter seines Lebens. „Freilich, wenn mich ein richtiger Schnupfen quält oder Winterkälte den Nasenfluss verstärkt fördert, dann greife ich auch einmal zum ,Tempo‘. Aber dieses kleine weiße Papierquadrat hat für mich keine Seele, es ist nur ein Hilfsmittel für den Notfall.“ Anders ist es beim Stofftaschentuch: „Darin fühlt sich meine Nase wie zu Hause, warm und geborgen. Und auf manche Taschentücher freue ich mich richtig, wenn sie wieder einmal dran sind, denn das geht reihum nach strikten Regeln.“ Manche Taschentücher, berichtet Kuch, halte er auch zurück – für besondere Anlässe wie Theaterbesuche, Konzerte oder Feste. „Denn alle haben aufgrund von Material, Farbe und Muster einen eigenen Charakter“, findet der Mutterstadter. Natürlich sei ihm bewusst, dass er seiner Frau mit dem Waschen und Bügeln der Tücher viel abverlange. „Sie lässt dann oft einen Stoß frisch gewaschener Tücher zusammenkommen, bis von mir der Notschrei ertönt: ,Ich habe keine Taschentücher mehr!‘“, erzählt Kuch. Dann liege alsbald wieder ein großer Stoß bereit. Mehr als 100 Exemplare Stofftaschentücher begleiten Inge Kraushaar aus Altrip schon ihr Leben lang. „Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass ich als Kind immer mit sauberen Taschentüchern gespielt habe“, berichtet die 61-Jährige. „Da waren Märchenbilder und Szenen vom Struwwelpeter drauf zu sehen.“ Als Schülerin habe sie im Handarbeitsunterricht gelernt, Taschentücher zu umhäkeln und „durch die Mutter meines Lebenspartners habe ich wieder etliche dazubekommen“. Klar, die werden nach Benutzung gewaschen und gebügelt. Kraushaar schätzt ihre Sammlung von Kinder-, Damen- und Herrentaschentüchern auf mehr als 100 Exemplare. „Ein Teil wird in einem in der Handarbeit gefertigten Taschentuchbehälter aufbewahrt.“ Ein anderer Teil sei mittlerweile doch schon etwas mitgenommen. „Sie werden ja schließlich benutzt.“ Denn das beste Mittel gegen eine rote Schnupfennase sei das Papiertaschentuch zu meiden und ein Stofftuch zu benutzen. Geschenk zum Polterabend Den Wurststrauß – die fleischlastige Variante unter den Sträußen – kennt man ja. Aber einen Stofftaschentuch-Strauß mit Rosen? Nein, so etwas sieht man nicht alle Tage. Einen solchen Strauß hat seine Frau Heide zum Polterabend im September 1977 geschenkt bekommen, berichtet Marcel Rock aus Fußgönheim. Er war ein Geschenk seiner damaligen Arbeitskollegen. „Hintergrund war mein hoher Verschleiß an Stofftaschentücher und dass ich keine Papiertücher benutze“, berichtet er. Übrigens setzt er noch heute auf die waschbare Variante. „Mein Verschleiß ist auch nicht mehr so hoch, da ich nicht mehr Fußball spiele“, berichtet er. „Ich hatte oft vergessen die Taschentücher nach dem Spiel aus der Sporthose zu nehmen. Die komplette Mannschaftskleidung kam in die Wäscherei und somit waren meine Taschentücher verschwunden.“ Ohne frisches Stofftaschentuch geht er aber auch heute nicht aus dem Haus. Wie gut, dass seine Frau auch dank des Straußes immer eines auf Vorrat hat. Umhäkelt am Sterbebett Erinnerungen an ihre Tante Lydia sind die umhäkelten Stofftaschentücher, die Helga Jung aus Neuhofen noch zu Hause hat. „Sie war Diakonissenschwester und arbeitete bis 1972 über 40 Jahre als Gemeindeschwester in der Vorderpfalz und besonders im Raum Mutterstadt“, berichtet die 79-Jährige. Immer, wenn einer ihrer Patienten im Sterben lag, setzte Jungs Tante Lydia sich zu ihm ans Bett und häkelte. „Bei Familientreffen kam sie oft zu spät, dann entschuldigte sie sich mit den Worten: ,Ich musste erst noch einen Patienten sterben lassen‘.“ Helga Jung liebte die kleinen Taschentücher. Zum Geburtstag habe es bunt umhäkelte Tücher, zur Konfirmation weiße Seidentücher mit einer besonders großen Spitze gegeben. Dazu schenkte sie der Konfirmandin ein Gesangbuch und ein goldenes Kettchen mit einem Kreuz – auch das besitzt die Neuhofenerin noch. „Zu Hochzeiten schenkte sie dem Bräutigam ebenfalls ein weißes Seidentuch zum Einstecken in die Jacke des Hochzeitanzuges“, erinnert sie sich. Diese besonderen Tücher benutzt Helga Jung nicht mehr. Aber außer bei starken Erkältungen setzen sie und ihr Mann Alfred schon noch auf Stofftücher. Nur eben nicht jene von Tante Lydia. Die sind eine zu wertvolle Erinnerung. Mit einem „E“ für Ernst „Wenn man Mann eine Hose anzieht, muss ein frisches Stofftaschentuch in die Hosentasche gesteckt werden“, berichtet Hanni Fuchs aus Waldsee. Deshalb besitze die Familie auch immens viele Tücher. Besonders seien vor allem die älteren Modelle Monogramm. Ihr Mann Rudi benutze teils noch die Taschentücher seines Vaters Ernst, jene mit einem eingestrickten „E“. Eine ganz besondere Erinnerung. Mit winzigen Löchern am Rand Die kleinen feinen mit Spitzenrand gehörten den Frauen. Doris Rittmann aus Birkenheide erinnert sich noch genau an die Taschentücher von damals. Weiß, dünn, quadratisch und so groß wie heutige Papiertaschentücher waren sie. Zu kaufen gab es sie mit passendem Garn und Häkelnadel in jedem Handarbeitsgeschäft. Denn jedes Tuch konnte verschönert werden. Um den eifrigen Damen die Arbeit zu erleichtern, waren laut Rittmann winzige Löcher am Rand. So konnte die Spitze leichter angebracht werden. Doris Rittmanns Lieblingsgeschenk zur Kommunion waren übrigens sechs weiße umhäkelte Stofftaschentücher mit Taschentuchbehälter in Herzform. „Hier kam das gebrauchte Tuch hinein und alles verschwand in der Handtasche.“ Mit Stil macht Naseputzen einfach Spaß. Mit wollener Hülle Die braune Versandtasche, die Erika von Usslar aus Schifferstadt in die Redaktion geschickt hat, ist groß und weich. Was wohl drin sein mag? Für Taschentücher ist sie viel zu groß. Bei dem Volumen müssten einige drin sein. Doch dafür ist die Tasche zu leicht. Hmmm. Ein Blick ins Innere gibt noch keinen rechten Aufschluss. Wolle, eine rosafarbene Schleife. Ein Kissen? Aber warum. Glücklicherweise hat Erika von Usslar einen Brief beigelegt. Das gute Stück ist eine handgearbeitete Hülle für Stofftaschentücher, die sie zur Konfirmation bekommen hat inklusive eines Taschentuchs mit selbst umhäkeltem Rand. Da steckt einiges an Arbeit drin. Taschentücher waren damals, Ende der 1950er-Jahre, der Hit. Mit Monogramm, Häkelspitze oder auch Stickerei. Sie wurden privat verschenkt oder später als Werbung von Firmen wie heute die Kugelschreiber. Die Schifferstadterin hat nicht nur die Hülle und das Taschentuch aufgehoben, sondern auch eine noch ungeöffnete Packung mit drei geblümten Taschentüchern zu 6,10 D-Mark. Benutzt werden die Stofftaschentücher bei ihr jedoch seit Jahrzehnten nicht mehr. Etwas schade sei der Rückzug der Stoffvariante schon. „Denn auch für Kinder gab es früher schöne Taschentücher mit Märchen- oder sonstigen Bildern.“ Spaß am Bügeln Natürlich verwendet Johanna Graff aus Limburgerhof auch mal ein Papiertaschentuch, aber lieber nimmt sie die Stoffvariante zur Hand. Noch immer benutze sie gewaschene, gebügelte und angenehm riechende Stofftaschentücher – mit Stickerei, Monogramm oder umhäkeltem Rand. „Ich bin heute noch sehr stolz, bei schönen Veranstaltungen so ein schönes Stück bei Bedarf aus meiner Tasche ziehen zu können.“ Unhygienisch findet sie die hübschen Tücher keinesfalls, schließlich werden sie immer ordentlich gewaschen. Und das Bügeln der Tücher, das mache ihr auch heute noch Spaß. Edel und ein Hauch von Nichts Ein Designerstück besitzt Helga Petersen aus Dannstadt-Schauernheim: ein Taschentuch von Christian Dior. „Ein Taschentuch von Dior zu besitzen, war in meiner Studentenzeit sehr ungewöhnlich“, berichtet sie. „Ich verdankte es einer in England lebenden Tante, die es sehr gut mit mir meinte.“ Aber das ist nicht das einzige Stofftaschentuch in ihrem Haushalt: die übrigen zieren kindliche Motive oder ein Monogramm. Für das Abendtäschen sind die zarten Organzatücher gedacht. „Sie sind nur ein Hauch, aber können eventuell die Blicke eines Sitznachbarn im Theater oder der Oper auf sich ziehen. Sie müssen unbedingt mit einem Tropfen Chanel belebt werden.“ Farblich abgestimmt „Hast Du ein frisches Taschentuch eingesteckt?“, hat Gertrud Lorch aus Böhl-Iggelheim ihren Sohn immer gefragt, wenn er in den Kindergarten oder zur Schule gegangen ist. Sie selbst benutzt auch heute noch die waschbare Variante, besitzt auch viele umhäkelte. „In meiner Handtasche habe ich ein Taschentuch mit Häkelspitze, wenn möglich in der Farbe passend zu meiner Garderobe.“ Perfekt zum Brilleputzen Aus aller Herren Länder bringt Bärbel Gölz aus Dannstadt-Schauernheim sich Stofftaschentücher mit – aus Australien zum Beispiel oder eben jenes, das sie fotografiert und der Redaktion geschickt hat. Blaue gestickte Blüten zieren es – eine Erinnerung an die Schweiz. „Ich mag nicht so gern Papiertaschentücher“, sagt sie. Aber nicht nur zum Naseputzen oder Schweiß abtupfen seien die Tücher praktisch. „Brillengläser werden mit großen Herrentaschentüchern super sauber“, sagt die 75-Jährige. Deshalb nutzt sie auch die großen ihres Mannes noch. „Die feinen Leinentücher kratzen nicht und die Gläser sind fusselfrei“, beschreibt Gölz. „Einfach nur Spüli und klares Wasser zu Putzen nehmen.“ So einfach lässt sich der Durchblick behalten. Die Serie In der Serie „Gibt es das noch?“ suchen wir Dinge, die vermeintlich aus dem Alltag verschwunden sind. Der nächste Aufruf erscheint am Mittwoch, 12. April. |cju