Ludwigshafen Blechbläser mit Erdbebenpotenzial

Wenn der Vorfall in der Bibel korrekt berichtet ist, ließ der Prophet Josua vor Jericho eine Blaskapelle spielen, die bewirkte, dass die Stadtmauern einstürzten. Die Youngblood Brass Band gibt es noch nicht so lange, wäre aber eine Formation, der man so etwas zutraut. Die Mauern der Alten Feuerwache in Mannheim haben aber gehalten, das Publikum feierte die lautstarke Kapelle.
Es begab sich zu der Zeit, als David Henzie-Skogen Schüler an der Oregon Highschool im US-Bundesstaat Wisconsin war. Da hatte der Sänger und Perkussionist die Idee, eine Blechmusik-Band zu gründen. Das tat er dann zusammen mit Nat McIntosh, der das Sousaphon spielt, im Jahre 1994. Das Sousaphon ist wie eine Tuba – nur schlimmer. Wir kommen darauf zurück. Die beiden fanden weitere gleichgesinnte Musiker, nämlich Trompeter, Posaunisten, Saxophonisten und einen weiteren Perkussionisten. So entstand eine veritable Marching Band im New-Orleans-Stil. In der Südstaaten-Stadt entwickelten sich solche Bands nach dem amerikanischen Bürgerkrieg aus dem Vielvölker-Gemisch. Befreite Sklaven, Seeleute und Siedler aus Europa vermischten ihre mitgebrachten Musiktraditionen und erfanden den Jazz. Mit dieser Art von Musik begannen die beiden Bandgründer und weitere 15 Kumpane unter dem Namen One Lard Biskit Brass Band. Das erste Album klang noch ziemlich traditionell. Aber Henzie-Skogen und McIntosh mögen auch Funk und Hip-Hop und wollten die traditionell eingefahrenen Gleise einer Marching Band verlassen. Umbesetzt und neu ausgerichtet wurde aus dem Projekt die Youngblood Brass Band. Der Sänger begann zu rappen, die Stücke heißen nicht mehr „Josua fit the Battle of Jericho“, sondern, wie in der Feuerwache zu hören „Ain’t nobody“ von Chaka Khan, „Mad World“ von Tears for Fears, „Don`t speak“ von No Doubt - alle arrangiert in einem einzigartigen Brass-Sound. Dazu kommen viele Eigenkompositionen, zu denen Henzie-Skogen rappt. Das Konzept oder viel mehr die Haltung der Band lässt sich am ehesten Beschreiben als eine Mischung aus Punk, Rap und Guggemusik. Letzteres ist eine Art Schweizer Blasmusik-Punk zur Fasnacht. Die gemeinsame Schnittmenge dieser Stile ist rotziger Anarchismus bei Erdbeben auslösender Lautstärke. „Riot Jazz“ nennen die Musiker selber ihren Stil und „Riot“ heißt auf Deutsch Aufstand oder Unruhen. 2006 erschien das Album „Is that a Riot?“ und 2013 „Pax Volumi“, was lateinisch ist und „Friede durch Lautstärke“ bedeutet. Diesem Motto wurde die Youngblood Brass Band in der Feuerwache durchaus gerecht. Es war infernalisch laut, und am allerlautesten war Meister McIntosh mit seinem Sousaphon. Der spielt die monströse Messingschlange auch äußerst virtuos und geschwind – aber man muss ihn eher für sein Lungenvolumen, als für seine Intonation bewundern. Jetzt ist das Sousaphon schon eine auf Lautstärke frisierte Tuba, aber das Instrument wurde noch mal verstärkt in den Saal geblasen. Während in der Erdbebenwarte Karlsruhe die Zeiger ausschlugen, tanzte die Feuerwache in Mannheim. Es störte sich auch niemand daran, dass das aus Leibeskräften geblasene Sousaphon deshalb einen Tick zu hoch klang. Und dass die recht raffinierten Arrangements hinter dem Bassbollern von Sousaphon und Basstrommel verschwanden, können wirklich nur Besserwisser und Beckmesser bekritteln.