Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Bildhauersymposium: Gemeinschaft in Stein gemeißelt

Für ihn wurde tonnenschwerer Kalkstein angeliefert: Roman Fryczynski in Mutterstadt.
Für ihn wurde tonnenschwerer Kalkstein angeliefert: Roman Fryczynski in Mutterstadt.

Was lange währt, wird endlich gut – ganze sechs Jahre benötigte die Umsetzung des ersten Bildhauersymposiums mit dem Thema „Miteinander: wir in Europa“.

Den Wettbewerbsentwurf gab es schon vor sechs Jahren, erinnert sich der Ideengeber und damalige zweite Beigeordnete Klaus Lenz. „Aber wegen Corona 2020 wurde er nicht umgesetzt.“ Dazu kam noch die ein und andere Schwierigkeit. Witold Pyzik erlitt zwei Herzinfarkte und darf deshalb nicht mehr als Bildhauer arbeiten. Stanislav Kilarecki kämpft mit dem Hochwasser in seiner Region und in seinem Haus. Martin Schöneich erlitt kurz vor der Ziellinie einen Unfall: Die Flex fuhr ihm ins Bein. „Aber das sind Künstler“, sagt Lenz. „Sie gehen kreativ mit der Situation um.“

Und irgendwie repräsentiert das alles ja auch Europa mit seinen Spannungen und Lösungsversuchen. Aber dazu später. Denn die Idee von Pyzik wird Roman Fryczynski, der die französische Partnergemeinde Oignies vertritt, weiterführen. Doch auch da gab es Schwierigkeiten, denn anstatt des ausgeschriebenen Sandsteins musste für Fryczynski Kalkstein angeliefert werden. Und der hat es in sich: Nicht nur, dass er mit 13 Tonnen mit Abstand das größte Gestein ist, es ist auch ein eigenwilliges. „Viel härter, als es sein sollte“, meint der Künstler. Und „gespalten durch die Feuchtigkeit dazwischen“, was „zusätzliche Arbeit“ bedeutet. Außerdem muss viel Gestein abgetragen werden.

Vier Frauen aus vier Ecken Europas

Fryczynski verschwindet immer wieder in einer Staubwolke, wenn er flext, und den Steinstaub sieht man bis weit vor seinem Kunstwerk. 20 Zentimeter sind schon abgetragen von den Köpfen der vier Frauen, 30 müssen es noch werden. Die Spannungen im Gestein und Arbeitsprozess spiegeln auch das wider, was das Werk ausdrücken will: Vier Frauen, die aus vier Ecken Europas kommen, spannen ein Tuch. Das Tuch als verbindendes Element. Im positiven Sinn sind die Unterschiede gemeint, „aber in einer Einheit. Es gibt Unterschiede, aber die Gemeinsamkeiten dürfen bestehen bleiben.“ Die Basis besteht aus den gleichen Werten, das Gemeinsame ist Europa.

Ähnlich sieht das auch Stanislav Kilarecki für die polnische Gemeinde Prazska mit seinem Werk „Europa wächst zusammen“. Er wählt dafür das Bild eines Baums. Die sechs Gründungsländer von 1951 seien der Stamm, der den Kern und die gemeinsamen Ziele enthält, die dazugekommen Staaten die unterschiedlich großen, aber ähnlichen Blätter. „Der Baum als Metapher für Gemeinschaft und Entwicklung. Er wächst und verändert sich.“ Die Natur zeigt, wie die Zeit vergeht und alles wandelt. Der Mensch versucht, Natur zu ändern, wie zum Beispiel mit Dämmen, aber es sei besser, im Einklang mit ihr zu leben. Weil der Mensch nicht denkt, wehrt sich die Natur.

Für ein Jahr auf dem Friedhof

„Zum Glück war die Ader nicht durchtrennt“, meint Martin Schöneich, der Mutterstadt repräsentiert und den Unfall mit der Flex hatte. „Es heilt sehr gut.“ Frisch vom Krankenhaus kommt er zum Alten Friedhof, darf aber noch nicht an seinem Werk weiterarbeiten. Das trägt den Titel „Miteinander“. Unten ist es einheitlich, oben gespalten. „Oben ist die Kommunikation, die zur Einheit führt.“ Das Objekt präsentiert die Jetzt-Form. „Den Sandstein habe ich so bearbeitet, dass es aus verschiedenen Seiten interessant wird. Die Oberfläche ist gespitzt und gestockt, Teile ganz glatt gemacht. Europa ist nicht nur rau, sondern es geht auch mal was glatt. Die Problematik ist das Kommunizieren, deswegen diese Oberfläche. Es ist eine abstrakte Form, die von Genauigkeit lebt.“ Runde Teile, eckige Teile. Auch diese repräsentieren das Kommunizieren. „In der Mitte wollte ich einen Spalt machen. Mit Bohren und Löchern, die Flex ist zu oberflächlich“ – eine Auseinandersetzung zwischen den Körpern oben.

Steffen Ahrens für Kabelsketal/Sachsen-Anhalt arbeitet an der „Zeitenwende – Karyatide für Mutterstadt“. Karyatiden wurden im Griechischen als Säulen verwendet. „Das ist ein Baustein von vielen. Europa auch, aber mit eigenständigem Charakter, den es behalten soll.“ Auch wenn das zurzeit „nicht ganz so gut aussieht“. Ahrens arbeitet traditionell mit Hammer und Meißel. „Das hat etwas Meditatives. Wie der Specht. Das Klopfen ist gleichmäßig und stört nicht. Der Specht ist für Bildhauer ein gutes Symbol.“ Die Werke sollen laut Lenz rund ein Jahr auf dem Friedhof bleiben, bevor sie an verschiedenen Orten in Mutterstadt verteilt werden.

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