Ludwigshafen
Bewegende Mahnwache für erstochene Mutter in Ludwigshafen-Gartenstadt: „Das war Mord“
Minutenlang weint die Mutter von Dilan, schluchzt, will und kann nicht begreifen, was geschehen ist. Vielen unter den etwa 100 Menschen, die sich mit der trauernden Frau vor dem Rathaus-Center in Ludwigshafen versammelt haben, ergeht es ähnlich. Vielen steigen Tränen in die Augen, alle sind bewegt und kämpfen mit ihren Gefühlen. Es werden Emotionen ausgelöst, die unter die Haut gehen.
Gleichzeitig zeigt die Mahnwache am Freitag, dass viele Menschen zusammenstehen und die grausame Tat nicht ohne Aufschrei, nicht ohne Gegenwehr hinnehmen wollen. „Ich stehe hier als Mann, der sich schämt“, sagt Ersün Yildiz, ein Schwager der Getöteten.
Er hat sich ein Herz genommen und vor den Anwesenden gesprochen, die gekommen sind, um Dilan zu gedenken, die in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Ernst-Reuter-Siedlung in der Gartenstadt von ihrem Ehemann erstochen worden sein soll. Der Ehemann der Getöteten hatte um kurz vor Mitternacht selbst die Polizei gerufen, doch Dilan verblutete. Sie wurde 37-Jahre alt und hinterlässt zwei Söhne, der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft.
Schläge und Streit sind Alltag
Vor Ersün Yildiz spricht Ebru Tuna, eine Cousine der Getöteten, zu den Menschen vor dem Rathaus-Center. „Es darf nicht sein, dass Männer denken, Frauen seien ihr Besitz“, sagt die Ludwigshafenerin. Danach erzählt sie von der Beziehung, die ihre Cousine geführt habe. Danach habe der tatverdächtige Ehemann (39) nie gearbeitet, habe „schlechte Freunde“ gehabt. Schläge und heftige Streitereien seien Alltag gewesen. Dilan habe ihren Ehemann deshalb auch angezeigt und den Plan gehabt, sich zu trennen und scheiden zu lassen. Doch dazu kam es nicht.
Dilan habe Angst gehabt und gefürchtet, dass ihr Ehemann ihr etwas antun könne. Allerdings sei sie davon ausgegangen, dass sie in Anwesenheit ihrer Kinder sicher sei. Die zwei Söhne des Ehepaars schliefen im Nebenzimmer, als Dilan in der Nacht auf Montag nach 41 Messerstichen in ihrer Wohnung starb. „Man kennt solche Taten aus den Nachrichten im Fernsehen, aber nun ist es unser Albtraum“, sagt Ebru Tuna.
Kinder sind bei Angehörigen untergebracht
Mehrere Frauen-Organisationen hatten zu der Mahnwache aufgerufen, etwa 100 Menschen sind gekommen. Neben Blumen und in Herzform angerichteten Kerzen werden auch emotional aufwühlende Plakate aufgestellt. „Man tötet nicht aus Liebe“ ist auf einem von ihnen zu lesen, oder: „Du lebst für immer in unseren Erinnerungen und bist für immer in unseren Herzen.“ Zudem gibt es einen Bilderrahmen: „Du warst die beste MAMA für uns.“
Die Kinder der Getöteten wurden in der Tatnacht zunächst in einem Kinderheim untergebracht, kehrten aber schon einen Tag später zu Angehörigen der Familie zurück. Sie kämpfen seither mit dem Erlebten, der ältere der beiden Söhne wurde in der Tatnacht von der Polizei geweckt und beschimpfte seinen Vater, nachdem er erfahren hatte, dass seine Mutter gestorben sei. Gemeinsam mit seinem Bruder und mit Unterstützung der Familie und Therapeuten wird er versuchen, mit dem Tod seiner Mutter leben zu lernen.
Männer sollen zum Schutz beitragen
Ersün Yildiz nutzt seine kurze, bewegende Ansprache, um an seine Mitmenschen zu appellieren. „Es liegt auch an uns Männern, dass wir zum Schutz beitragen“, sagt er, und richtet ein paar Worte an Menschen, die unter Gewalt leiden: „Seid laut, wehrt euch, nehmt die helfende Hand.“ Dilan sei ein Opfer böser Gewalt, stehe aber nicht allein.
Ebru Tuna schließt ihre kurze Ansprache mit deutlichen Worten: „Das ist kein Tötungsdelikt, das ist ein Mord.“ Die Menschen um sie herum applaudieren leise.