Ludwigshafen „Beten ist keine Einbahnstraße“

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Herr Köhl, Sie leben ehelos und sind zum Seelsorger berufen – zwei grundlegende Voraussetzungen, um in der katholischen Kirche Priester zu sein. Könnten Sie sich das als evangelischer Pfarrer vorstellen?

Von meinem derzeitigen Standpunkt aus nicht. Was heißt das? Als ich mich bei der Landeskirche um die Aufnahme in die Liste der Theologie-Studierenden bemüht hatte, wurde ich gefragt, warum sind Sie evangelisch? Ich sagte, weil meine Mutter evangelisch ist und sich durchgesetzt hat. Mein Vater war katholisch. Der Oberkirchenrat sagte, das kann doch nicht Ihre Antwort sein, Sie müssen doch wissen, warum Sie evangelisch sind. Ich sagte: Das ist aber der Hauptgrund! Und zu Ihrer Frage: Wäre ich katholisch getauft worden, so wäre ich anders geprägt, sozialisiert worden. Ich denke, dass es schwierig ist, Gleise zu wechseln, wenn man nicht ganz einschneidende Erlebnisse hat. Deshalb: Wären die Grundlagen anders gelegt worden, wäre das heute sicher anders. So sind Sie ein überzeugter Vertreter der Pfälzischen Landeskirche? Mittlerweile bin ich 56 Jahre alt und stolz auf diese Landeskirche, denn sie ist eine außergewöhnliche. Ich liebe die Freiheit, die diese Kirche bietet, Probleme habe ich mit unnötiger Hierarchie. Sie sind ein Verfechter der Ökumene. Was liegt Ihnen daran? Ich sagte vorhin, dass mein Vater, ein Bäcker, katholisch war, wie seine Familie; die meiner Mutter war evangelisch. Als ich 1957 geboren wurde, waren das zwei Pole, die konfessionell gegeneinander standen. Für meine Eltern, die evangelisch getraut waren, war es nicht immer leicht, ihren Weg mit uns zu machen. Außerdem gab es in Schifferstadt eine konservative Pfarrerschaft. Deren Kirchentreue gipfelte darin, dass der katholische Kollege verkündete, man könne doch nicht Brötchen bei einem Bäcker kaufen, der mit einer Frau zusammenlebe, die ihre Kinder evangelisch getauft habe. Darunter litt sicherlich die ganze Familie, besonders Ihr Vater. Er war exkommuniziert, weil er seine Kinder evangelisch taufen ließ. Das hieß, dass er nicht an der Kommunion, nicht an der kirchlichen Gemeinschaft teilnehmen durfte. Daran hielt er sich, das hat ihm Jahrzehnte lang wehgetan. Bis ihn schließlich ein evangelischer Pfarrer eingeladen hat, an den Abendmahlsfeiern teilzunehmen. Heute bin ich der Überzeugung, dass Katholiken und Protestanten so starke Übereinstimmungen haben, die ein tragfähiges gemeinsames Fundament der einen Kirche darstellen. Die Spaltung, der bestimmte Überlegungen zugrunde liegen, ist in Ordnung, aber trotzdem kann man in vielen Bereichen zusammenarbeiten. Auf welchen Säulen steht diese Zusammenarbeit? Ich war in Grünstadt über 15 Jahre Vorsitzender der Ökumenischen Sozialstation. Dort funktioniert es, dass man seine Überzeugung bezüglich Caritas und Diakonie bündelt und im christlichen Geiste gemeinsam handelt. In der Notfallseelsorge: Wenn jemand Hilfe braucht, wird man die Betroffenen wohl kaum nach ihrer Konfession fragen. Ein anderes Beispiel ist die Kirchenmusik: Wenn Sie das evangelische Gesangbuch und das „Gotteslob“ nebeneinander legen, werden Sie eine immense Schnittmenge finden. Schließlich: Wir beklagen uns über die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten im Irak, über den Zwist zwischen Moslems und Hindus in Indien und so weiter. Da sollen wir in Deutschland nicht in der Lage sein, als katholische und evangelische Christen gemeinsam Gottesdienst zu feiern? Das will mir nicht in den Kopf. Wir sollten vielmehr als Christen ein Zeichen setzen. Und dazu gehören gemeinsame ökumenische Gottesdienste. Und wie sollten sich Eheleute verschiedener Konfessionen verhalten? Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Probleme sind nicht mehr dieselben wie früher, aber gerade bei Menschen, die ihren Glauben ernst nehmen, gibt es auch heute Schwierigkeiten. In den Familien gibt es doch Probleme genug. Da müssen wir als Kirchen nicht noch welche von außen aufladen, indem wir die Menschen nicht zu bestimmten Arbeitsplätzen zulassen oder ihnen die Kommunion verweigern. Ich denke, dass es diese Ehepaare als befreiend erlebten, wenn in einem ökumenischen Gottesdienst die Traditionen ihrer beiden Konfessionen geachtet würden. Solche Gottesdienste sind möglich, in Süd praktizieren wir sie – etwa beim Erntedankgottesdienst, bei Schulanfang und -abschluss; beim Park- oder Stadtfest haben wir ökumenische Gottesdienste, ebenso wie den ökumenischen Parkinselgottesdienst am Pfingstmontag. Einer Ihrer katholischen Amtsbrüder hat mir am Rande eines Interviews für diese Serie gesagt, dass Sie zwar kein Mobiltelefon haben, dafür aber wunderbar kochen könnten. Stimmt das? Wenn jemand sagt, ich könne gut kochen, freut es mich natürlich. Vielleicht stimmt′s ja auch. Aber zum Mobiltelefon: Wenn wir uns jetzt hier unterhalten, ist es gut, wenn wir nicht gestört werden. Und so ist es vor allem in Seelsorge- und Trauergesprächen. Ich bin meistens vor Ort bei den Menschen. Hätte ich ein Handy dabei und würde es klingeln, wäre die Gesprächsatmosphäre gestört – geschweige, wenn ich „dran ginge“. Da, wo ich bin, da bin ich ganz, und das ist wichtig und richtig. Richtig ist auch, dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält, oder? Also, meine Eltern haben gut gekocht, haben mir viel beigebracht. Ich habe es dann auch über Kochbücher gelernt, irgendwann mich freigeschwommen, und als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war, habe ich einmal in der Woche zu Hause gekocht. Das hat sich weiterentwickelt. Bei uns in der Familie ist das gemeinsame Essen sehr viel wert. Denn miteinander essen und trinken beinhaltet ja viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Hier geht es um gelebte Gemeinschaft. In der Bibel lesen wir, dass Jesus gegessen hat mit den Sünderinnen und Zöllnern, mit Frauen, die ihn unterstützt haben, mit Jüngern und Jüngerinnen. Er hat nach Ostern mit ihnen Fisch gegessen, in Emmaus hat er das Brot gebrochen und ist daran erkannt worden. Wir haben das Abendmahl als zentrales Element – in der katholischen Kirche ist es das wichtigste Sakrament. Und das „Profane“, das mir Spaß macht, ist, mit anderen etwas vorzubereiten und zu kochen; da entstehen Gespräche, wie auch beim Abwaschen und Wegräumen. Und wenn die Leute sehen, der Pfarrer macht ja den Herd sauber oder räumt das Besteck weg, da redet man ganz anders mit ihm als vorher. Solches Miteinander fördert Gemeinschaft. Alleine essen? Selbst wenn Sie mir das beste Essen hinstellen würden, es würde keinen Spaß machen. Ab zwei wird’s schön. Wie kommen Sie dann allein zurecht? Im Alltag ist es leider so, dass ich mir schnell was reinschiebe, weil ich Energie brauche, mir aber nicht die Zeit nehme, um mir einen ordentlichen Salat zuzubereiten, Bratkartoffeln zu machen oder ein paar Dampfnudeln anzusetzen. Ich stolpere diesbezüglich durch den Alltag und bin dann froh . . . . . . wenn Sie eingeladen werden . . . Ja, oder manche Gemeindemitglieder bringen mir was vorbei, meine Familie, Freunde kommen zu Besuch, ich habe Gäste, oder es findet eine gemeindliche Veranstaltung statt, bei wir gemeinsam kochen. Was bedeutet Ihnen die Kirchengemeinde? Auch sie gibt mir Kraft und trägt mich. Das habe ich jetzt wieder erfahren dürfen, als ich krank war. Familie, Freundschaften und Gemeinde bilden das Netz, das unter mir gespannt ist. Möchten Sie über die Krankheit und Ihre schlimmsten Befürchtungen sprechen? Ich bin schon seit einiger Zeit Krankenpfleger und Seelsorger. Das heißt, ich habe mit Situationen, die für Menschen belastend sind, beruflich viel zu tun und habe eine gewisse Professionalität entwickelt, die man auch braucht, um damit umgehen zu können. Aber es ist jeweils etwas anderes, wenn man sich auf der anderen Seite befindet: nicht vor dem Krankenbett, sondern im Bett liegend, nicht in der Intensivstation arbeitend, sondern als Patient behandelt zu werden. Und dann auch noch von der Möglichkeit erfährt, dass etwas vielleicht nicht gut ausgeht, lebensbedrohlich ist, dass man vielleicht eine Erkrankung hat, die zum Tod führt. Diese Sorgen „versteht“ man zwar, wenn′s andere betrifft, doch die eigene Angst sorgt für eine besondere Form der Wahrnehmung, die letztendlich zu einer „Gefühlserweiterung“ führt. Gewachsen ist in mir jedenfalls das Mitfühlen-Können mit Menschen, die ähnliche Situationen erleben. Sie haben in dieser Situation vermutlich oft gebetet. Wann soll man beten, wie oft sollte man beten? Entschuldigung, Ihre Frage ist meines Erachtens falsch gestellt. „Wann soll man beten?“, das kommt so von außen. Klingt wie: Du sollst, du musst beten. Ich glaube, dass es so nicht gemeint war. Richtig formuliert: Ich darf beten, wenn es mir danach ist. Und wenn ich schlau bin, bete ich, wenn mich was bedrückt, wenn ich in Schwierigkeiten bin, aber auch, wenn ich froh und glücklich bin und danken kann, oder wenn es um andere Menschen geht, deren Probleme ich mit Gott besprechen möchte. „Beten“ – das ist für manche unverständlich. Ich „rede“ mit einem guten Freund. Und es ist auch nicht so – ich habe es zumindest nicht erlebt –, dass ein Gebet in dem Sinne erhört würde, dass ich etwas zu Gott sage und ich danach eine Eingebung habe. Also eher eine Einbahnstraße? Nein, nein, Einbahnstraße ist es nicht – darauf vertraue ich. Und darauf, dass es ein Dialog ist, nur dass ich die Antworten nicht sofort bekomme, besser: wahrnehme. Aber im Laufe meines Lebens habe ich so viele Erkenntnisse gewonnen, dass das Gebet erhört wird, dass er antwortet. Ebenso vertraue ich, dass Fürbitte wirkt. Sie machen gerne Urlaub im „Gelobten Land“? Zum Auftanken mache ich Urlaub mit der Familie oder mit Freunden – nie alleine. Besonders gerne bin ich in Israel, in Ägypten und in Italien. In Israel war ich ein halbes Jahr, habe ein Studiensemester verbracht, habe unterschiedliche Menschen kennengelernt: Israelis jüdischer Abstammung, Araber, Palästinenser, Moslems, Christen. Auch das Land hat mich fasziniert. Ich habe dort unter anderem modernes Hebräisch gelernt, konnte es auch sprechen, musste dann aber nach Ägypten fliehen, weil im Herbst 2000 die Intifada, der zweite palästinensische Aufstand, anfing. Seitdem wandert mein Herz immer wieder nach Palästina, Israel und Ägypten. Ich bin sehr traurig über den aktuellen Gaza-Krieg, in dem Israel meiner Meinung nach den Fehler macht, einen schwächeren Gegner immerfort zu demütigen und zu peinigen. Ich bete für die Menschen dort.

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