Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Bestseller als Hörbuch: „Sie müssen schon Abitur machen“

Im Studio: Florence Brokowski-Shekete.
Im Studio: Florence Brokowski-Shekete.

Eigentlich wollte Florence Brokowski-Shekete einmal Stewardess werden. „Ich habe die Schule gehasst“, sagt die 58-Jährige, die als erste Schwarze Lehrerin Deutschlands gilt.

Heute ist sie Schulamtsdirektorin. Aber nicht nur das. Sie ist auch Autorin, Podcasterin und nun auch Hörbuch-Sprecherin. Ihr Spiegel-Bestseller-Debüt „Mist, die versteht mich ja!“ wurde als Audiobuch eingesprochen. Von ihr selbst.

Keinen Kaffee und auch keine Schokolade. An diese goldenen Regeln fürs Hörbuch einsprechen hat sich Brokowski-Shekete gehalten. „Das hat sonst eine speichelverklebende Wirkung, ich habe auch ganz viel Wasser getrunken, damit es nicht so schmatzt“, sagt die gebürtige Hamburgerin lachend. Im Jahr 2020 veröffentlichte die in Buxtehude und in Nigeria aufgewachsene Pädagogin ihre Autobiografie, machte ihr Leben öffentlich, erzählte, wie es war, als Schwarze bei einer Pflegemutter in Norddeutschland aufzuwachsen und sich in Lagos bei ihren leiblichen Eltern fremd zu fühlen.

Niemand wollte die Story

„Ich wurde oft nach meiner Herkunft gefragt. Wildfremde Menschen haben mich beim Einkaufen angesprochen und gesagt: Ich habe sie gerade sprechen hören, wie kommt’s, dass sie gut Deutsch reden? Mit dem Buch wollte ich Stereotype korrigieren, zeigen, wie es ist, eine weiße Mama und nigerianische Eltern zu haben, äußerlich Nigeria zugehörig, innerlich aber Deutsch sozialisiert zu sein“, erklärt sie. Brokowski-Shekete schrieb ab 2018, suchte einen Verlag über eine Agentin – und scheiterte zunächst. Niemand wollte ihre Story, bis sie auf eigene Faust fündig wurde. „Dass es ein Bestseller werden würde, hätte ich nie geglaubt“, sagt sie stolz.

Auch eine Hörbuch-Produktion war seitdem immer wieder Thema. Doch die Idee scheiterte zunächst – an ihr. „Ich wollte es selbst einsprechen, das war meine Bedingung!“, macht sie deutlich. Vorschläge, „ihre“ Geschichte von professionellen Erzählstimmen oder Schauspielerinnen einsprechen zu lassen, lehnte sie ab. „Es sollte authentisch sein und von mir kommen. Ich bin jedes Wort“, betont sie. Über einen digitalen Hörbuchverlag in Berlin kam nun tatsächlich die Produktion zustande, die Aufnahmen fanden im Studio von Haas-Publishing in Mannheim statt.

Lesung im leeren Raum

An vier Tagen sprach sie in Einheiten von je vier bis fünf Stunden ihre Geschichte ein. Statt aus Manuskripten, wie sonst üblich, las sie direkt aus ihrem Buch vor. Sechs bis sieben Stunden Hörbuch kamen so zusammen. Doch das pure Vorsprechen im leeren Raum war doch nochmal etwas anderes als bei einer Lesung. „Vor Publikum kann man einen Satz auch mal anders lesen, das fällt nicht auf. Aber hier musste ich mich an jedes Wort halten“, sagt sie und stolperte über das N-Wort.

Das schrieb sie 2020 in ihrem Buch noch aus. „Ich habe überlegt, denn bei Lesungen zucken betroffene Menschen manchmal zusammen. Ich habe auch weiße Freundinnen gefragt und mich letztlich dafür entschieden, es im Hörbuch „N-Wort„ zu nennen, da man es einfach nicht mehr ausspricht. Und um anderen nicht die Legitimation zu geben. In der Art, wenn Sie es sagt, dürfen wir es auch“, erklärt sie.

Mainzelmännchen als Publikum

Als kleines Publikum hatte sie ein Mainzelmännchen als Zuhörer im Studio dabei. Und einen Einspanner, um beim Buch halten keinen Krampf zu bekommen. Doch die Technik ist das eine, die abermalige Beschäftigung mit der eigenen Biografie löste auch Gefühle aus: „Ich habe mein Leben nochmal gelesen. Das kleine Mädchen tut mir leid. Aber ohne all diese Erfahrungen wäre ich nicht die, die ich heute bin“, sagt Brokowski-Shekete über ihr früheres Ich.

Die ersten neun Jahre lebte sie in Buxtehude bei ihrer weißen Pflegemutter. Dann besuchte sie eine Deutsche Schule in Lagos, doch ihre leiblichen Eltern unterstützten sie kaum. Die Noten waren schlecht, eine Klasse musste sie wiederholen, mit einem denkbar miserablen Zeugnis und dem Druck der Eltern, doch bitte Ärztin zu werden, kehrte sie dank der Hilfe einer Lehrerin nach drei Jahren zurück nach Deutschland. „Ich wollte Flugbegleiterin werden, einen anderen Beruf kannte ich im Grunde nicht. Mit 16 Jahren habe ich dann einen Aufenthaltstitel gebraucht. Doch bei der Ausländerbehörde hieß es, wir brauchen Sie nicht als Stewardess, Sie müssen schon Abitur machen und studieren“, erinnert sie.

Lehrerin erkennt Potenzial

Eine Lehrerin erkannte ihr Potenzial und setzte sich dafür ein, dass sie statt der Haupt- die Realschule besuchen konnte. Später schaffte sie tatsächlich das Abitur. „Sie hat die Weichen gestellt, sonst wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Brokowski-Shekete studierte selbst Grund- und Hauptschulpädagogik, um Jugendliche zu motivieren, sie „lebensfähig“ zu machen, sodass sie Schule nicht „hassen“, wie sie es lange Zeit tat. „1995 hieß es bei meinem Referendariat, ich sei die erste Schwarze Lehrerin in Deutschland“, sagt Brokowski-Shekete, die seit 2020 Schulamtsdirektorin am Staatlichen Schulamt Mannheim in Baden-Württemberg ist.

Info

Das Hörbuch „Mist, die versteht mich ja!“ soll am 5. April bei „Piet Henry Records Hannover“ erscheinen. Brokowski-Shekete möchte auch eine Fortsetzung schreiben, mit Schwerpunkt auf ihrer berufliche Laufbahn. Sie war auch Lehrerin an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Weinheim sowie Schulleiterin an der Hilda-Hauptschule in Schwetzingen.

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