Ludwigshafen Beste russische Schule
Vor wenig mehr als drei Wochen wurde Dmitry Shishkin erster Preisträger im Internationalen Musikwettbewerb in Genf. Nur einer von zahlreichen Preisen, die der junge Russe im Laufe seiner noch frischen Karriere mit nach Hause nahm. Im Großen Saal des BASF-Feierabendhauses stellte er sich nun in der Reihe „Junge Pianisten“ dem Publikum mit einem fast ausschließlich russischen Programm vor.
Dmitry Shishkin müssen wir uns wohl als ehemaliges Wunderkind vorstellen. Erste kleine Stücke auf dem Klavier mit zwei Jahren, erstes Konzert mit drei. Dann die klassische Ausbildung des Hochbegabten, in einer spezialisierten Musikschule in seiner Heimatstadt Tscheljabinsk, dann an der Gnessin-Musikakademie in Moskau, schließlich das Moskauer Konservatorium, wo die Neuhaus-Schülerin Eliso Virsaladse für das Finale sorgte. Kein Meisterkurs-Hopping, keine ellenlange Lehrerliste, beste russische Schule eben. Und das hört man. Gehört haben mussten es auch die Juroren internationaler Musikwettbewerbe, wo es nach einigen hinteren Plätzen 2017 einen ersten bei dem mit 30.000 Euro dotierten Top of the World–Wettbewerb im norwegischen Tromsö gab, und jüngst eben Genf. Was als Krönung noch fehlt, wäre der Moskauer Tschaikowskij-Wettbewerb, aber der sollte bei dem hoch aufgeschossenen 26-Jährigen schon noch drin sein. Shishkin hält seinen Auftritt im Gesellschaftshaus kurz. Erster Teil so an die dreißig Minuten, zweiter Teil gefühlte fünfunddreißig, eine Zugabe. Sehr ernsthaft alles, kein Schielen nach der Galerie, keine virtuose Effekthascherei, was das Programm wohl erlaubt hätte. Nikolai Medtners „Canzona serenata“ (aus dessen „Mélodies oubliées“ op. 38) ist reinste Spätromantik, und so klingt das auch: rhapsodisch weit ausholend, der Anschlag wunderbar rund, aber nicht zu süffig. Aus den mit der Opuszahl zwei versehenen „Vier Etüden“ des 18-jährigen Prokofjew hat die Zeit das aufmüpfige Potential an „falschen“ kompositorischen Verfahrensweisen wenn nicht herausgefiltert, so doch sehr entschärft. Provokantes Tonleitergeklingel, platt gebrochene Akkorde, Terzen- und Sextparallelen, dann und wann eine törichte kleine Melodie. Bei Shihskin klingt das, was Prokofjews Konservatoriumslehrer auf die Palme brachte, wie reines Gold. Technische Einwände gibt es natürlich keine. Und bevor sich jetzt alles zu einer großen Lobrede rundet auf einen von innerer Einsicht und äußerem Können bewegten Musiker, ein kleines Fragezeichen bei Debussy, dessen sarkastischer Etüde „Für fünf Finger nach Herrn Czerny“ der Übermut fehlte und der „Isle joyeuse“ die Leichtigkeit, die diese Watteau-Paraphrase zum Glitzern und Funkeln bringt. Für Skrjabins zweisätzige zweite Klaviersonate (gis-Moll, op. 10) war Shishkins unirritierbarer pianistischer Ernst freilich der richtige Ansatz, auch ohne Kenntnis des außermusikalischen Programms – Mondschein über dem ruhigen Meer, stürmisch bewegte Wellen – bestach der improvisatorische Gestus des ersten wie die manuelle Überlegenheit im zweiten. Zum Schluss, mit Rachmaninows zweiter Klaviersonate (b-Moll, op. 36) ein spätromantisch hochgefahrener Abstauber. Die drei Sätze sollen Faust, Gretchen und Mephisto abbilden, was hörend eher nicht gelingt. Fabelhaft übersichtlich und wie aus einem Guss gespielt war das. Das heißt, um Dmitry Shishkins Karriere muss einem da nicht bange sein.