Ludwigshafen Beschwingt und leichtfüßig

Vier Flötistinnen mit 40 Blockflöten unterschiedlicher Bauart und Größe: Was sich zunächst nach einem alltäglichen Kammermusik-Konzert anhört, entpuppt sich schon vom ersten Ton an als außergewöhnliches Klangerlebnis. Das Quartett Flautando mit Kerstin de Witt, Katrin Krauß, Ursula Thelen und Susanne Hochscheid gestaltete im BASF-Gesellschaftshaus eine anregende, fantasievolle Klassik-Matinee mit Musik aus 400 Jahren.
Leise, lang artikulierte Töne von vier unterschiedlichen Flöten eröffnen das Konzert scheinbar unspektakulär. Allmählich fügen sie sich unverkennbar zu einer klaren Renaissance-Harmonie. Ferne Trommeln werden durch rhythmisch gestoßenen Atem in eine rund 1,50 Meter hohe Subbassflöte simuliert. Es folgt ein romantisches Liebeslied mit geheimnisvollem Charakter, dann spielen zwei Sopranflöten zum Tanz auf: Vor dem inneren Auge entsteht die Szenerie eines spätmittelalterlichen Straßenfests. Die beschwingten Melodien des englischen Musikverlegers John Playford liefern dem Publikum die atmosphärische Grundlage, auch um die historische Bedeutung der Flöte zu kennzeichnen. Der Weg ins nächste Jahrhundert zu Johann Sebastian Bach ist nicht weit. Der große deutsche Komponist hat sehr viele Flötenkonzerte geschrieben, war doch die Blockflöte bis in seine Zeit im Musikbetrieb selbstverständlich – bis die Querflöte Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr die Oberhand gewann. Das Kölner Frauen-Quartett trägt dem Rechnung mit einer leichtfüßigen Interpretation des Vivaldi nachempfundenen d-Moll-Konzerts, das trotz der arithmetischen Genauigkeit der Melodiefolgen mit vielen Tempowechseln munter voranschreitet und einen wirkungsvollen barock-weltlichen Hintergrund entwirft. Die vier Flötistinnen, die sich vor über 25 Jahren bei einem Vorspiel während des Studiums in Köln kennengelernt haben und seitdem jedes Jahr auch international dutzendfach auf der Bühne stehen, sind blind eingespielt: Jede Einzelne ist quasi permanent als Solistin wahrnehmbar und dabei immer hochkonzentriert für das saubere Zusammenspiel in Tempo und Dynamik. Sie treten ohne erkennbare Hierarchie auf. In den abwechselnd vorgetragenen Zwischenmoderationen geht es nur um die Musik und deren Vortrag; den in der allgemeinen Konzertpraxis leider so oft praktizierten publikumsheischenden Starkult lassen sie einfach weg. Immer wieder wechseln die Musikerinnen unauffällig und äußerst behutsam die Flöten. Bis zu drei Mal innerhalb eines Stückes. So bleibt durchgängig der Spielfluss erhalten, und es können mehrschichtige Melodiereihen entstehen, bei denen es ungestörtes Vergnügen bereitet, zuzuhören und zu staunen. Bei den „sechs Bagatellen für Bläserquintett“ von György Ligeti (1923 bis 2006) haben sie das minimalistische Werk auf vier Stimmen arrangiert, „ohne nur einen Ton unterwegs zu verlieren“, wie Katrin Krauß schmunzelnd informiert. Die reine Spielfreude zeigt Flautando in den assoziativen und verspielten Melodien von „Swirling Leaves“ (umherwirbelnde Blätter), einer Komposition der Kanadierin Rachael Cogan. Mit verblüffend sicherer Atemtechnik entwerfen die vier wehend-wogende Klangteppiche: Wohl eins ihrer Lieblingsstücke, bei dem sie sich auch nach einem Vierteljahrhundert gemeinsamen Schaffens mit Begeisterung weiterentwickeln können. Glanzpunkte bei diesem klar konzipierten und professionellen Klassikkonzert setzt Ursula Thelen, die über ihr Instrument hinaus einen vielfarbigen, warmen Mezzosopran einzusetzen weiß. In einigen anatolischen Volksliedern, die von streitbaren Gefühlslagen wie Liebeskummer, Neid und Missgunst handeln, gibt sie mit ihrer Singstimme den rasanten Melodie- und Rhythmusfolgen noch zusätzliches emotionales Gewicht. Bei der bekannten englischen Ballade „Scarborough Fair“ zum Ende der Matinee intoniert Ursula Thelen die einzelnen Liedstrophen mit weitem Klangraum wehmütig und doch so diszipliniert, dass eine sentimentalisierende Pop-Stimmung wie in der Version von Simon and Garfunkel glücklicherweise unterbleibt.