Mannheim
Berliner Comedian Dominic Jozwiak im Capitol

Jozwiak liegt zweifellos richtig, wenn er vermutet: „Die meisten Leute von euch werden mich wahrscheinlich über Social Media kennen.“ TikTok und Instagram, zählt er auf. „Facebook, wenn ihr älter seid, Telegram, wenn ihr nicht geimpft seid“, in Anspielung auf den etwas fragwürdigen Ruf des russischen Messaging-Dienstes. Google nennt den Akteur eine „Internetpersönlichkeit“, während er selbst sich als Stand-up-Comedian sieht. In Mannheim allerdings empfiehlt er sich mehr als Conferencier und Talkmaster.
„Ich mache immer so 'ne Mischung aus Publikumsinteraktion und meinem Programm. Das ist immer so fifty-fifty“, leitet er seinen Auftritt im Capitol ein. Damit führt Jozwiak sein Publikum geradewegs in die Irre, denn am Ende seiner inklusive Pause rund zweieinhalbstündigen Show werden seine weithin belanglosen Plaudereien mit den Besuchern den überwiegenden Teil der Zeit eingenommen haben, während die lustigeren Stand-up-Passagen entschieden zu kurz kommen. Die Publikumsinteraktionen machen sein Programm geradezu aus, muss man nach dem Gastspiel des Berliners in Mannheim festhalten.
Stärken in der Moderation
Tatsächlich liegen Jozwiaks Stärken schon von Beginn seiner Karriere in der Moderation. Zusammen mit dem Kollegen Daniel Wolfson („In Da Club“) steht Jozwiak, der sich als Sohn polnischer Migranten „Joschwiak“ ausspricht, schon seit bald einem Jahrzehnt hinter Berliner Open-Mic-Shows wie „Bam!“, die er ansagt. Hier bietet sich vor allem Nachwuchscomedians die Gelegenheit, sich auszuprobieren und Bühnenerfahrung zu sammeln, wenn auch ohne Gage und meist nur vor kleinem Publikum.
„Ihr braucht keine Angst haben, Leute, ich bin im Internet viel gefährlicher als live“, bittet Jozwiak in Mannheim um freiwillige Mitarbeit. „Wo sind die Singles?“ fragt er. „Wo sind die Pärchen?“ und wünscht Handzeichen, die die Besucher wie Schüler aussehen lassen und das Capitol wie ein Klassenzimmer. Das passt auch fast noch zum Durchschnittsalter des Publikums, denn die meisten dürften die Schulzeit noch nicht allzulange hinter sich haben. Wie traurig es doch sei, wenn von einem Paar nur einer sich melde, führt der Comedian aus. Doch Singles seien ohnehin die spannenderen Gesprächspartner.
Vom Klassenzimmer zur Partnerbörse
So wandelt sich das Capitol vom Klassenzimmer zur Partnerbörse. Jozwiak hat ein zweites Mikrofon mitgebracht, das die meiste Zeit über im Saal bleibt, weil tatsächlich genügend - wenn nicht mehr als genügend - Besucher sich bereit zeigen, sich zu öffnen oder zu verkaufen und mit dem Bühnenkünstler über dies und das zu plaudern. Stets geht es um den Beruf und die Beziehungen, die zurückliegenden und die laufenden, in Gesprächen, wie man sie im Grunde an jeder Theke, in jedem Wartezimmer oder in öffentlichen Verkehrsmitteln hören und führen könnte. Dabei müssen Jozwiaks Dialogpartner gewappnet sein beziehungsweise es sich gefallen lassen, dass er ihre Aussagen wahlweise hinterfragt oder sich so zurechtbiegt, dass sie einigermaßen schräg aussehen. „Cringe“, sagt er dann, sei das, was die Zuschauer so preisgeben, „creepy“ oder „weird“, schauerlich, gruslig oder seltsam. Oder auch einfach nur „sehr cool“ oder „mega nice“. Über einen allzu großen Wortschatz scheint er nicht zu verfügen, kennt aber einige schlagfertige Einwürfe, die das Publikum unterhalten.
Zwischendurch, damit es nicht nur die Besucher sind, die sich in seiner Show offenbaren, liefert er portionsweise Stand-up-Comedy. Dafür hält er gerne Toilettenhumor oder Ausführungen über seine Sexualität bereit oder, schließlich ist gerade Europameisterschaft, über Fußballfans. Er beschreibt sie als Anhänger einer Sportart, für die sie selbst zu faul seien. „Und dann gehst du ins Stadion und feuerst jemanden an, der für dich dem Ball hinterherrennt. Das ist ein wundervoller Ansatz fürs Leben: Wenn man keine Lust hat, arbeiten zu gehen, wird man Fan von Leuten, die das tun.“ Anstelle von Fans in den Stadien, malt er sich Fans an den Baustellen aus, die den Arbeitern zurufen: „Nimm den Hammer in die Hand, du Idiot!“ und „Meine Nichte kann besser hämmern als du!“ Das ist ganz witzig, seine Plaudereien sind jedenfalls langweiliger.