Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Bekanntes wird noch bekannter“: Christine Bauer forscht über Künstliche Intelligenz in der Musikbranche

Achtung Manipulation! Dieses Bild ist von Künstlicher Intelligenz generiert worden. Es wurde von YT User HAL-9000 als Thumbnail
Achtung Manipulation! Dieses Bild ist von Künstlicher Intelligenz generiert worden. Es wurde von YT User HAL-9000 als Thumbnail für das Video »Eminem Cat Rap« verwendet - ein Song, der die Stimme des Rappers Eminem täuschend echt simuliert.

Interview: Darf die Stimme eines Rap-Stars gestohlen werden für ein Katzenvideo? Welchen Einfluss wird Künstliche Intelligenz auf Konsum und Produktion von Popmusik haben? Das wird im Future Music Camp der Mannheimer Popakademie diskutiert. Die Professorin Christine Bauer erzählt im Interview mit Gereon Hoffmann, wie automatische Empfehlungen auf Streaming-Plattformen jetzt schon die Musik verändern.

Frau Professor Bauer, Sie haben sich damit befasst, wie Algorithmen den Nutzern von Musik- oder Videoplattformen Empfehlungen geben. Wie geht das?
Es gibt zwei Ansätze. Zum einen über die Musik, da werden dann Stücke empfohlen, die dem bisher gehörten ähnlich sind, etwa im selben Stil. Der andere Weg geht über die Nutzer, die einen ähnlichen Geschmack haben. Wenn zum Beispiel sie und ich gemeinsam haben, dass wir viel Beatles und Stones gehört haben, nimmt der Algorithmus an, dass wir einen ähnlichen Geschmack haben. Wenn ich dann noch Bob Dylan höre, aber sie nicht, dann könnte der Algorithmus ihnen Dylan empfehlen. Im Musikbereich ist der zweite Weg stärker verbreitet, weil es dem entspricht, wie wir Musik konsumieren. Aber das funktioniert nicht, wenn ein neuer Künstler einen Song herausbringt, den noch niemand gehört hat. Dann wird auf die erste Methode zurückgegriffen.

Besteht nicht die Gefahr, dass unbekannte Künstler auf der Strecke bleiben?
Es ist tatsächlich so, dass Bekanntes viel eher weiterempfohlen wird. Das führt dazu, dass Bekanntes noch bekannter wird.

Die Suche nach Ähnlichkeiten bei Musik und Nutzern geht nach dem Prinzip „mehr vom Ähnlichen“. Kann das zu einer Einschränkung der Vielfalt von Musik führen?
Ja. Das ist eine Gefahr bei beiden Wegen, dass die Empfehlungen schon vorhandene Popularität verstärken. Allerdings hat die Forschung auch gezeigt, dass die Empfehlungen der Algorithmen oft diverser sind, als das, was die Nutzer selbst aktiv suchen. Es gibt aber eine Entwicklung, nach der sich Popularität und Umsatz auf wenige Künstler beschränken. Aus gesellschaftlicher Sicht finde ich das nicht ideal.

Ist dieses „mehr davon“ der Algorithmen nicht das, was die Artist & Repertoire-Manager der großen Plattenlabels schon immer gemacht haben: Etwas, das erfolgreich ist, reproduzieren?
Ja, das ist von der Idee her das, was die A&R-Leute vor den Algorithmen schon gemacht haben. Der Unterschied ist, dass die Algorithmen über enorm viele und ständig aktuelle Daten verfügen und diese analysieren. Andererseits gab es früher die Methode, bestimmte Songs und Künstler in den Markt zu drücken, indem Radiostationen und DJs die Sachen immer wieder gespielt haben und damit gezielt die Popularität gesteigert haben. Dies funktioniert über personalisierte Empfehlungssysteme nicht mehr in dieser Form, denn die einzelnen Nutzer bekommen unterschiedliche Empfehlungen. Deshalb gehen die Meinungen über Vor- und Nachteile der Empfehlungssysteme auch auseinander. Man kann prinzipiell seinen Song auch ohne ein großes Label hinter sich auf eine Plattform bringen. Und wenn die Mainstream-Musik zum Einheitsbrei wird, kann es eine Chance sein, etwas anderes zu machen. Aber das ist natürlich viel riskanter.

Hat der Musikkonsum via Streaming auch die Musik an sich verändert?
Es gibt zum Beispiel keine Intros mehr und der Refrain oder die Hookline kommen schon sehr früh. Es geht darum die Hörer sofort zu fesseln und mindestens 30 Sekunden zu halten, damit der Stream für die Abrechnung zählt. Die Songs werden immer kürzer, es werden Teile weggelassen. Zwei kurze Stücke bringen mehr Geld, als ein langes Stück.

Lassen Sie uns noch über den Einsatz von KI auf der Seite der Musikproduktion sprechen. Da gibt es ja schon Fälle, bei denen die Stimme eines Künstlers verwendet wird, um künstlich neue Werke zu schaffen. Beispiel ist ein Rap über Katzen von Eminem, den der echte Eminem aber nicht gemacht hat. Wie sehen Sie die Zukunft?
Die Entwicklung wird da sicher weiter gehen. Was momentan noch als Spaß gemacht wird, wird wahrscheinlich weiter vorangetrieben. Aber wenn ohne Rücksprache die Stimme eines Künstlers verwendet wird, dann greift das sehr stark in seine Persönlichkeitsrechte ein. Ich glaube nicht, dass Eminem über Katzen rappen würde. Da entsteht womöglich ein Image-Schaden und natürlich geht es auch darum, dass jemand anders mit der Stimme des Künstlers Geld verdient. Das ist nicht in Ordnung.

Blicken wir mal ganz weit in die Zukunft: Wäre es denkbar, dass KI irgendwann auch Popmusik komponiert, die Sounds aus Datenbanken generiert und am Ende dann Musik produziert, ohne dass ein Mensch beteiligt war?
Ich glaube nicht, dass das im ganz großen Maßstab passieren wird, aber es wird vermutlich Songs geben, die so entstehen. Es wird Mischformen geben, die in Teilen mit KI aufgebessert oder verändert werden. Da wird ja jetzt schon viel mit Computern gearbeitet. Es kommt auf die Stilrichtung an. Mit Drumcomputern sind ja auch neue Stilrichtungen gekommen. Andererseits wird es immer Musik geben, bei der es darum geht, bestimmte Musiker mit ihrem Stil und Spiel dabei zu haben, die eben nicht maschinell entstehen. Im Jazz etwa wäre ein Drumcomputer schon recht ungewöhnlich.

Jazz ist ja die Musik, die live und aus dem Moment entsteht. Wird das in Zukunft dann die einzige, authentische und menschengemachte Livemusik werden?
Mir würde da noch Klassik und Neue Musik einfallen. Es gibt verschiedene Arten des Musikkonsums und da steht nicht immer die Musik selbst im Mittelpunkt. Beim Sport oder beim Bügeln hat die Musik eine andere Funktion und wird nicht bewusst gehört. Da sagen manche, die könne mit KI entstehen. Aber wenn es darum geht, bestimmte Emotionen anzusprechen und mit der Musik etwas auszudrücken, ist das etwas anderes. Das wird wohl weiter von Menschen gemacht werden.

Wissenschaftlerin Christine Bauer.
Wissenschaftlerin Christine Bauer.
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