Ludwigshafen „Bei uns geht das ratzfatz“

91-86469833.jpg

Wachtmeister Peter Schelker (48) kümmert sich um Jugendkriminalität im Kanton Basel-Landschaft. Eine ländliche Gegend, in der rund 283.000 Menschen leben. Die Arbeitslosenquote liegt bei 3,1 Prozent. „Wir sind quasi der Speckgürtel um Basel herum“, sagt Schelker. Doch auch im Drei-Länder-Eck zwischen Schweiz, Deutschland und Frankreich gibt es Probleme mit kriminellen Jugendlichen. Die Delikte ähneln denen in Ludwigshafen: Körperverletzungen, Diebstähle oder Drogenhandel. „Unsere Klientel ist ähnlich“, sagt der Wachtmeister in nahezu perfektem Hochdeutsch. Der 48-Jährige war diese Woche zu Gast bei seinen Kollegen im Ludwigshafener Haus des Jugendrechts (Jurelu) – einer Einrichtung, in der Polizei, Staatsanwaltschaft und Sozialamt gemeinsam gegen Jugendkriminalität kämpfen. Martin Baumann (37), stellvertretender Leiter des Sachgebiets Jugendkriminalität, hat dem Gast aus der Schweiz die Arbeit seiner Dienststelle gezeigt. Das Jurelu gilt auch international als ein Modellprojekt für den Umgang mit jugendlichen Kriminellen. Aus Finnland und den USA sind Polizei- und Justizbeamte nach Ludwigshafen gekommen, um sich zu informieren. Im Gegenzug erfahren die deutschen Beamten, wie international agiert wird. Was Martin Baumann von seinem Schweizer Kollegen erfahren hat, beeindruckt ihn. Seit über 15 Jahren arbeiten im Kanton Basel-Landschaft ein spezieller Jugenddienst der Polizei und der Staatsanwaltschaft zusammen. Der Ansatz, kriminelle Jugendliche wieder auf den rechten Weg zu führen, ist derselbe wie in der Pfalz. Doch das Instrumentarium, das den Beamten dafür zur Verfügung steht, ist unterschiedlich: So können beispielsweise jugendliche Straftäter in der Schweiz, gegen die ein Hausarrest verhängt worden ist, mit einer elektronischen Fußfessel überwacht werden. In Rheinland-Pfalz ist das unzulässig. Jugendanwälte der Staatsanwaltschaft haben in der Schweiz außerdem weitreichendere Befugnisse, können kurze Jugendarreststrafen ohne Gerichtsverhandlung verhängen. Wenn ein Fall dann doch vor Gericht landet, passiert das in der Schweiz auch wesentlich schneller. „Das geht bei uns ratzfatz und dauert nicht länger als drei Monate“, erläutert Peter Schelker. „Bei uns dauert es durchschnittlich acht Monate, bis es zu einer Gerichtsverhandlung kommt“, sagt Martin Baumann. Dabei treten beide Justizsysteme dafür ein, dass jugendliche Straftäter möglichst schnell die Konsequenzen ihres Handelns spüren sollen, um eine erzieherische Wirkung zu erzielen. „Am Willen mangelt es bei uns nicht. Aber die Gerichte sind überlastet“, sagt Baumann. Der Kriminalhauptkommissar hält kürzere Verfahrenszeiten für wünschenswert. Die Befugnisse der Ermittler im Nachbarland seien nicht 1:1 übertragbar. Beim Vergleich gilt es auch die soziale Struktur zu beachten: In Ludwigshafen (knapp 170.000 Einwohner) ist die Arbeitslosigkeit dreimal so hoch wie im Kanton Basel-Land. In der Stadt gibt es eine Szene von jugendlichen Serienkriminellen, im Polizeijargon Mehrfach- und Intensivtäter genannt. Zwischen 50 und 80 solcher Jugendlichen sind polizeibekannt. Auf ihr Konto gehen Handy-Diebstähle, Einbruchserien in Schulen und Kitas, Sachbeschädigungen und Schlägereien. Es sind Jugendliche, die in einer Parallelwelt zur bürgerlichen Gesellschaft leben. Die Schule besuchen sie kaum, ihren Eltern sind sie oft egal. Sie leben meist in sozialen Brennpunkten. Die Deliktzahlen der Mehrfachtäter sind gewachsen. Im Baseler Umland sinkt hingegen die Jugendkriminalität. „Bei uns ist das eher eine ländliche Gegend mit vielen Tälern. Da kennt jeder jeden“, sagt der Schweizer Wachtmeister. Während es im Jurelu 18 Sachbearbeiter für Jugendkriminalität gibt, sind es im über 100.000 Einwohner größeren Basel-Land lediglich acht Beamte. „Das spiegelt auch die soziale Struktur wider“, meint Martin Baumann. Der Erfahrungsaustausch zeige aber, „dass es bei uns in Ludwigshafen Verbesserungsbedarf gibt. Normal sind wir im internationalen Vergleich das Vorbild. Durch Peter habe ich Demut gelernt“, sagt der Hauptkommissar und lächelt. Aber auch der Schweizer nimmt nach einer Woche Anregungen mit. Im Jurelu gibt es Fallkonferenzen, bei denen Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt ein gemeinsames Vorgehen gegenüber einem kriminellen Jugendlichen festlegen. „So eine Fallkonferenz finde ich überlegenswert für uns. Wir sprechen uns auch ab, aber nicht so institutionalisiert“, meint Peter Schelker. Bei allen Unterschieden in der Polizeiarbeit überwiegen seiner Meinung nach die Gemeinsamkeiten. „Wir haben beide das große Ziel, ein Umdenken bei den Jugendlichen zu erreichen. Und wir haben beide ein Herz für die Jugend.“

x