Die Stadtkolumne Quintessenz
Baustellen ohne Ende
Ludwigshafen ist eine einzige große Baustelle. Diesen Eindruck habe ich gerade Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ein Ende ist leider nicht in Sicht. Sowohl im Umfeld der Redaktion in der Innenstadt als auch im Stadtteil Süd, wo ich seit bald 18 Jahren zu Hause bin.
In dieser Zeit hat sich meine Wahlheimatstadt sehr verändert. Vor allem durch den Bau des S-Bahnhofs Mitte und die vielen Neubauten am Rheinufer Süd. Und auch dadurch, dass Tausende Neubürger in die Stadt gezogen sind. So gravierend und bedrohlich im Hinblick auf die Lebensqualität wie aktuell habe ich die vielen Bauarbeiten jedoch bisher nicht empfunden.
Das mag daran liegen, dass die Projekte am Rheinufer relativ schnell fertig geworden sind. In einem Jahrzehnt ist hier ein neues Viertel entstanden. So ähnliche Quartiere habe ich auch schon in München und Frankfurt entdeckt. Für eine gute Mischung in der Stadtgesellschaft ist es wichtig, dass nicht nur Menschen mit kleinem Geldbeutel nach Ludwigshafen ziehen und dass hier neue, moderne Arbeitsplätze entstehen. Das macht die Arbeiterstadt mit dem schlechten Image sicher insgesamt attraktiver.
Für mehrere Projekte im Umfeld der Redaktion gilt beides – flottes Bautempo und eine Imageverbesserung – allerdings gar nicht. Der Abriss der Hochstraße Süd mag zwar gerade zügig über die Bühne gehen. Aber die Aussicht darauf, dass hier mindestens bis Mitte der 20er-Jahre eine neue Straße auf Stelzen gebaut wird, ist verheerend. Hinzu kommt, dass in diesem Teil der Innenstadt schon bald gar keine Grünflächen mehr vorhanden sein werden, sobald mit dem Bau des neuen Polizeipräsidiums am sogenannten Südwestknoten begonnen wird. Die Weiße Hochstraße muss auch noch saniert werden. Manche glauben auch noch daran, dass das „Metropol“-Hochhaus irgendwann Wirklichkeit wird. Bloß nicht!
Hunderte Wohnungen sollen zudem auf dem Gelände der Pfalzwerke an der Kurfürstenstraße und auf dem ehemaligen Halberg-Areal errichtet werden. Freie Plätze für dringend benötigte Kindertagesstätten und Schulen sucht die Stadtverwaltung dagegen schon seit Jahren in diesem Stadtteil vergeblich. Etliche Spielplätze wurden zwischenzeitlich für neue Kitas geopfert. Immer wieder diskutieren Politiker daher darüber, ob man nicht auch einen Teil des Sportparks an der Saarlandstraße bebauen könnte.
Vor diesem Hintergrund denke ich mittlerweile viel darüber nach, ob es Grenzen für das Wachstum einer Stadt wie Ludwigshafen gibt und wie und wo die Verantwortlichen diese Grenzen ziehen sollten und müssten. Wie viele Menschen können hier gut und zufrieden leben? 200.000 oder gar 300.000? Wie soll sich Ludwigshafen in den nächsten zehn bis 20 Jahren entwickeln? Wie viele Wohnungen und Gewerbeflächen werden gebraucht und sind mittelfristig sinnvoll? Wie viele Menschen, Gebäude und Straßen kann die Stadt vertragen, ohne dass die Lebensqualität der Bewohner leidet? Wie viel Gedränge, wie viel Lärm, wie viel Verkehr?
Es geht nicht nur um einzelne Projekte und die Interessen einzelner Investoren, sondern um eine Vision für die ganze Stadt: Ludwigshafen 2050. Gibt es eine solche Vision? Wer macht sich darüber Gedanken? Ich tu’s. Mit großer Sorge.