Ludwigshafen
Bürger stehen für Rathaus-Pflanzen Schlange
Mit Spaten und Handschuhen gräbt Gärtnermeister Roland Roese gemeinsam mit Auszubildenden und Angestellten der Stadtverwaltung die Begrünung der Terrasse vor dem früheren Stadtratssaal und den Sitzungszimmern aus. Die verschiedenen Sedum-Arten sind hart im Nehmen. Seit Monaten werden die Bodendecker nicht mehr gegossen und sind auf Regen angewiesen. Doch der ist seit Wochen nur spärlich gefallen.
In Kisten werden die losen Pflanzen über Treppen zum Rathausplatz heruntergetragen. Dort stehen schon die Menschen Schlange, um die Pflanzen umsonst zu ergattern. Es ist ein heißer Sommertag und so mancher Mitarbeiter hat schon den ein oder anderen Schweißfleck auf dem T-Shirt. Sie steigen ständig die Treppen hoch und runter, um Nachschub zu holen. Die Menschen haben Plastiktüten oder Klappkisten mitgebracht, um das Grün abzutransportieren. Ein Mann aus Mundenheim hat gleich einen Fahrradanhänger mitgebracht. Er will eine alte Mauer in seinem Garten damit bestücken. Alle wollen ein Stückchen Grün vom Rathaus-Center ergattern, bevor es bald abgerissen wird. Am Fuße der Treppe steht ein Tisch, vor dem sich die Menge versammelt. Die vollen Kisten werden hier abgestellt, und jeder kann sich etwas nehmen. Sind die Kisten leer, kommt Nachschub von oben von der Terrasse.
Positive Resonanz
„Ich bin hier, weil ich die Idee toll finde und die Aktion unterstützen möchte. Ich finde es gut, dass die Pflanzen nicht einfach weggeschmissen werden“, sagt Ursula Burns. Die 67-jährige Friesenheimerin hat einen großen Garten, in dem die Dickblattgewächse einen Ehrenplatz bekommen sollen. In ihre Tüte hat sie zwei Bodendecker gepackt. „Die päpple ich so auf, dass die Bienen und andere Insekten ihre Freude dran haben in meinem Garten“, sagt sie und lacht.
Ein paar Meter weiter steht Rainer Baschwitz. Der 68-Jährige wohnt in Mannheim, seine Mutter in Mundenheim. Sie hat ihm Bescheid gesagt, dass die Aktion stattfindet. Baschwitz hat eine orangefarbene Plastikkiste dabei, in der sich schon einige Bodendecker befinden. „Die sind robust. Man konnte auf diesen Anlagen am Center keine pflegeintensiven Pflanzen haben, das hätte ja auch keiner finanzieren können“, sagt er. Der Rentner hat einen grünen Daumen und kennt sich gut mit Pflanzen aus. Ein junger Mann ist ebenfalls aus Mannheim gekommen, um sich die Bodendecker für die Balkonkästen seiner Wohnung zu holen. Da war bisher Rindenmulch drin. Etwa zehn Minuten hat er warten müssen, bis er die städtischen Pflanzen einpacken konnte.
Genug für alle
Eine Ludwigshafenerin, die in der Nähe des Rathaus-Centers arbeitet, ist auf einen Sprung vorbeigekommen. „Ich nehme mir was zur Ergänzung meines Gartens mit. Und für mich ist es auch eine Erinnerung an das Rathaus-Center“, sagt die 50-Jährige. „Die Aktion ist toll. Ich finde es super, dass die Pflanzen noch an den Mann oder die Frau gebracht werden“, sagt sie und muss weiter.
Oben auf der bepflanzten Dachterrasse ist genug für alle da. „Hier gibt es 5000 Quadratmeter Dachbegrünung“, sagt Gärtnermeister Roland Roese. Die Bodendecker bestehen aus verschiedenen Sedum-Arten, erläutert er. „Die sind trockenverträglich und haben keine tiefen Wurzeln“, sagt er. Der Gärtnermeister ist erfreut über die Resonanz auf die Aktion der Stadt. „Es sind mehr Leute gekommen, als wir gedacht haben“, meint er. Nicht alle Pflanzen auf den Terrassen werden heute ein neues Zuhause bekommen. Ein großer Feigenbaum und größere Gehölze können nicht so einfach ausgegraben und den Leuten mitgegeben werden. „Was weiter verwertet werden kann, wollen wir auch weiter nutzen“, sagt Roese.
1,5 Hektar Außenanlagen
Weiter oben im dritten Obergeschoss befindet sich noch eine weitere Dachterrasse. Hier war früher das Standesamt. Zum Rathaus-Center gehören Terrassen und Grünbepflanzung auf einer Gesamtfläche von 1,5 Hektar. Fledermäuse, Eidechsen oder anderes schützenswertes Getier wurde dort nicht entdeckt – zur Erleichterung der Abbruchexperten, denn dies hätte eine Umsiedlung notwendig gemacht.
Rund 80 Millionen Euro soll der Abriss des 1979 eröffneten Rathaus-Centers kosten. Im Turm sind bereits erste Stockwerke in den Rohbauzustand versetzt worden. Nach der Entkernung des restlichen Gebäudes werden Bagger mit Greifzangen das Dach und die Etagen 15 bis 10 zerlegen. Dann machen Longfront-Bagger mit langen Greifarmen vom Boden aus weiter. Bis Ende 2025 soll das Rathaus-Center verschwunden sei. Übrig bleibt dann eine Bodenplatte.