Ludwigshafen Böser Pinocchio, unartiger Prinz
Mit spaßigen Männerduos für die Kleinen und bizarren alten Weibern für die Großen ist in Mannheim die „Imaginale“ zu Ende gegangen. Das Figurentheaterfestival bestätigte die Trendthemen Clownstheater und alternde Gesellschaft. Unvermindert interessant sind Überschneidungen mit anderen Genres.
Nicht gleich zu erkennen sind Clowns, wenn sie als unartiger Prinz und korrekter Butler ein „Wolfsspiel“ um einen weiß gedeckten Tisch treiben. Die beiden Clowns vom Teatro Distinto bei Turin sind begnadete Schauspieler. Mit grotesker Bewegungskomik erzählen sie von der Lust, den Wolf, volkstümlich: die Sau, herauszulassen. Das absurde Theater ohne Worte spricht Kinder und Erwachsene gleichermaßen an. Der Prinz, hemdsärmelig und in Strümpfen, bringt als böse knurrender Wolf ein angstschlotterndes Quietschtier nach dem anderen zur Strecke. Der Butler sammelt sie ein, macht sie wieder heil, trägt dem Prinzen Gehrock und Schuhe nach. Als dieser einer niedlichen Mädchenpuppe den Kopf abgebissen hat, bringt ihn der Butler dazu, den Wolf in einen Käfig einzusperren. Aber da nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. „Herr Papier und Don Karton“ vom Theater de Spiegel in Belgien sind zwei liebenswürdige skurrile Clowns. Aus hauptsächlich Papier und Karton erschaffen sie eine Spielwelt voller fantastischer Abenteuer. Herr Papier fuchtelt und schnippelt mit der Schere, Don Karton bläst auf einem Küchentrichter und trommelt auf einer Blechflasche. Ihr Spiel ist für unsere mit Massenspielzeug überschütteten Kinder eine bezaubernde Anregung, mit Fantasie und einfachsten Dingen tolle Geschichten zu spielen: Geschichten vom Reiten und Fliegen, von Wasser und Wolken, von Eingesperrtsein und Freiheit. Ausgangspunkt ist oft ein Buch. Da wird dann „Odyssee“ zu „O die See“ und ab geht’s mit gefaltetem Schiffchen und ausgeschnittenen Figürchen. Die sparsam verwendete Sprache besteht aus ulkigen Wortkonstruktionen. Puppenspiel ist die wohl älteste Form von Theater. In seiner derzeitigen Renaissance ist es aber auch radikale Avantgarde, die sich gern in Cross-over-Formen äußert. Iris Meinhardts „Intimitäten“ sind Performance-Kunst, die sich „Cinematographic Theatre“ nennt. Mit mittelalterlicher Handschrift und Livekamera begibt sie sich im weißen Kleid auf die Suche nach dem Ich, das sich im Körper materialisiert. Monumental vergrößerte Detailaufnahmen verfremden den Körper, mit Videos tritt er in Interaktion. Musik und Sprache sind elegisch, ein Stück für Ästhetiker. Vom entgegengesetzten Ufer kommt das Theater half past selber schuld aus Düsseldorf um die Musikerin Ilanit Magarshak-Riegg und den Comiczeichner und Autor Sir Ladybug Beetle. „Pinocchio Sanchez“ ist ein Bühnencomic aus dem Geist der Moritat über einen kleinwüchsigen Burschen mit Holzprothesen. Die Moral steht am Anfang. Man sieht eine Grille. Aus dem Off ärgert sich Pinocchio über den ungebetenen Gast, der Schulmoral predigt. Ein riesiger Finger schießt vor und aus ist es mit der Grille. Collodis hölzernes Bengele ist gar nicht so nett. Ist sein Vorbild vielleicht doch ein gewisser Pinocchio Sanchez, ein Findelkind, das unter Sauf- und Raufkumpane gerät und in Napoleons Krieg zieht? Weil er so klein ist, kommt er meistens schlecht weg, verliert seine Beine, geht zum Zirkus, endet jämmerlich. Acht Akteure in schwarzen Kutten mit unterschiedlichen Spieltechniken sind auf der Bühne. Plexus Polaire aus Nevers, eine Truppe um die Norwegerin Yngvild Aspeli, greift das Thema Alter als komisch-makabre „Opéra Opaque“ auf. Madame Silva, die Puppe, ist eine jener alten Damen, wie man sie vor einem knappen Jahrhundert in Frankreich antreffen konnte: Sorgfältig frisiert und geschminkt, mit Pelzboa aufgedonnert, herrisch bis unangenehm. Madame Silva lebt in den Alpträumen ihrer Kindheit, einem gucklochartig verengten Schattenspiel. Umsorgt, das heißt gespielt, wird sie von einem burlesken Dienerpaar. Zum Festivalfinale bestand ein „Puppetry-Slam“, der von Jana Heinicke in Berlin etabliert wurde, die Probe beim Mannheimer Publikum. Antreten konnte jeder zu einem eigenen Sieben-Minuten-Sketch und einer Improvisation. Gefragt waren aber doch eher fortgeschrittene Talente. Die drei Kandidaten mit Bühnenerfahrung wurden gleich mitgebracht. Das Publikum kürte Caspar Bankert, Student an der Berliner Hochschule Ernst Busch.