Mannheim
Ausweichspielstätte am Luisenpark: Improvisiert wird nicht
Der Rundgang über eine Baustelle könnte beschwerlicher sein. Die Oper am Luisenpark, eine stattliche Leichtbauhalle, die als Ausweichspielstätte für das Nationaltheater Mannheim (NTM) errichtet wurde, ist noch eine Baustelle – aber eine fast fertiggestellte. Noch ein bisschen der Außenbereich, ein paar Kleinigkeiten im Foyer und an der Haustechnik sind zu richten. Aber der Probenbetrieb läuft bereits.
Dominic Zerhoch, einer der Pressesprecher des NTM, übernimmt die Führung. Er spricht davon, dass es darum gehe, das neue Haus, mit seinen 760 Plätzen, mit Leben zu erfüllen. Und er erklärt, wie ein Teil der enormen Kosten für die Ausweichspielstätte wieder hereinkommen sollen.
Auf 26 Millionen Euro waren die Kosten zuletzt angewachsen. Und der Weg zum Opal war voller Hürden, ständig musste man improvisieren: Die ursprüngliche Baugesellschaft ging pleite, aber das Team des Nationaltheaters habe ständig mitgedacht und eigene Ideen entwickelt, so Zerhoch. So habe der angepasste Kostenrahmen letztlich eingehalten werden können.
Die Lampen im Zuschauerraum stammen beispielsweise aus der alten Spielstätte am Goetheplatz, auch die Schallelemente an Decken und Wänden, die Beleuchtungstechnik und die Tontechnik. Neuester Streich: „Wir wollen Stuhlpatenschaften vergeben“, so Zerhoch. Motto: „Sitzen Sie ein Zeichen.“
Überhaupt das Mobiliar und der Klang. In einer Leichtbauhalle Oper aufführen zu wollen, mag ja schon eine Herausforderung sein. Eine Drehbühne unter dem 35 Meter hohen Bühnendach ist eingebaut. Aber der Zuschauerraum ist ein klassisches Boxdesign. Schwierige Akustik ist zu erwarten. Doch weit gefehlt: Bei den ersten Proben habe sich herausgestellt, dass das Akustikbüro aus München ganze Arbeit geleistet habe, so Zerhoch. „Und da waren die Stühle noch unter Folien.“ Der Klang des Hauses habe eine unglaubliche Präsenz.
Vorsichtig öffnet Zerhoch Türen und horcht, bevor es weitergeht. Denn der Probenbetrieb läuft bereits auf Hochtouren. Die Lichttechniker sind gerade an der Reihe. Ein Verfolgerlicht malt wilde Figuren auf die Bühne, Grüppchen stehen zusammen und diskutieren. Viele Monitore leuchten, von denen die gesamte Lichttechnik gesteuert wird. Hinter der Bühne stehen Gerüste und verlieren sich im Schwarz des Schnürbodens. „Bitte nicht hinaufklettern“ steht auf einem Zettel. „Das ist noch von der Einweihungsfeier im Juni“, sagt Zerhoch. Damals war gerade der Fußboden in der Halle gegossen worden.
Backstage werden Requisiten angeliefert und aufgebaut. An eine großen Verladerampe können die Lastwagen heranfahren. Im Orchestergraben ist bereits die nächste Probe in Vorbereitung, während viele der Musiker mit dem Fahrrad und den Instrumenten auf dem Rücken zum Seiteneingang rollen. Fast alle haben ein Lächeln im Gesicht. Ist es die Neugier, wie alles funktionieren wird, die derart die Laune hebt? Oder die Aussicht, dass es endlich wieder Oper gibt?
Zur Eröffnung gibt es ein Spektakel
Die Requisiten und Bühnenbilder bittet Zerhoch beim Rundgang nicht zu fotografieren, man wolle den Spannungsbogen aufrechterhalten für das Publikum. Die erste Inszenierung am Samstag, 12. Oktober, soll „Création(s)“ heißen, „das ganz große Schöpfungstheater zur Eröffnung der Oper am Luisenpark“. Unter der musikalischen Leitung von Clemens Heil wollen Regisseur Lorenzo Fioroni, Bühnenbildner Paul Zoller und Kostümbildnerin Sabine Blickenstorfer eine ganz eigene Version der Schöpfungsgeschichte inszenieren. Dass dazu offenbar auch eine wirklich riesige Diskokugel gehört, ist am Bühnenrand zu sehen.
Durch einen breiten Gang geht es in den Backstage-Bereich. Ein eigenes Containerdorf neben der dunkel gestrichenen Leichtbauhalle. Zwei Stockwerke hoch, 140 Container für Künstlerinnen und Künstler, Verwaltung, Duschen. Die Beschriftung der Einspielräume ist noch provisorisch, aber man hört, wie sich eine Sopranistin einsingt. Spinde und Mobiliar wirken zusammengewürfelt. „Das haben wir alles aus der alten Spielstätte mitgebracht“, sagt Zerhoch. Funktioniert ja auch. An einem Spind hat ein Künstler bereits persönliche Bilder angeklebt – die Übergangsspielstätte wird zur Heimstatt, das Leben zieht tatsächlich ein.
Der technische Direktor Harald Frings biegt federnden Schritts um die Ecke. Nein, der Stress lege sich derzeit nicht, sagt er. „Das nimmt im Moment gerade noch zu.“ Dabei blitzt auch bei ihm ein Lächeln auf. Aber große Problem gebe es sicher doch nicht mehr, oder? Frings zeigt zum anderen Ende des Flurs, wo „irgendein Mensch den Fußboden aufgerissen hat, um noch Kabel zu verlegen, darum habe ich mich gerade gekümmert“.
Und dann gebe es noch Ärger im Orchestergraben. „Der einzige Teil der Leichtbauhalle, der ins Erdreich hineingebaut worden ist“, so Frings. Dort habe man eine Fußbodenheizung installiert, um die klimatischen Verhältnisse perfekt einzustellen. Ein Holzboden wurde verlegt und mit Bühnenöl getränkt – nichts darf knarzen oder knacken. „Das ist alles schon vor einiger Zeit passiert – aber heute ist der erste Tag, an dem die Heizung an ist.“ Die ersten Musiker hätten schon über Kopfschmerzen geklagt. „Wir lüften das jetzt“, so Frings, ehe er schnellen Schritts verschwindet.
Zurück im Foyer ist der große Hubsteiger inzwischen verschwunden, von dem aus Elektriker vor einer Stunde noch Kabel zogen. Dafür ist ein Thekenbereich komplett fertig. „Da war heute Morgen noch nichts“, so Zerhoch. Das Publikum müsse sich keine Sorgen machen, die ersten Inszenierungen auf einer Baustelle zu erleben. Und auch die Erreichbarkeit sei ideal: Die Parkplätze Friedensplatz 2 und 3 gibt es für Zuschauer von außerhalb, und die Straßenbahn hält direkt vor der Tür (Haltestelle Luisenpark). Eine Beschilderung komme noch – und eine Außenwerbung an der Fassade, so Zerhoch.
Termin
Am Sonntag, 13. Oktober, gibt es ab 11 Uhr Führungen durch das Gebäude. Eintritt frei.