Heidelberg
Ausstellung zeigt erschütternde Fotos aus psychiatrischen Einrichtungen
Da steht er. Ein Mann wie ein Baum. Selbstbewusst. Hat die Arme über der Brust verschränkt. Das Kostüm? Karnevalesk. Ein Indianer? Alles falsch. Der Mann ist Patient in der kantonalen Irrenanstalt Waldau in Bern. Wegen seines auffälligen Verhaltens weggeschlossen in einer Varekzelle. Das ist ein fensterlosen Gelass, in dem es außer Seegras nichts gibt. Da geht einer nur ohne Kleider rein. Aus dem Seegras hat der Mann sich eine Art Lendenschurz, eine Schärpe, ein Stirnband und Strumpfbänder gebastelt. Auf dem Kopf trägt er eine improvisierte Krone. Neben der geöffneten Tür steht der Wärter. Offene Weste über der weißen Schürze. Krawatte, eingestecktes Brusttüchlein, man sieht die Kette der Taschenuhr, den Schlüsselbund und einen Vierkantschlüssel in der Rechten.
Erstaunliche Qualität
Die undatierte und anonyme Aufnahme ist vor allem eines: interpretationsbedürftig. Das trifft eigentlich auf alle dieser oft bemerkenswert qualitätvollen Fotos zu. Meist sind es (den technischen Möglichkeiten der Zeit angepasst) Glasdias, die als Anschauungsmaterial für wissenschaftliche Vorträge benutzt wurden, zur Illustration von Publikationen, in Lehrbüchern zur Ausbildung des Pflegepersonals und in Broschüren, die so um 1930 eine oft skeptische Außenwelt über das informieren sollten, was „hinter Mauern“ so ablief. Oder auch in privaten Fotoalben auftauchten, wie in denen des für den nach ihm benannten Test berühmten Hermann Rohrschach, der von 1909 bis 1913 Assistenzarzt in Münsterlingen und von 1916 bis zu seinem Tod 1922 Oberarzt in der Heil-und Pflegeanstalt Krombach in Herisau war und der vielleicht prominenteste Beiträger zu dem in der Ausstellung versammelten (und besucherfreundlich vergrößerten) Fotomaterials sein dürfte.
Fotografiert (meist wohl privat und ohne Auftrag) wurde vor und nach 1900 oft von den Ärzten selbst, unter denen sich meist nur geduldet und mit Kettenverträgen abgespeist in ihrem Fach promovierte Frauen befanden, die nie über die Assistenzärztin hinauskamen und allzu oft mehr oder weniger hinauskomplimentiert wurden. So geschah es Marie von Ries-Imchanitzky (1889 bis 1942), die den heutigen Patientenkunst-Star Adolf Wölfli bis zu seinem Tod ärztlich betreute. Und deren Aufnahmen und die ihres Mannes Julius von Ries, darunter auch private, in der Waldau zurückblieben, als beide diese verließen. Selbstbewusst zeigt sie sich (beglaubigt durch den auf dem Foto sichtbaren Selbstauslöser) inmitten des Anstaltspersonals und als Frau mitten in einem Wachsaal für „unruhige“ Männer.
Drei-Klassen-System
Das alles sieht proper und ziemlich harmlos aus. Wie auch die Aufnahmen von Fasnachts-, Tanz- und Kirmesveranstaltungen sowie Theateraufführungen und Vorleserunden ein fast beschauliches Bild vom Leben hinter Anstaltsmauern vermitteln. Viele Aufnahmen zeigen Hospitalisierte bei der Arbeit. Die war Teil der Therapie. Männer arbeiteten als Dachdecker, Gemüseputzer und Holzhacker, Frauen sieht man bei der Heuernte, beim Bandweben oder Sticken. Bei den fotografierten Porträtmalerinnen dürfte es sich um Erster-Klasse-Patientinnen handeln, die es mit zwei Zimmern, Diener und gutem Essen im üblichen Drei-Klassen-System allemal unendlich viel besser hatten als die armen Teufel von Klasse drei. Bitter liest sich der Hilferuf eines jungen Mannes, der seine Mutter anfleht, ihn doch in die zweite Klasse aufrücken zu lassen, er könne den Anstaltsfraß nicht mehr aushalten.
In die Faszination mischt sich bald Unbehagen. „Hinter Mauern“ ist keine leichte Kost. Dem schönen Schein des geordneten Anstaltsalltags widersprechen Fotos, die Menschen mit zerstörten Gesichtern, in verkrampften Haltungen, fixiert, im Dauerbad, in Anstaltskleidung oder nur Unterwäsche zeigen. Das Personal: bis in die 1920er-Jahre unausgebildet, seelisch und körperlich überfordert, hohe Fluktuation, erbärmliche Bezahlung, der Betreuungsschlüssel: unterirdisch. In deutschen oder österreichischen Einrichtungen wird es ähnlich ausgesehen haben. Insofern ist die Arbeit des Forscherteams um Katrin Luchsinger und Martina Wernli nur zu bewundern. Dreitausend Fotografien aus sechs Anstalten wurden für die Ausstellung ausgewertet, die in Heidelberg ihre Premiere feiert, bevor sie im Kunstmuseum Thurgau und dem Psychiatrie-Museum Bern heimischen Boden erreicht.
Die Ausstellung
Bis 31. Juli in der Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, Voßstraße 2. Dienstag bis Sonntag 11 bis 17, Mittwoch bis 20 Uhr; www.sammlung-prinzhorn.de