Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ausgezeichnet: Vom Kino zur Kinderbibliothek

BID-Präsidentin Sabine Homilius überreicht Raumdesigner Aat Vos die Karl-Preusker-Medaille.
BID-Präsidentin Sabine Homilius überreicht Raumdesigner Aat Vos die Karl-Preusker-Medaille.

Der niederländische Architekt Aat Vos verwandelt Bibliotheken in lebendige Orte und Zentren kreativer Ideen. Auch einen ehemaligen Ludwigshafener Kinosaal will er zur Kinderbibliothek umbauen – genau dort wurde der international renommierte Raumdesigner jetzt mit der Karl-Preusker-Medaille gewürdigt.

Es war nicht eine seiner perfekt durchgestalteten Büchereien in Köln oder Würzburg, die Aat Vos als Ort für die Preisverleihung wählte, sondern etwas Unfertiges: Nämlich der einstige Kinosaal im Bürgermeister-Reichert-Haus in Ludwigshafen, den Aat Vos in eine Kinderbibliothek umformen will. Und so musste der Ehrengast mit dem Zwirbelbart wie die anderen Gäste erstmal den schiefen Kinoboden bis zu den Sitzplätzen erklimmen. Die Neigung des früheren Lichtspiel- und Kulturhauses, sie steht auch symbolisch dafür, dass es nach der Renovierung des Hauptgebäudes weiter aufwärts geht mit den Räumlichkeiten der Stadtbibliothek.

Noch ist die benachbarte Kinderbücherei veraltet und beengt, und auch der frühere Kinosaal dunkel und mit Filzteppich ausgestattet. Dank der Ideen der für seine Gestaltung „Dritter Orte“ bekannten Architekten-Koryphäe aber sollen ab 2023 nicht nur Kinder über die neuen Räume staunen. „Es ein Rohdiamant, der erst geschliffen werden muss“, sagte Bürgermeisterin Cornelia Reifenberg (CDU) zur Eröffnung der jährlich vom „Dachverband der Bibliotheksverbände, Bibliothek & Information Deutschland“ (BID) verliehenen Auszeichnung.

Ein Publikumsmagnet für Ludwigshafen

Mit der neuen Einrichtung möchte man einen Ort für Kinder mitten in der Innenstadt schaffen, in welchem sie Unerwartetes entdecken und sich geborgen fühlen können. „Die Bibliothek soll damit eine neue Relevanz erfahren und zu einem Publikumsmagneten werden. Zu einem Ort des sozialen Miteinanders, mit dem man sich gerne identifiziert“, betonte Reifenberg, die Mitte 2022 mit dem Beginn der Baumaßnahme rechnet.

Wie das Endprodukt aussehen könnte, das wird in einem Clip deutlich. In den Niederlanden, aber eben auch in Köln oder Würzburg ist in den umgestylten Büchereien die Handschrift von Aat Vos klar zu erkennen. Keine starren Abteilungen voller Bücherregale von A bis Z gibt es hier, sondern verspielte, lebendige, lichtdurchflutete Räume mit Rundungen und verschiedenen Ebenen, die entdeckt und benutzt werden wollen. Mit gemütlichen Sitzecken, oder auch begehbaren Heißluftballon- oder Ufo-Attrappen, mit deren Hilfe Kinder unmittelbar und ungestört in Fantasiewelten aufsteigen können. „Erst wenn der Boden irgendwann die ersten Schleifspuren hat, wissen wir, dass wir unsere Arbeit gut gemacht haben“, sagt Vos.

„Beseelte Orte“

Integrative „Dritten Räume“, das sind für den Architekten öffentliche Orte, die einen neben dem Zuhause und dem Arbeits- oder Schulplatz durch den lieben langen Tag bringen sollen. Dabei orientiert sich der Niederländer stark an der Anziehungskraft von Cafés. „Aber eine Bibliothek kann wie Starbucks sein, oder sogar noch besser“, ist es sein Anliegen, den manchmal verstaubten Büchereien neues Leben und eine frische Bedeutung einzuhauchen. Als beseelte Orte, die für alle zugänglich sind, in denen man sich gerne aufhält, die Bildung, Unterhaltung, kreative Erholung und Ästhetik vermitteln.

„Eine Bibliothek kann weit mehr sein als eine Ausleihstation und Wissensspeicher. Sie kann Menschen zusammenbringen“, zeigt BID-Präsidentin Sabine Homilius auf. Das hatte Aat Vos schon früh erkannt, aber wie so oft bei guten Ideen, musste er dafür durch eine Krise gehen. „Bei einem Entwurf zu einer Bücherei waren die Auftraggeber unzufrieden“, verrät er bei seiner Dankesrede. Auch das zweite Konzept wurde abgelehnt, sodass Vos die Bibliothek noch mal besuchte, und quasi im hintersten Eck versteckt ein von den Mitarbeitern eingerichtetes Zimmer entdeckte. „Es war ihr Rückzugsort und eine neue Erfahrung für mich. Seitdem habe ich erkannt, dass eine Bücherei wie ein Wohnzimmer und richtig gemütlich sein kann“, verrät er.

Auch für das Projekt in Ludwigshafen sammelte er die Ideen von Kindern und Jugendlichen. Auf den Vorstellungen und Wünschen der späteren Benutzer basiert sein Konzept. „Architekten können Räume lediglich gestalten, aber erst die Menschen geben diesen Orten eine Bedeutung“, betont er, widmet die Medaille seinem Team und freut sich schon auf den nächsten Besuch im alten Kinosaal, mit dem es bis dahin weiter aufwärts gehen soll.

Karl-Preusker-Medaille

Die Medaille wird seit 1996 an Personen und Institutionen verliehen, die den Kultur- und Bildungsauftrag des Bibliothekswesens in herausragender Weise fördern. Zu den bisher geehrten Persönlichkeiten gehören unter anderem der einstige Bundespräsident Horst Köhler oder der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.

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