Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Augenzwinkernd ins neue Jahrzehnt: Der satirische Ausblick für Ludwigshafen

Durchschlägt sie 2020 den Gordischen Hochstraßenknoten? OB Steinruck will jedenfalls alle Register ziehen.
Durchschlägt sie 2020 den Gordischen Hochstraßenknoten? OB Steinruck will jedenfalls alle Register ziehen. Karikatur: Herrmann

Ludwigshafen und die ganze Region ächzen und stöhnen unter der Hochstraßenlast. Das Thema hat das zu Ende gehende Jahr dominiert. Viele Fragen sind offen. Wie geht’s weiter? Was kommt noch auf die Menschen am Rhein zu? Gibt’s doch einen Tunnel am Ende des Lichts? Ein satirischer Ausblick auf 2020.

Januar

Musikalische Prüfstatiker gründen eine Hardrockband und bewerben sich auf der Online-Plattform „Hol die OB“ erfolgreich für den Neujahresempfang. Auf der Bühne des Pfalzbaus lassen es die pensionierten Ingenieure am Abend des 8. Januar so richtig krachen. Die Riss-Pilz-Polka bringt den Saal in Wallung. Am Ende verrät Jutta Steinruck den bis dato geheim gehaltenen Namen der Formation: „Einstürzende Hochstraßen“. Ein Radetzky-Marsch-mäßiges Raunen geht durchs Publikum.

Februar

Von den maroden Trassen genervt und gleichwohl inspiriert, wird in der BASF die Aktion „Hol den Brudermüller“ ins Leben gerufen. Zum Start des Portals spielt eine Combo auf, die vom Betriebsrat nicht nur moralisch unterstützt wird. Sie nennt sich „Bedeutung verlierendes Stammwerk“. Beim Großen Fasnachtsumzug am 23. Februar greifen die Narren das Thema auf. An einem Wagen hängt ein Transparent mit einer – des Reimes wegen – Rechtschreibfehler in Kauf nehmenden chemischen Formel: „Martin, geh’ zurück nach China, du bist doch gar kein Vollblut-Anilina.“

März

Der Spitzenmanager nimmt die Karnevalisten beim Wort und reist unter dem Motto „Hol die Chinesen“ in seine frühere Wahlheimat. Er lässt alte Kontakte spielen und hat auf dem Rückflug einen hochmotivierten Bautrupp an Bord. Der Deal mit dem Regime: Verlegt der Konzern seinen Sitz nach Shanghai, dann reißen die Jungs die Süd- und die Nordtrasse an einem Wochenende ab. Gesagt, getan: Der Schutt wird im Südwest-Stadion abgeladen. Ergänzt sich ideal mit den Altlasten im Untergrund. „Wir sind Helden“ samt Sängerin Judith Holofernes geben in dem völlig zugewucherten Tribünen-Oval ein letztes Konzert, das auch in Hongkong live übertragen wird. Der Hit „Denkmal“ (Refrain: Hol den Vorschlaghammer raus) erreicht dort Platin-Status.

April

Kein Scherz: „Hol die Quintessenz“ – die beliebte Kolumne der Lokalredaktion feiert Zehnjähriges. Die fünf Autoren laden zur Best-of-Lesung im Lutherturm ein. Steinruck, Brudermüller und Holofernes sind unter den Gästen – über die neue App „Hol die Großkopferten“ haben wir sie gezwungen, zuzuhören. „Bild-Zeitungs-Niveau“, schimpft die OB.

Mai

„Hol den Cordier“. Der Michael, alias Mr. Ludwigshafen, hört nach zehn Jahren als Spiritus Rector der Marketinggesellschaft Lukom auf. Seinen Ausstand feiert er gut vernetzt im „Fischkutter“. Die „Einstürzenden Hochstraßen“ und Rapper „Apache 207“ treten auf. Sie haben einen gemeinsamen Song komponiert, der auf dem Dach der Walzmühle unter freiem Himmel vor den laufenden Motoren Autotuner-Szene uraufgeführt wird. Die ersten Zeilen lauten: „Ist die Brücke down, kannst du bis nach Monnem schaun. Viele Steine weggeruckt, OB hat sich kurz verschluckt. Weg für Roller is jetzt frei, voll PS mit 103.“ Hubraumromantik und Lyrik pur.

Juni

„Hol den Raik“ (raus aus der Partei): Das Landesschiedsgericht der Grünen setzt den Querelen in Ludwigshafen ein Ende. Der rebellische Dreher, lange Jahre Kreisvorsitzender, wird aus der Partei verbannt, nachdem sich die Grünen gespalten und ihm eine Mitschuld dafür gegeben haben. Seine Stadtratsfraktion „Grüne und Piraten“ muss der Jurist umbenennen. Künftig soll sie „Fluch der Karibik“ heißen. Bleibt die Frage: Wer spielt den Johnny Depp? Und entert der vom 26. bis 28. Juni tatsächlich das Stadtfest?

Juli

„Hol den Scheuer“. Der CSU-Andi aus dem Bundesverkehrsministerium hat sich nach Ludwigshafen verirrt – in einem selbstfahrenden SUV, dessen Navi manipuliert wurde. „Sapperlot. Da sind ja gar keine Hochstraßen mehr. Ha, wo sind’s denn hin?“, wundert sich der 45-jährige Bayer, als er seine 1,86 Meter aus der Karre hievt. „Oifach weggrissn hom se die Dinger, die Schlitzaugen, sakra“, erklärt ihm Landsmann Franz Reindl, Ludwigshafener Hafenchef. „Geh Andi, was macht eigentlich dös Berliner Grokodil?“ Scheuer zuckt mit den Schultern. „Des waas i a net. War scho lang nimmer im Zoo.“ Reindl: „Des glab i dir net. Dafür host vül zu lang den Affen für die Autolobby g’macht.“ Reindl ist happy, denn seit die Verbindungen zwischen Lu und Mannheim gekappt sind, floriert das Fährgeschäft über den Rhein.

August

„Hol den Kötz“. Das Filmfestival auf der Parkinsel (26. August bis 13. September) naht und setzt auf die begehrten Flussfahrten. Macher Michael K. kündigt angesichts der eingestampften Hochstraßen ein Spezialprogramm an, das auf vier stabilen Säulen ruht: Die Brücken am Fluss. Die Brücke von Arnheim. Die Brücke von Remagen. Und: Die Brücke am Kwai. Diese Kinoklassiker sollen in Dauerschleife laufen, und zwar in Zelten, die mit hochwassersicheren Stegen verbunden sind. Raik Dreher wird an der Kasse abgewiesen. Er hatte sich als Jack Sparrow verkleidet und auf Freikarten gehofft. „Der Fluch der Kostümierung“, schnaubt der Piratensympathisant.

September

„Hol den Samu“. Cheforganisator Stefan Tielkes versucht nach der Trennung von Sunrise Avenue, deren vorigen Sommer auf dem Berliner Platz aufgetretenen Ex-Frontman Samu Haber für einen neuerlichen Gig auf dem Stadtfest zu gewinnen. Wegen einer brutalen Hitzewelle wirdes in den September verschoben. Davon profitieren soll die Disko Musikpark. Der Finne ist als Türsteher im Gespräch, sagt aber kurzfristig ab. Seit Wochen feiert er mit seinen Landsleuten den überraschenden Gewinn der Fußball-EM, schickt aber als kleine Geste ein Youtube-Video, für das er einen seiner Top-Hits Lu-like umformuliert hat. „Bye, bye Hochstraßen forever …“

Oktober

„Hol die Greta“. Der Wiederaufbau der abgerissenen Trassen zieht sich hin. Das ausführende Unternehmen hat Konkurs angemeldet. Der Zeitverlust geht ins Geld. Die AfD findet ohnehin, dass man vor allem rechtsrheinisch mehr investieren müsse, weil Mannheim mehr Kohle hat. Derweil demonstriert die „Fridays for Future“-Bewegung der Schwesterstädte weiter für den Kohle-Stopp. Den Fluss überqueren die Protestierenden mit Paddelbooten. Greta Thunberg schaut vorbei und setzt sich für autofreie Rheinbrücken ein, bevor sie mit einer CD der „Einstürzenden Neubauten“ im Gepäck davonsegelt.

November

„Hol den Tetzner“. Unbekannte entführen Günther T. aus seiner Villa bei Zürich. Sie sind mit einem Piratentuch maskiert. Angekettet an einen der Bäume des Platanenhains wird der Baulöwe völlig erschöpft von der Polizei aufgelesen. Neben dem Mittsiebziger liegt ein Bekennerschreiben. „Das ist der Fluch der falschen Versprechen“, heißt es da. Denn: Bei Tetzners „Metropol“-Hochhausprojekt auf dem Berliner Platz geht nichts vorwärts. In grüner Farbe ist zudem eine Drohung auf den Beton gesprüht. „Lieber Günni, präg’s dir ein, wer in den Himmel baut, muss auch liquide sein.“

Dezember

Auch andere Träume platzen: Gefrustet davon, dass es weiter kein Spaßbecken nebst Sauna in Lu geben wird, lässt sich FWG-Vordenker Rainer Metz einen Kombibart wachsen. Mit der App „Hol die Prüfstatiker“ trommelt er Experten aus dem ganzen Land zusammen. Jetzt, da der Hochstraßenwiederaufbau zum x-ten Mal auf Eis liegt, sollte man doch wenigstens zwei Megarutschen in den Rhein zimmern, findet Metz. Im Winter könnte die Opposition dann endlich mal Schlitten fahren – mit der OB.

Einen guten Rutsch wünscht

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