Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Aufgeblättert“: Stefanie Kleinsorge über ein Lieblingsbuch

Vor fast 40 Jahren kreuzten sich die Lebenswege von Stefanie Kleinsorge und dem Schriftsteller Rainald Goetz: Die Zeitschrift „S
Vor fast 40 Jahren kreuzten sich die Lebenswege von Stefanie Kleinsorge und dem Schriftsteller Rainald Goetz: Die Zeitschrift »Spex«, für die er schrieb, gehörte zu den Kunden ihres Kölner Druckvorstufenbetriebs.

Aufgeblättert: Auf die Frage nach dem Ort, an dem sie am liebsten lesen, dürften die meisten Menschen antworten: im Bett. Stefanie Kleinsorge gehört nicht dazu. Im Bett liest die Bereichsleiterin Kultur der Stadtverwaltung Ludwigshafen nie. Dafür aber exzessiv im Urlaub. Vor ein paar Jahren hatte sie einen Roman im Gepäck, der sie bis heute beschäftigt.

Dass Stefanie Kleinsorge einen Lebenslauf vorzuweisen hat, der sie ohne größere Umwege an die Spitze des Bereichs Kultur der Stadtverwaltung Ludwigshafen führte – nein, das kann man nicht gerade behaupten. Eine klassische Beamtenlaufbahn sieht anders aus. Als sie ihr Studium der Kunstgeschichte in Heidelberg begann, war sie schon 39 Jahre alt. Und als sie ihr erstes Unternehmen gründete, hatte sie noch nicht mal Abitur gemacht. In Köln war das, Anfang der 80er-Jahre: Dort gründete die gebürtige Düsseldorferin einen Druckvorstufenbetrieb, der bis auf 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwachsen sollte und den sie bis 1997 führte.

Eine besondere Zeitschrift

Mit Kultur hatte Stefanie Kleinsorge in diesem Betrieb aber durchaus zu tun: Kulturschaffende ließen bei ihr Plakate oder Kataloge drucken. Und die Zeitschrift „Spex“ gehörte zu den Kunden. Die war 1980 in Köln gegründet worden, wo sie bis zum Umzug nach Berlin 2006 residierte. Sie war viele Jahre lang ein wichtiges Medium für Menschen, die sich über Musik jenseits des Mainstreams, popkulturelle und politische Entwicklungen informieren wollten. Inzwischen gibt es sie nur noch online und wegen Corona bis auf Weiteres gar nicht. Einer der „Spex“-Autoren war der Schriftsteller und Journalist Rainald Goetz.

Vom Aufstieg und Absturz

Als sie auf der Suche nach Lektüre für einen bevorstehenden Urlaub durch eine Buchhandlung streifte, fiel Stefanie Kleinsorge das Buch mit den weißen Buchstaben auf strahlendem Blau ins Auge und der damalige Bezug wieder ein. „Ich verfolge gerne solche Stränge“, sagt die 57-Jährige. „Johann Holtrop“ heißt das Buch, es ist 2012 bei Suhrkamp erschienen. Goetz erzählt in seinem Roman die Geschichte des rasanten Aufstiegs und dramatischen Absturzes von Dr. Johann Holtrop. Er ist in der Zeit der New Economy, den frühen Nullerjahren, Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Assperg AG – und am Ende des Romans ist er tief gefallen. „Johann Holtrop“ wird allgemein als Schlüsselroman über den früheren Bertelsmann-Spitzenmanager Thomas Middelhoff gelesen, der nach einer Verurteilung wegen Untreue und Steuerhinterziehung von 2016 bis 2017 im Gefängnis saß. Der Roman handelt von den Auswüchsen des Kapitalismus, von der Dynamik der Macht, davon, wie aus einem freundlich-offenen Menschen auf einer den ersten Teil einleitenden Zeichnung ein verhärteter Zeitgenosse auf dem dritten und letzten Bild geworden ist. „Da ist eine Mischung aus Faszination und Ekel“, sagt Kleinsorge. „Holtrop ist kein Held, er ist ein getriebener Egomane in einer Gesellschaft, die über Leichen geht.“ Um seinen Leserinnen und Lesern den Überblick zu erleichtern, hat Goetz dem Taschenbuch eine Karte beigelegt, auf dem das umfangreiche Personal verzeichnet ist.

Von der Sprache fasziniert

Mehr noch als die Geschichte hat sie an Goetz’ Roman aber etwas anderes in Bann gezogen: die Sprache, die der 1954 in München geborene Schriftsteller verwendet. „Da ist eine extreme Präzision“, sagt sie. „Er beschreibt distanziert und erfindungsreich und schafft eine atmosphärische Verdichtung.“ Nicht zu Unrecht habe man ihn auch schon den „Thomas Mann des 21. Jahrhunderts“ genannt.

Sie sei ein lesebegeistertes Mädchen gewesen und besitze in ihrer Wohnung in Heidelberg, vor allem aber in ihrem Zweitwohnsitz im Elsass eine große Bibliothek mit vielen belletristischen Büchern und einer „kleinen Krimi-Ecke“, erzählt Kleinsorge. Nach einem Arbeitstag lese sie nur Fachliteratur zum Beispiel über Kulturmanagement. „Aber wenn ich in Urlaub fahre, kommt ein ganzer Stapel mit. Und nur gedruckte Bücher.“ Obwohl sie den 2012 erschienenen Roman „Johann Holtrop“ schon vor einigen Jahren gelesen hat, kam er ihr in jüngster Zeit häufiger wieder in den Sinn: als sie darüber nachdachte, wie radikal sich unser aller Leben in der Zeit der Pandemie entschleunigt hat. „Wir haben viel Geschwindigkeit rausgenommen und schaffen es trotzdem, unsere Dinge produktiv und kreativ zu erledigen“, sagt Stefanie Kleinsorge – und scheint sich fast selbst ein bisschen darüber zu wundern.

So begeistert von „Johann Holtrop“, hat Stefanie Kleinsorge noch ein weiteres Buch von Rainald Goetz zu lesen begonnen – und es weggelegt, bevor sie fertig war. „Klage“ heißt es, es hat sie nicht so berührt wie das erste. Es scheint, als wäre dieser Strang zu Ende verfolgt. Aber es werden sich sicher bald neue finden.

Die Serie

Literatur eröffnet Welten, prägt unsere Wertvorstellungen und kann wichtige Weichen auf unserem Lebensweg stellen. In unserer Serie „Aufgeblättert“ fragen wir Prominente nach einem Lieblingsbuch, das sie besonders berührt hat.
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