Ludwigshafen
„Aufgeben, nein, schon gar nicht mit Startnummer“
Die Medaille seines ersten Volkslaufes hat Karlheinz Braun als Erinnerungsstück zur Seite gelegt. Braun war von Hause aus eigentlich Handballer, spielte in Rheingönheim damals noch Feldhandball. Der heute 69-Jährige hatte gerade erst seine Lehre beendet und sein erstes Auto gekauft. „Neben dem täglichen Büroalltag habe ich nach Abwechslung und Bewegung gesucht“, erzählt er. Braun entdeckte ein Plakat mit einem Veranstaltungshinweis, der ihn nicht mehr losließ: Erster Internationaler Volkslauf mit Volksgehen des ABC Ludwigshafen am 12. Oktober 1969. „Machen Sie mit – Sport hält fit“ – mit diesem Slogan warb der Leichtathletikverein für seine Veranstaltung. Hochkaräter aus der Ludwigshafener Politik und Wirtschaft hatten die Schirmherrschaft übernommen: Oberbürgermeister Werner Ludwig, BASF-Vorstandsmitglied Hans Moell und Bürgermeister Erich Reimann.
Braun war alles andere als ein Langstreckenläufer. Er rauchte seinerzeit noch und hatte bisher bestenfalls ein paar Kurzstreckenrennen bei den Bundesjugendspielen bestritten. „Ich wollte es einfach mal probieren, hatte überhaupt keine Vorstellung“, erzählt er lachend. Der gebürtige Friesenheimer, der heute in Neuhofen zuhause ist, ging direkt in die Vollen, entschied sich für die längere von zwei ausgeschriebenen Strecken: die zehn Kilometer. „Die paar Kilometer müssten doch zu schaffen sein“, sinnierte er zunächst noch etwas blauäugig. Er hatte weder einen Trainingsplan noch die passenden Laufschuhe. „Die hatten nur die Profis.“
Doch so ganz ohne Vorbereitung wollte Braun das Abenteuer „Volkslauf“ trotzdem nicht angehen und machte sich auf den Weg ins Maudacher Bruch, genau an den Ort, an dem später auch der Volkslauf stattfinden sollte. Dort traf er auf eine kleine Laufgruppe, die ihn direkt einlud, mitzulaufen. Der Ludwigshafener überlegte nicht lange und schloss sich den Sportlern an. Diese machten ordentlich Tempo. Auch wenn der Abstand zwischen ihm und den übrigen Läufern immer größer wurde, Braun blieb den flotten Jungs auf den Fersen. „Ich wollte ja nicht aufgeben“, sagt der gelernte Technische Zeichner. Just in dem Moment, als es so richtig hart wurde, kam aus der Gruppe der Hinweis, dass man nun die Hälfte der Strecke zurückgelegt hätte. Braun ging mittlerweile auf dem Zahnfleisch, war mit seinen Kräften am Ende, biss sich aber durch und erfuhr nach der Rückkehr zum Parkplatz, dass er gerade zehn Kilometer gelaufen sei.
Der Kämpfer
Nach dem erfolgreichen Test sollte seinem Start beim Ersten Volkslauf des ABC Ludwigshafen im Oktober 1969 also nichts mehr im Wege stehen. Doch ein Wettkampf hat ganz andere Gesetze. Er ist nicht vergleichbar mit einem Trainingslauf. Diese Erfahrung musste auch Braun machen. „Ich bin viel zu schnell angelaufen, ein typischer Anfängerfehler“, erinnert er sich. Die eine oder andere kleine Verschnauf- und Gehpause blieb nicht aus. Trotzdem lief er weiter und immer weiter. Braun kämpfte, der Puls stieg ins Unermessliche, der Körper war voller Laktat. „Aufgeben, nein, schon gar nicht mit Startnummer. Wenn das die Bekannten sehen…“, schoss es ihm durch den Kopf. Kilometer für Kilometer vergingen. Noch 1000 Meter. „Ich habe alle Kräfte mobilisiert und mit den letzten Reserven das Ziel erreicht“, erzählt er. Die Zeit, die war ihm in diesem Moment egal. Geschafft war geschafft. Irgendwann zwischen 45 und 50 Minuten habe er wohl die Ziellinie überquert. Eine Ergebnisliste hat er nicht, aber die Erinnerungsmedaille, die ihn an seinen Ausflug in die Laufszene erinnert. „Ich glaube, auf dem Sieger-Foto in der RHEINPFALZ zumindest einen Läufer der damaligen Laufgruppe erkannt zu haben, an die ich mich beim ersten Laufversuch drangehängt hatte“, sagt Braun. Der Sieger seinerzeit hieß Horst Panzner. Er stand bei zahlreichen Volkslaufveranstaltungen in der Region ganz oben auf dem Treppchen.
Für Braun blieb es ein einmaliger Ausflug in die Langstreckenszene. Doch sportlich ist er immer geblieben, hat vieles ausprobiert: Karate, Squash, Bowling. „Das war immer mein Ausgleich zum Beruf“, erzählt der 69-Jährige. Das Rauchen hat der Neuhofener aufgegeben und dass Sport fit hält, die Erfahrung hat er gemacht. „Vielleicht ginge es mir ohne eine gewisse sportliche Betätigung in der Jugend heute schlechter“, sagt er.