Rheinland-Pfalz
Auf Spritztour: Beobachtungen am Impfbus
"Weiß ich nich’“, sagt die ältere Frau im vorderen Drittel der Schlange, und das wird der Satz sein, den die ältere Frau insgesamt am häufigsten verwenden wird. Schlechtes Deutsch, Osteuropa, mutmaßlich. Von der Sprechstundenhilfe beim Arzt hat sie sich am Telefon wohl sauber zusammenbügeln lassen müssen, als sie vor einigen Tagen nach einem Impftermin gefragt hat, „freundlich“, betont die ältere Frau. Und jetzt der Fragenkatalog des Reporters: Warum erst jetzt? Keine Angst vor Ansteckung? Gibt’s Corona-Informationen in ihrer Muttersprache? „Weiß ich nich’“, sagt die ältere Frau.
Corona-Impfbus vor der Ludwigshafener „Tafel“ an der Bayreuther Straße. Gleich mehrfach erschwerte Bedingungen hier: Es ist lausig kalt. Und der Bus steht gleichsam am Schnittpunkt gleich mehrerer sozial schwacher Quartiere: Um die Ecke die Blocks an der Bayreuther Straße, in der die Stadt Menschen unterbringt, die aus ihrer Wohnung geflogen sind. Ein paar Hundert Meter weiter der Stadtteil West, auch kein Villenviertel. Die „Tafel“ mit ihrer Lebensmittelausgabe ist ohnehin Bezugspunkt für arme Menschen aus der ganzen Stadt. Und jetzt die Frage: Wer steht hier eigentlich an für seine Corona-Impfung an diesem nasskalten Freitagvormittag?
Querschnitt durchs Problem
Im Prinzip: Ein Querschnitt derer, die von einer überschaubar erfolgreichen Corona-Impfkampagne bislang suboptimal erreicht worden sind. Es steht weit hinten in der Schlange der junge Altenpfleger, der sich seine Booster-Impfung abholen will, weil er keinen zeitnahen Termin bekommen hat. In seiner Einrichtung gibt’s zwei Kollegen, die die Impfung verweigern, die arbeiten weiter, man braucht die Arbeitskräfte.
In der Schlange steht die Frau aus dem Stadtteil West, die sich bislang nicht zur Impfung getraut hat, und die die Krise förmlich eingeschüchtert hat, „das ging mir alles viel zu schnell“, sagt sie. Es steht der Apotheker, der seine Familie zum Impfen bringt, und sagt, dass der politische Druck zur Impfung auf „eine große Spaltung“ der Gesellschaft hinauslaufe. Es steht die junge Frau mit Migrationshintergrund, die sich bislang aus religiösen Gründen nicht hat impfen lassen und die sich im Bezug auf Corona „überhaupt nicht aufgeklärt“ fühlt. Es steht eine andere junge Frau an, die sich von ihrer Hausärztin ebenfalls hat zusammenfalten lassen müssen, als sie nach der Möglichkeit einer Impfung gefragt hat, vor aller Augen und Ohren, im Wartezimmer. Es steht der ältere Mann an, der die Epidemie wohl eher auf die leichte Schulter genommen hat und den die Fernsehbilder von Patienten auf der Intensivstation eines Besseren belehrt haben: „Wenn ich sehe, wie die im Bett liegen und beatmet werden...“, sagt er. Und ganz am Ende der Schlange steht Jürgen Hundemer, Vorsitzender der Ludwigshafener Ehrenamtsbörse „Vehra“ und damit mittelbar auch Chef der Tafel, der den Impfbus des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) hierher gelotst hat, zum zweiten Mal nach August. Damit unter anderem die Tafelkunden „einen unkomplizierten Zugang zur Impfung haben“, sagt er.
Impfung zu den Menschen bringen
Die Tafelkunden, die kommen nach seinen Worten aus rund 40 Nationen, und ob man die mit Aufklärungskampagnen alle erreicht, da bleibt Hundemer skeptisch. Vor vier Wochen hat man die Impfdaten der Klienten erhoben, und da hat sich dann aber eigentlich Erfreuliches gezeigt: 78 Prozent waren geimpft, liegt sogar über dem Landesdurchschnitt. Immerhin scheint schon die erste Impfaktion vor Ort, im August, Wirkung zu zeigen. Gutes Zeichen also – und es gibt ein weiteres Argument, warum aufsuchende, niedrigschwellige Impfungen in problematischen Quartieren Sinn machen, und dieses Argument lautet: Bremen.
Der Stadtstaat hat die bundesweit höchste Impfquote, über 80 Prozent sind zweimal geimpft. Und Bremen hat die Quote unter anderem deshalb, weil die Stadt gezielte Aufklärungs- und Impfkampagnen gerade in Problemquartieren anbietet. Die Norddeutschen schicken unter anderem „Gesundheitsfachkräfte“ auf die Straße, um den Menschen Corona-Informationen auch in ihren Muttersprachen nahezubringen – offensichtlich mit Erfolg. Interessanterweise sieht die Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Die Linke) eine Impfpflicht in Deutschland skeptisch: Man habe „immer noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die Impfbereitschaft zu erhöhen“, so Bernhard in einem Gastbeitrag für die Zeitung „Weser-Kurier“. Und in diesem Stadium wolle sie „nicht mit der Impfpflicht kommen, um uns von dieser Aufgabe zu entledigen“.
Die rheinland-pfälzische Politik hat die Aufgabe, die Impfung direkt zu den Menschen zu bringen, im Vergleich recht spät angenommen: Das DRK, gleichsam Auftragnehmer des Landes, hat im August die ersten Impfbusse auf die Straße schicken können, so Katharina Benlioglu vom DRK Rheinland-Pfalz. Mit zwölf Bussen ist man inzwischen unterwegs, einige Hundert Impfdosen hat man heute wie üblich im Gepäck. Merken die Helfer, ob das Viertel, in dem sie arbeiten, ein armes oder ein reiches ist? „Ja“, sagt Benlioglu, an Orten wie diesem „unterstützt man mehr – und es kommen mehr Fragen“. Was zeige, wie wichtig Aufklärung für Menschen sei, „die das nicht 24 Stunden am Tag über die Medien verfolgen“.
Impfzentren – geschlossen und wieder geöffnet
Oder für Menschen, die den Medien sowieso kaum folgen können, weil sie die Sprache nicht richtig verstehen. Wobei: Deutsche Corona-Politik bleibt auch für viele Muttersprachler teilweise ziemlich schwer verständlich. „Was bei mir ankommt, ist, dass die Politik erzählt – und in der Fläche kann’s nicht umgesetzt werden“, sagt Jürgen Hundemer. Beispielsweise, weil man Impfzentren erst geschlossen und dann wieder aufgemacht hat – oder es geschafft hat, auch vor einer absehbaren vierten Welle wieder zu wenig Impfstoff zu ordern.
Ist immer noch lausig kalt, und der junge Krankenpfleger mit Booster-Wunsch ist aus der Schlange verschwunden. „Der ist nur Kaffee holen!“, sagt sein Schlangennachbar. Auf dem Weg zum Auto trifft man ihn. Er hat Heißgetränke für andere Wartende mitgebracht. Löblich: Die Ministerpräsidentenkonferenz hat am Donnerstag ja einen „Akt der nationalen Solidarität“ angemahnt. Und so fängt er an. Im Pappbecher.