Ludwigshafen
Auf die menschliche Tour: Max Herre im Mannheimer Capitol
Wenn man sich mal anguckt, was so los ist im deutschen Hip-Hop, welche Rapper in den Charts ganz oben sind, wovon ihre Texte handeln und in welcher Sprache – dann fällt man schon sehr auf als Künstler, der Intelligenz, Menschlichkeit und Haltung verkörpert. Der schlicht sympathisch ist. Max Herre rappt und singt nicht von Kohle und Weibern, von Waffen und Koks. Er ist jemand, der wirklich was zu sagen hat. Weswegen er die Tracks auch nicht im Wochenrhythmus rausballert. Zwischen „Hallo Welt!“ und seinem neuen Album „Athen“ sind sieben Jahre ins Land gezogen.
Andächtiger Anfang
Sieben Jahre, in denen sich die Welt radikal verändert hat und das Verhältnis von Mensch und Musik auch. Aber, um es frei nach dem großen Philosophen Apache 207 zu sagen: Max Herre bleibt gleich. Aller veränderten Hörgewohnheiten zum Trotz lässt er sein Titelstück mal eben fünfeinhalb Minuten dauern. Wo doch heute niemand mehr fünfeinhalb Minuten Zeit für irgendwas hat? Doch! Andächtig stehen die Menschen im ausverkauften Capitol da und hören einfach zu, als dieser Titel das Konzert eröffnet. Hüpfen und tanzen und kopfnicken werden sie später noch. Es ist ein sehr langsamer Beginn, der sagt: Wir haben Zeit.
Das Album „Athen“ nimmt den Hörer mit auf eine Reise. Vordergründig zu einer Reise nach Griechenland, tatsächlich aber zu einer Expedition in die Emotionen eines 46-jährigen Mannes, der sein halbes Leben lang ein Popstar ist, der Vater ist, Ehemann, Sohn, zwischendurch auch wieder das eigene 17-jährige rebellische Ich. Es geht auf „Athen“ ums Aufbrechen, Ankommen und Nichtankommen, um Verlust und auch, immer wieder: um Politik. Er konnte nicht ahnen, dass in den Tagen seines Tourauftakts Europa und die Welt an die türkisch-griechische Grenze schauen würden und auf die Insel Lesbos – schauen sollten, muss es wahrscheinlich richtig heißen. Im Song „Sans Papiers“, das er im Original mit dem Stuttgarter Musiker Yonii singt, geht es nicht um Griechenland, es geht um Flucht und Vertreibung allgemein, um ein „Leben aus karierten Plastiktaschen“. „Hochaktuell“ nennt Max Herre es in Mannheim.
Viele junge Zuhörer
Der aus Stuttgart stammende und mit seiner Frau und Kollegin Joy Denalane in Berlin lebende Musiker erreicht erstaunlich viele junge Menschen, die zum großen Teil im Maxi-Cosi gesessen haben dürften, als „A-N-N-A“ 1997 zirka einmal pro Stunde im Autoradio lief. Es gibt einem ein beruhigendes Gefühl, dass die junge Generation aufmerksam zuhört, als Onkel Max davon spricht, wie viele Deutsche selbst eine Fluchtbiografie haben. „Dunkles Kapitel“ heißt der Song gegen Rechts, ein in Musik gegossenes Stück Menschlichkeit, Solidarität und Empathie. Dramatisches Klavierspiel, Tocotronic-Sänger und Duettpartner Dirk von Lowtzow auf der Leinwand. „Wer soll das denn sein?“, ruft eine junge Frau laut, ach ja. Egal: Die Botschaft kommt an. Mit Trettmann, der einen deutlich höheren Bekanntheitsgrad genießen dürfte, hat Herre den wunderschönen Song „Villa auf der Klippe“ aufgenommen. Viel Soul, viel Seele.
Musik aus allen Dekaden
Es ist ein ernster, teils sehr ernster Abend in ernsten Zeiten. Aber nicht nur. Je länger das Konzert dauert, und es wird am Ende zweieinhalb Stunden gedauert und zum Glück nur für eine kurze Zeit einen ziemlich matschigen Sound geliefert haben, desto lockerer wird Max Herre, dessen Band abgesehen von Backgroundsängerin Rachel so blass im Hintergrund bleibt, wie es die Outfits aller Musiker sind. „Wo sind meine Homies?“, fragt er immer wieder, und sie sind da, in Mannheim, Hände in die Luft, die Post geht ab. Herre zeigt immer wieder ein paar Tanz-Moves, rappt Stücke aus Freundeskreis-Zeiten („1ste Liebe“, „FK 10“), genießt die Sprechchöre, genießt, wie der Song „Fühlt sich wie fliegen an“ gefeiert wird.
Und „A-N-N-A“, natürlich. In einem Radiointerview hat Herre kürzlich erzählt, wie er einmal bei einer Lesung den Text rezitierte und das Publikum am Boden lag vor Lachen. Ja, man kann schmunzeln über „Die dunklen Augen funkelten wie ’ne Nacht in Asien“ und darüber, dass man selbst im Sommer nach dem Abitur nicht viel mehr tat, als diesen Song zu hören (und Lady Di zu betrauern). Diesmal läuft, und das ist ganz wohltuend, kein Video über die Leinwand. Ist auch nicht nötig. Zum Vordach des Fachgeschäfts dürfte jeder seinen eigenen Film im Kopf haben.