Ludwigshafen Auf die Balance kommt es an

Dem Stadtrat gehörte Harald Glahn von 1989 bis 1994 und von 1999 bis 2012 an.
Dem Stadtrat gehörte Harald Glahn von 1989 bis 1994 und von 1999 bis 2012 an.

Zum ersten Neujahrsempfang der neuen Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) konnte Harald Glahn nicht kommen, weil er nicht wusste, ob er rechtzeitig aus dem Skiurlaub zurück sein würde. Wenn er zu Hause in Oggersheim ist, spielt er fast jeden Morgen eine Stunde lang mit seiner Frau Tennis. Und auch die Inliner will er bald mal wieder anschnallen und auf seiner Lieblingsstrecke Richtung Bad Dürkheim Maxdorf und Birkenheide an sich vorbeiziehen lassen. Das übrigens hat er auch während seines aktiven Berufslebens schon hin und wieder mal getan. „Die Balance zu halten, ist eine Eigenschaft, die man auch in der Politik braucht“, sagt er lächelnd. Ansonsten beschränkten sich Glahns sportliche Aktivitäten früher in erster Linie darauf, morgens, abends und manchmal mittags die zehn Stockwerke von der Tiefgarage bis zum Büro des Staatssekretärs im Bildungsministerium zu Fuß zu gehen und auch die 15 Stockwerke, wenn er als Fraktionsvorsitzender im Stadtrat einen Termin bei der damaligen Ludwigshafener OB Eva Lohse (CDU) hatte. „Deswegen muss ich heute nicht schwer atmen“, sagt er. Dem Umstand, dass er Jahrzehnte am Schreibtisch und im Dienstwagen verbracht hat, kann er durchaus etwas Positives abgewinnen: „Ich habe meine Knie geschont.“ Dass Harald Glahn Karriere in der Landespolitik machen und sich parallel dazu über einen langen Zeitraum in der Ludwigshafener Kommunalpolitik engagieren würde, war die Folge einiger Zufälle. Aufgewachsen in Dellfeld, einem Dorf zwischen Zweibrücken und Pirmasens, studierte er in Mainz Theologie und Pädagogik, um sich anschließend in den protestantischen Kirchendienst zu begeben und Pfarrer auf Lebenszeit zu werden. Sein Arbeitgeber schickte ihn Ende der 1960er-Jahre nach Ludwigshafen, um die geplanten oder gerade im Entstehen begriffenen Großgebiete Pfingstweide und Melm zu betreuen. „Das war Pionierarbeit“, sagt Glahn beim Gespräch im Esszimmer seines Oggersheimer Hauses, in dem von seiner Frau gemalte Bilder die Wände schmücken und große Fenster den Blick in den schönen Garten ermöglichen. Der 75-Jährige erinnert sich an Zeiten, in denen er die Predigten auf den Knien schrieb, weil es am Tisch fehlte, und in denen er mit dem Rad durch die Gegend fuhr, wenn er jemand erreichen musste – auf ein Telefon hatte er als Pfarrer zwei Jahre warten müssen. Das Angebot, in die Mainzer Staatskanzlei zu wechseln, bekam Glahn 1974. Er nahm es an und sollte 30 Jahre lang in die Landeshauptstadt pendeln, während der Wohnsitz der Familie – 1971 wurde der erste Sohn geboren, 1973 ein Zwillingspärchen – Ludwigshafen blieb. Ironie der Geschichte: Seine Tochter lebt heute mit Mann und dreijähriger Tochter in der Landeshauptstadt. Glahn war in der Staatskanzlei zuständig für Erwachsenenbildung und Jahre später für die Informationsstruktur und Vernetzung der Verwaltung. Dazwischen kümmerte er sich als Referent im Kultusministerium um die Bildung in Rundfunkanstalten – damals gab es noch die sogenannten Telekollegs. „Überall, wo ich hinkam, ging es darum, mit Geduld und Energie etwas voranzubringen“, sagt Glahn. Er tat es offenbar mit Erfolg: In den von den – von ihm für ihre Zuverlässigkeit sehr gelobten – SPD-Ministerpräsidenten Rudolf Scharping und Kurt Beck geführten Landesregierungen war er von 1993 bis 2004 Staatssekretär im Bildungs- und im Wirtschaftsministerium. Zuständig war er unter anderem für die Errichtung des Ostasieninstituts der damaligen Fachhochschule Ludwigshafen, für Technologiepolitik und für Agrarpolitik – ein Feld, das ihm besonders lag, war er doch nach eigenem Bekunden „aufgewachsen mit Disteln in den Fingern beim Erntehelfen“. Dem Ludwigshafener Stadtrat gehörte Harald Glahn von 1989 bis 1994 und von 1999 bis 2012 an, FDP-Kreisvorsitzender war er von 1978 bis 2008. Seit über 50 Jahren ist er Mitglied der Freien Demokraten. Während er im Land Teil der Regierung war, war er in der Kommunalpolitik immer in der Opposition. Durchaus arbeitsintensiv sei das gewesen, sagt er. Oft habe er spätabends im Dienstwagen noch den Ludwigshafener Haushaltsentwurf durchgeackert. Seit seinem Eintritt in den Ruhestand 2004 und seiner Verabschiedung aus dem Stadtrat 2012 wählt Glahn die Veranstaltungen bewusst aus, die er besucht. Die dort natürlich immer wieder gestellte Frage „Wie geht es Ihnen?“ kann er zum Glück inzwischen wieder mit einem uneingeschränkten „Gut!“ beantworten.

x