Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Auf der Suche nach dem Ludwigshafener Wahrzeichen

Die Initiatorin und Organisatorin Antje Reinhard mit dem Plakat zum Projekt „LU*ludens“
Die Initiatorin und Organisatorin Antje Reinhard mit dem Plakat zum Projekt »LU*ludens«

Wie sieht Ihr Wahrzeichen von Ludwigshafen aus? Antje Reinhard, Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft, organisiert Workshops zur Zukunft der Stadt. Für das Plakat zu „Lu*ludens“ haben Einwohner Fotos mit ihren persönlichen Wahrzeichen eingeschickt: von der Schmuddelecke bis zum Wappen auf der Wade. Die Foto-Aktion ist nur der Auftakt.

Mannheim hat den Wasserturm. Und Ludwigshafen? Die junge, im rasanten Industrialisierungsschub des 19. Jahrhunderts von heute auf morgen aus dem Boden gestampfte Stadt hat kein vergleichbares identitätsstiftendes Erkennungszeichen vorzuweisen. Doch damit nicht genug, hat diese für die Moderne typische geschichtslose Stadt, der jegliches Gespür für Tradition und Achtung vor Altehrwürdigem abgeht, nichts Besseres zu tun, als alle inoffiziellen Wahrzeichen niederzureißen und dem Erdboden gleichzumachen. So geschehen mit dem Engelhorn-Hochhaus auf dem BASF-Gelände. So geschehen mit dem im Volksmund liebevoll Tortenschachtel genannten imposanten Rundbau, von dessen einstiger Existenz nun schon seit ein paar Jahren nur noch eine große Baustelle zeugt, die wie eine nicht heilen wollende Wunde die Innenstadt entstellt.

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten

Auch wenn Ludwigshafen unter anderem wegen solcher städtebaulicher Missgriffe seit ein paar Jahren in dem wenig schmeichelhaften Ruf steht, die hässlichste Stadt Deutschlands zu sein, gibt es für ihre Bewohner gleichwohl Orte, an denen ihr Herz hängt. Vielleicht haften an ihnen angenehme Erinnerungen, oder sie haben für sie eine besondere Bedeutung. Ein persönliches Wahrzeichen mag ein Widerspruch in sich sein, denn ein Wahrzeichen ist ein kollektives Symbol und kein individuelles Schibboleth. Antje Reinhard, Dozentin für ästhetische Bildung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft, hat dennoch dazu aufgefordert, ihr ein Foto von einem „persönlichen Wahrzeichen“ zu schicken. Denn „vielleicht“, sagt sie, „lässt sich ja im Austausch solch subjektiver Wahrzeichen etwas Gemeinsames entdecken.“

Vom Südweststadion bis zu „Gustav“

Etwa 40 Einsendungen hat sie erhalten. 30 Fotos, und zwar ausnahmslos alle, für die sie das Copyright bekommen hat, sind nun ohne Auswahl nach ästhetischen Gesichtspunkten auf einem Plakat versammelt. Da ist etwa ein Schwarzweißbild von der Zuschauertribüne des Südweststadions zu sehen oder ein alter, nicht mehr existenter Brunnen am Ludwigsplatz aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Da schwimmen zwei Schwäne im Hafen vor der Pegeluhr im Hintergrund. Die Miró-Wand des Wilhelm-Hack-Museums darf selbstverständlich nicht fehlen, aber auch die beiden „Ludwig“ und „Gustav“ genannten, ebenfalls nicht mehr existenten BASF-Gascontainer haben eine gewisse Bedeutung. Ein Foto vom sogenannten Sven-Illing-Altar zeugt davon, dass die Bewohner der Bayreuther Straße einen Verstorbenen in Erinnerung behalten haben. Eine Schmuddelecke, in der zwischen Mauerwerk ein Brief steckt, ist schon ein sehr individuelles Wahrzeichen. Und sehr originell ist schließlich ein Foto von einer Wade, tätowiert mit dem Ludwigshafener Wappen, nur auf dem Kopf stehend.

Aufruf zum spielerischen Denken

Das Plakat hängt aus im Schaufenster des Raums des Social Innovation Lab, des Ablegers der Hochschule in der Bismarckstraße (früher Photo Porst). Es fordert dazu auf, an einem Workshop über die Zukunft der Stadt teilzunehmen. „LU*ludens“ , so dessen Name, ist Teil des BASF Tor 4-Projekts „Wie geht Freiheit wirklich?“ und hätte schon vor einem Jahr stattfinden sollen, wenn die Corona-Auflagen dem Vorhaben nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten.

„LU*ludens“ spielt auf den Titel eines Buches des niederländischen Kulturhistorikers Johan Huizinga an: „homo ludens“, der spielende Mensch, in Abgrenzung zum „homo faber“ und zum „homo oeconomicus“, dem Menschen des Kalküls und der Berechnung. Selbstverständlich lässt sich bei dem Titel, vor allem im Hinblick auf das Thema der Freiheit, auch an Friedrich Schillers Satz denken: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, nämlich wo er befreit ist von den Zwängen der Pflicht und der Notwendigkeit. Antje Reinhard verspricht sich von den Workshops jedenfalls „Freiheit des Denkens“, das heißt für sie „Dinge zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, die sich aber gegenseitig erhellen und beflügeln“. „Daraus“, so meint sie, „kann etwas Neues entstehen.“

„Veranstaltet ein Picknick“

Auf die Idee ist die Dozentin und Theaterregisseurin, die unter anderem schon für die Künstlergruppe Industrietempel“ mit ihren Aufführungen an ungewöhnlichen Orten gearbeitet hat, durch ein Projekt unter freiem Himmel gekommen. Dabei sollten sich die Teilnehmer vorstellen, wie ein Ort aussehen sollte, wenn es nach ihren Wünschen ginge. Diese Herangehensweise wird nun Cornelius Puschke vom Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll in einem Workshop aufnehmen. Die Teilnehmer werden einen Ort beobachten und könnten zum Beispiel vorschlagen: „Sät Grassamen, lasst Wiesen wachsen und veranstaltet ein Picknick.“ Den anderen Workshop leiten drei Mitglieder der Künstlergruppe „Ligna“. Sie haben vor, einen Audioguide, wie er in Museen und bei Stadtführungen üblich ist, für Ludwigshafen herzustellen. Insgesamt können bis zu 50 Interessenten an den beiden Online-Workshops teilnehmen.

Den wissenschaftlichen Beitrag zur Stadtentwicklung soll eine ebenfalls virtuelle Podiumsdiskussion leisten. Vier Experten hat Antje Reinhard eingeladen: Constanze Illig von dem Künstlerehepaar Illig & Illig, Johannes Hucke, Buchautor und Sozialarbeiter, die Künstlerin Ülkü Süngün, die vielleicht von ihrem Projekt zum Mannheimer Stadtteil Jungbusch bei Zeitraumexit bekannt ist, und der Kulturwissenschaftler Stefan Herbrechter, der sich mit der Rolle des Menschen in einer Stadt der Zukunft beschäftigt. Von den Workshops verspricht sich Antje Reinhard Anregungen, wie das künftige Ludwigshafen aussehen könnte. Denn auf drei Fragen werden die Teilnehmer Antworten suchen: Wie geht Freiheit in Ludwigshafen? Wie sollte das Ludwigshafen der Zukunft aussehen? Und welchen Traum von der Stadt haben Sie persönlich?

Termin

Anmeldungen für die Online-Workshops am 11. und 12. Juni an die E-Mail-Adresse LU*ludens@hwg-lu.de. Die Podiumsdiskussion ist für Freitag, 11. Juni, 19 Uhr vorgesehen. Der Internet-Zugang wird noch rechtzeitig bekanntgegeben.

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