Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Atze Schröder: „Ich war krankhaft schüchtern“

„Privat eher ruhig“: Atze Schröder.
»Privat eher ruhig«: Atze Schröder.

Atze Schröder ist einer der bekanntesten Comedians Deutschlands. „Der Erlöser“ heißt sein neues Programm. Ein Interview über Frechheit, Selbstironie und Ängste.

Wir treffen uns in der Präsidentensuite eines Hotels in München. Das passt nicht unbedingt zu dem Bild, das man von Atze Schröder hat.
Stimmt, ich hatte eigentlich ein ganz normales Zimmer gebucht. Oft werde ich gefragt, was das Geheimnis meines Erfolgs ist. Liegt es an meinem guten Aussehen, meiner animalischen Ausstrahlung oder meinem Intellekt? Es ist ein Gulasch aus allem.

„Der Erlöser“ heißt Ihr neues Bühnenprogramm. Wovon wollen Sie uns erlösen?
Von der Angst. Jetzt mal ernsthaft: Die Idee kam mir nach der Pandemie, dem Krieg in der Ukraine und den Konflikten im Nahen Osten. Überall auf der Welt brennt es, und man spürt die Verunsicherung an jeder Ecke. Da habe ich mir gedacht, wie großartig es wäre, wenn jemand einfach sagt: „Ich nehme alles auf mich. Ich bin schuld. Werft alles auf mich, und ich nehme euch die Angst.“ Die schönste Aufgabe der Comedy ist es, den Menschen für zwei Stunden am Abend die Angst zu nehmen. Wenn die Angst kleiner wird, können wir wieder klar denken.

In der Ankündigung steht, wir seien alle schuldig. Konsum, Urlaub, Partys, Drogen, Netflix und Bayern München befreiten uns nicht dauerhaft vom ständigen Gefühl der Ohnmacht. Wie ist das gemeint?
Das sind alles Ablenkungen. Es spielt keine Rolle, ob es der FC Bayern, Taylor Swift oder Donald Trump ist – es wird immer wieder Zeit, genau hinzuschauen, was das Leben wirklich ausmacht. Es ist wichtig, die echten Momente im Leben zu erkennen und auf das Miteinander zu achten. Jetzt sitzen wir hier in der Präsidenten-Suite, die uns beide nicht begeistert. Was mir dabei Sorgen macht, ist, dass es Menschen gibt, die so etwas tatsächlich brauchen.

Wie lange haben Sie gebraucht, um das neue Programm zu schreiben?
Wenn wir beide uns konzentriert hinsetzen würden, könnten wir das in zwei Wochen schaffen. Normalerweise nehme ich mir ein halbes Jahr Zeit. Dann bespreche ich alles mit meinem Hauptautor Till. Die Ideen gebe ich immer vor. Der Rest entsteht dann auf der Bühne.

Es gibt von Ihnen und Dr. Leon Windscheid den Podcast „Betreutes Fühlen“. Was bedeutet das?
Das hat sich einfach so ergeben. Leon ist in derselben Agentur wie ich, und eine Mitarbeiterin hatte die Idee dazu. Sie sagte: „Ihr beide seid so verschieden, das ergibt eine schöne Dynamik, wenn man euch zusammen in einen Podcast steckt.“ Am Anfang mochten wir uns allerdings nicht besonders. Das lag an Vorurteilen. Mittlerweile lieben wir uns.

Wenn man sich den Podcast genau anhört, merkt man, dass es um die großen Fragen des Lebens geht: Wie besiege ich meine Ängste? Warum kann ich nicht mehr abschalten? Wie lernt man, sich selbst zu lieben? So kennt man Sie ja gar nicht.
Ich bin da so reingeschlittert und hätte mir das gar nicht zugetraut. Insofern war es nicht wirklich mein Wunsch. Ich merke aber, dass ich so viele Geschichten in mir habe, weil ich sehr kontaktfreudig bin und Menschen liebe. Dadurch kann ich zu solchen Themen eine gewisse Lebenserfahrung beisteuern. Früher wusste ich nicht einmal, was ein Podcast ist. Vor ein paar Jahren habe ich in „Hotel Matze“ schon viel mehr Privates preisgegeben, als ich ursprünglich wollte – und das Echo darauf war sehr positiv.

Sie scheinen nicht nur der Atze mit der frechen und selbstironischen Ruhrpott-Mentalität zu sein, sondern auch ein sehr feinfühliger Mensch …
Ja und nein. Ich mochte es schon immer, in dieser Ecke zu stehen und permanent unterschätzt zu werden. Das entspricht meinem Naturell. Aber ich bin auch eitel genug, um den jetzigen Erfolg zu genießen. Das Lob und die Anerkennung der Leute befriedigen meine Eitelkeit. (Lacht.) Als Jugendlicher, bis ich etwa 20 Jahre alt war, war das für mich sehr schwierig. Ich war krankhaft schüchtern und habe mir überhaupt nichts zugetraut. Zwar hatte ich sehr liebevolle Eltern, aber meine Mutter war aus übertriebener Sorge oft der Meinung: „Das schaffst du nicht. Lass das lieber – das soll deine Schwester machen, sie kriegt alles hin.“ Ich wurde klein gehalten und habe mir kaum etwas zugetraut. Doch mit der Zeit bin ich immer weiter hinausgeschwommen – dieses Bild gefällt mir jetzt ganz gut. Heute fühle ich mich im Meer ziemlich wohl.

Was sagt Ihre Schwester heute?
Komischerweise hat sich das Bild gewandelt. Meine Schwester ist relativ früh in die USA gezogen und konnte alles. In New York war sie eine sehr gute Pianistin und eine Top-Designerin – bei ihr war es wie im Film. Später zog sie aufs Land, nach North Carolina, und bekam Kinder. Heute ist sie die Ruhige. Wir verstehen uns immer noch gut, auch wenn wir uns selten sehen.

Fühlen Sie sich nur auf der Bühne sicher?
Absolut. Ich habe einmal gesagt: „Auf der Bühne habe ich meine Ruhe.“ Seit einigen Wochen trage ich einen Oura-Ring, der alle Körperdaten aufzeichnet. Er funktioniert ähnlich wie eine Apple Watch. Dieser Ring zeigt an, wann man gestresst, angespannt oder entspannt ist. Interessanterweise hat er mir bestätigt, dass ich auf der Bühne immer in meiner größten Entspannung bin. Das habe ich schon lange vermutet.

Marilyn Manson ist privat ganz anders als auf der Bühne, erzählt er in seiner Autobiografie. Können Sie sich in ihn hineinversetzen?
Ja, schon. Ich bin privat eher ruhig und liebe meine Zurückgezogenheit. Ich habe eine nette Geschichte zu Manson: Ich wohnte mal einen Sommer lang im Hotel im Wasserturm in Köln. Eines Abends saß ich alleine an der Bar, als plötzlich ein Zwei-Meter-Bodyguard hereinkam. Er checkte die Lage, und kurz darauf betrat ein Mann den Raum, der aussah wie ein Kleingärtner: Slipper, rote Strickjacke. Ich wurde neugierig und fragte den Barkeeper: „Was ist denn hier los?“ Draußen standen Hunderte von Gothic-Fans. Und der Barkeeper antwortete nur: „Das ist Marilyn Manson.“

Wie beurteilen Sie die Comedy-Szene in Deutschland?
Es wird immer bunter, gerade im Stand-up-Bereich. Auch inhaltlich wird es immer interessanter. Ich habe Teddy Teclebrhan in Hamburg gesehen, und es war sensationell. Ich kenne keinen Komiker, bei dem ich länger als bis zur Pause bleiben würde, bei Teddy schon.

Eines der Comebacks 2024 war das von Stefan Raab. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben. Alles war doch gut. Warum?

Termin

Atze Schröder gastiert am Samstag, 14. Juni, im Rosengarten in Mannheim.

Zur Person: Atze Schröder

Atze Schröder ist der Name einer Kunstfigur, die Mitte der 1990er-Jahre erstmals auf Stand-up-Comedy-Bühnen in Erscheinung trat. Ihre Markenzeichen sind ein Ruhrpott-Slang, derber Humor, eine Minipli-Frisur und eine blau getönte Pilotenbrille. Der Darsteller dieser Figur möchte seine Identität nicht preisgeben und verbreitet für Atze Schröder eine (mutmaßlich) fiktive Biografie. Atze Schröder präsentierte 1998 sein erstes Liveprogramm „Nur so geht’s“ und wurde besonders durch die RTL-Sendung „Alles Atze“ (1999-2006) und seine Teilnahme an der Sendung „Quatsch Comedy Club“ bei Pro 7 bekannt. Mit Till Hoheneder betreibt Atze Schröder den Podcast „Zärtliche Cousinen“, mit Leon Windscheid den Podcast „Betreutes Fühlen“. 2022 erschien seine Autobiografie „Blauäugig – Mein Leben als Atze Schröder“.

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