Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Asozial und Spaß dabei: Felix Lobrecht in der ausverkauften Friedrich-Ebert-Halle

„Ich trete in den schönsten Theatern auf – und hier“: Felix Lobrecht in der Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Halle.
»Ich trete in den schönsten Theatern auf – und hier«: Felix Lobrecht in der Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Halle.

Kein Comedy-Auftritt ohne Corona-Scherz, möge er auch noch so flach sein. „Wer Corona nicht in Kauf nimmt, hat das Ticket nicht verdient“, hatte Felix Lobrecht vor seinem Gastspiel in der ausverkauften Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Halle getwittert. Tatsächlich scheinen alle gekommen zu sein, die eine Karte ergattern konnten: um zuzuhören, wie der schwer angesagte Berliner Comedian genüsslich die Grenze des guten Geschmacks überschreitet.

„Schön, dass ihr alle hier seid!“, begrüßt der 31-Jährige sein Publikum, das überwiegend aus Twens besteht. „Mal ehrlich, auch schön, dass ich hier bin“, ergänzt er gezielt selbstgefällig und malt dann ausführlich aus, wie es denn wäre, wenn er heute Abend trotz Ankündigung nicht auf der Bühne erschienen wäre. Bis zu einer Massenpanik mit sieben Toten führt ihn seine überbordende, sichtlich von Hollywood-Katastrophenfilmen und den Detektiv-Hörspielen der „Drei ???“ gespeiste Fantasie, die nur einen Schluss zulässt: „Ist schon besser, dass ich gekommen bin.“Der adrette Berliner, der im beschaulichen Marburg studiert hat, einen Roman („Sonne und Beton“) verfasst und in den vergangenen Jahren den Weg vom Poetry-Slammer zum erfolgreichen Stand-up-Comedian genommen hat, vermittelt seit Beginn seiner Komikerkarriere glaubhaft das Bild eines Straßenjungen, der sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, die abgeklärte Haltung, den rauen Charme, seine Spontanität und den ätzenden Humor in seiner bis vor nicht allzu langer Zeit noch verrufenen Heimat Neukölln erworben hat.

Wegen der Ansteckungsgefahr freilich, wurde ihm von seinem Management untersagt, nach seinem Auftritt noch zu engen Kontakt zu den Fans aufzunehmen und Autogramme zu geben oder für Selfies zur Verfügung zu stehen. Auf Tour, sagt er, „bin ich ja wie so ’ne Petrischale, die durch Deutschland fährt“. Eigentlich, meint er, wisse er gerade nicht, ob er Corona lustig finden oder doch eher Angst haben solle. „Aber dein Husten beunruhigt mich!“, reagiert er spontan auf unüberhörbare Symptome aus einer der vorderen Reihen. „Wer coronat hier so rum?“ will er wissen. „Hier ist Hustenverbot! Du hast wohl zu viele BASF-Gase eingeatmet!“

Scherze über Ludwigshafen

Überhaupt, Ludwigshafen und die BASF: Eigentlich müsste die Stadt „Ludwigsfabrik“ heißen, meint Lobrecht. Hinter zahlreichen seiner spaßhaft getätigten Äußerungen stehen die Herablassung und die Überheblichkeit der Groß- und Hauptstädter, die den Berlinern immer wieder nachgesagt werden. Jedoch auch eigene Beobachtungen vor Ort. „Ich hab’ hier weit und breit keinen Hafen gesehen“, stellt der Comedian fest. Die Eberthalle gefällt ihm auch nicht: „Die Decke sieht aus wie die Sohle von so ’nem alten Laufschuh und der ganze Raum so, als würde die BASF hier an sechs von sieben Tagen Chemiereste lagern.“ Seine Karriere bringe es mit sich, dass er in den schönsten Theatern Deutschlands auftreten dürfe – „und hier“.

Von der Witzepolizei abgesegnet

Sehr genau reflektiert Lobrecht seinen Status als Comedian („Nicht prominent, aber schon so ein bisschen fame“), den Zeitgeist und die Lage der deutschen Comedy. „Ihr dürft über alles lachen, sind alles nur Witze. Es macht euch nicht zu schlechten Menschen, wenn ihr darüber lacht“, entkrampft er das Publikum. Alle seine Gags und Pointen seien mit „der deutschen Witzepolizei“ abgesprochen, versichert er und nennt ausgerechnet den umstrittenen Rapper Kollegah und den nicht minder umstrittenen Sänger Xavier Naidoo als deren Entscheidungsträger.

Kaum ein Thema sei heute unverfänglich, überall lauerten Tabus und Fallstricke, sagt er und gibt breit grinsend den Asozialen, der zielgerichtet die Grenzen des Anstands überschreitet und Witze auf Kosten von Frauen und behinderten Menschen macht. „Ihr habt noch mal ’n ganz anderes Gespür für die Pfanne, ihr habt nochmal ’nen ganz anderen Zugang zu einem Besen“, bescheinigt er dem weiblichen Geschlecht. Im Januar hatte er mit ähnlich respektlosen Bemerkungen über den verheerenden Brand des Krefelder Affenhauses einen Shitstorm geerntet. Dabei weiß Lobrecht sehr gut um die Vor- und Fehlurteile im eigenen Denken und spürt selbst unscheinbaren Diskriminierungen oder versteckten Rassismen nach: „Wir sind da alle nicht frei von, weil wir alle in diesen Strukturen aufgewachsen sind.“

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