Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Armer kleiner Opel: Besuch auf dem Schrottplatz

Harald Senck (links) mit seinem Mitarbeiter Mohamed Mokadem auf der Lagerfläche seines Schrottplatzes.
Harald Senck (links) mit seinem Mitarbeiter Mohamed Mokadem auf der Lagerfläche seines Schrottplatzes.

Schrottplätze sind Jagdgründe für passionierte Schrauber. Und Ersatzteillager für Leute, die auf den Euro achten müssen. Sie sind aber auch ein Glied in der Wertstoffkette – weil Schrott ein durchaus gesuchter Rohstoff ist.

Das ist dann das Ende eines Autolebens: Aufgebockt und hilflos am Tropf, zum Ablassen der Betriebsstoffe, so wie der kleine blaue Opel Corsa in der Garage. „Für den gab’s noch 50 Euro“, sagt Harald Senck und schaut kurz auf die Schläuche, die aus Motor und Getriebe des Rüsselsheimer Patienten ragen. Wird drei Stunden dauern, bis alles rausgelaufen ist, Motoren- und Getriebeöl, Bremsflüssigkeit, das Öl aus den Stoßdämpfern unter anderem. Das Getriebe ist aufgeschraubt, weil deutsche Ingenieurskunst auch schon mal hellere Momente hatte. „Der Ingenieur hat die Ablassschraube weggelassen“, sagt Senck und grinst. Armer kleiner Opel.

Besuch auf den Senck’schen Schrottplatz in der Ludwigshafener Notwende. Oben eine matte Vorfrühlingssonne. Links vom Büro – war wohl mal das Hauptgebäude einer Tankstelle – die bereits ausgebauten Teile, eine Hecke aus Auspuffen vor einem Zaun aus Kühlern, dahinter unter anderem einige Regalmeter Lichtmaschinen. Auf 10 Uhr: Der mittelalte Mann, der einen Außenspiegel für seinen Peugeot sucht, „ham wer welche da“, sagt Senck freundlich und gelassen. Wir spoilern hier schon mal Sencks Psychogramm: Der Mann hat die Ruhe weg.

Ganz hinten die Bahnlinie, wer in Richtung Ludwigshafener Hauptbahnhof reist, wird in Oggersheim kurz einen Blick auf Sencks Schrottplatz erhaschen können. Und davor die Fläche, auf der die Altautos stehen, die Mühseligen und nicht mehr zu Beladenden, und eben jene Fläche ist mittelbar der Grund, weshalb wir heute bei Harald Senck vorbeischauen.

Auf Sencks Platz kann man noch selbst schrauben

Über seinen Schrottplatz kann der Kunde und Teilejäger nämlich noch drüberlaufen und selbst abschrauben, ist selten geworden in der Branche. Das alte Vergnügen der Besitzer alter Autos, die Pirsch über den Platz, das Spähen nach Beute, der schnelle Zugriff mit Schlüssel und Schraubenzieher, alles der Freude der Jagd wohl nicht unähnlich – es gibt kaum noch Orte, an denen man es ausleben kann.

Für Komplett-Selberschrauber ist Senck in Mannheim und Ludwigshafen, „fast konkurrenzlos“, sagt Alexander Glock, der gerade nach Luftschläuchen für sein Peugeot Cabriolet sucht. Und der erkennbar gerne nach Teilen sucht: „Das Gucken gehört auch zum Schrauben dazu“, sagt er, freundlicher, kommunikativer Typ, beim Gespräch allerdings ein bisschen nervös, man wird ja nicht jeden Tag auf dem Schrottplatz von der Presse angefallen. Wie alt ist sein Peugeot eigentlich? „2004er Modell“, sagt Glock. „Isser nicht von ´94?“, fragt Senck ruhig und freundlich. „Stimmt“, sagt Glock, Stammkunde. Vier Schläuche braucht er, was würde Senck ihm berechnen? „Oooch – so fünf Euro“, sagt Senck. „Leben und leben lassen“, sagt Glock, „so soll es sein.“

Ein Auto pro Tag kommt rein

Im Durchschnitt um die 15 Jahre haben die Karossen auf dem Buckel, die bei Senck angeliefert werden, meistens von Privatleuten übrigens, etwa ein Auto pro Tag. Gibt im Allgemeinen etwas Geld fürs Altauto, oder die Rücknahme ist wenigstens kostenlos, vor Jahren war beim Anliefern des geschassten Gefährts sogar eine Gebühr fällig. Zwischen 30 und 150 Euro pro Tonne Schrott bekommt Senck von den Schrotthändlern, die Branche hat tagesaktuelle Preise. Liegt der zu niedrig, kann Senck zwischenlagern, bis der Erlös wieder höher ist. Auslaufen kann ja nichts, weil alles trockengelegt ist.

Zweites Standbein des Betriebs ist der Teileverkauf; was schwierig zu erreichen ist oder leicht kaputtgehen kann, wird schon beim Ablassen der Betriebsstoffe abgeschraubt. Wird zunehmend schwieriger, der Teilehandel, meint Senck. „Die Leute stehen mit dem Telefon vor mir und zeigen mir den billigsten Anbieter in Deutschland.“ Hat das Internet halt auch geschaffen: die Illusion von ständiger Verfügbarkeit. Den Auspuff mag’s anderswo billiger geben – wenn er in Flensburg liegt und mein Wagen samt Riss im Topf in Mundenheim steht, bringt mir das allerdings nichts.

Was noch viel auf den Straßen unterwegs ist, wird auch noch Nachfrage bei den Teilen erzeugen, und so kann Senck im Prinzip schon am Telefon abschätzen, was sich gut verkaufen lässt. Und die Kundschaft, die auf dem Schrottplatz sucht, muss tendenziell eher auf den Euro schauen: Graf Koks wird die Teile für seinen Bentley wohl nicht beim Altautoverwerter suchen beziehungsweise suchen lassen. Wobei: Manchmal täuscht man sich auch.

Es fragt auch mal jemand nach Porsche-Teilen

„Man kriegt schon mal Anfragen nach Porsche“, sagt Heike Daud, und grinst durchs Telefon. Der Altautohandel ihres Gatten Fredy, Traditionsbetrieb mit 50-jähriger Geschichte, sitzt im Ludwigshafener Stadtteil Rheingönheim – und ist einer der größeren der Region. Drüberlaufen ist dort nicht mehr, die Mitarbeiter schrauben selber ab und halten die Teile auf Hochregalen vor. „Die Leute wollen gar nicht mehr so schrauben“, sagt Daud, ganz ungefährlich sei’s dazu auch nicht.

Die Dauds bekommen mehr Autos von Händlern als Kollege Senck, der Autohandel hat in Deutschland eine Rücknahmepflicht für Altautos, wenn die nicht grundlegend modifiziert wurden. „Golf, Fordmodelle, ältere BWM, Opel“, kommen laut Heike Daud regelmäßig rein, Volvos beispielsweise so gut wie gar nicht. Und von einigen Klischees aus Film und Fernsehen muss man sich jetzt freimachen: Die große Schrottpresse nebst Schredder steht bei Daud so wenig wie bei Senck.

„Schreddern machen nicht mehr viele“ Schrottplätze, sagt Tino Lenhart vom Rohstoffverband Pfalz, der regionalen Interessensvertretung der Branche. Was mittelbar auch damit zu tun hat, dass man es hier mit einem Geschäft zu tun hat, das im Dienst der Wiederverwertung steht.

Die läuft im Grunde zweistufig ab: Die Schrottplätze nehmen die Autos an und bereiten sie vor. Pressen, Schreddern und Stofftrennung übernehmen die bundesweit um die 70 darauf spezialisierten Recyclingbetriebe. Die zerkleinern und trennen das Gesamtpaket Schrottauto in die verschiedenen Rohstofftypen: hauptsächlich Metall als Schredderschrott, daneben „Leichtfraktion“ vor allem aus Plastik, Glas und Gummi. Trennen und Verwerten sind eben die Ziele des Systems: Nach EU-Altfahrzeug-Richtlinie sind 95 Prozent der Altautos – bezogen aufs Leergewicht – wieder zu verwenden oder zu verwerten. Davon sind mindestens 85 Prozent zu recyceln oder als Teile zu verkaufen, die Differenz wandert vor allem in die Müllverbrennungsanlage.

Altautohändler wie Senck oder Daud müssen also genau dokumentieren, was bei ihnen reinkommt und was wieder rausgeht, und allzu viel an Metall oder Betriebsstoffen darf im System nicht hängenbleiben. Tut’s laut Umweltbundesamt auch nicht: Im starken Schrottjahr 2018 lag die Quote für die rund 560.000 Fahrzeuge, die verschrottet wurden, bei knapp 96 Prozent, die Recyclingquote bei 87 Prozent, inzwischen liegt sie sogar noch höher. Allerdings: Rund 2,4 Millionen Altfahrzeuge gingen in den Export – und bei wenigstens 300.000 Wagen kennt man den Verbleib nicht, illegal exportiert vielleicht.

Wenigstens, was im heimischen System landet, wird überwacht: Die Betriebe müssen sich jährlich zertifizieren lassen, dazu schaut die Behörde regelmäßig vorbei. „Wir bekommen genau auf die Finger geschaut“, sagt Daud.

Es gibt da bei manchen eine andere Vorstellung von Schrottplätzen, eine, die eher aus dem Fernsehen und dort eher aus dem Seifenoper-Bereich stammt: Die vom sympathischen Messie, der auf Zuruf einen einzelnen Auspuff aus einem Bergmassiv aus Auspuffen zieht. Geht so nicht, meint Senck, ist, wie wenn man ein einzelnes Fahrrad aus einem Stapel von Fahrrädern zu ziehen versuchte.

Bei älteren Modellen ist gut schrauben

Eine gewisse Ordnung muss schon sein, auch und gerade auf dem Schrottplatz. Beim Rundgang über den Platz schließt Senck einige Motorhauben, er mag es gar nicht, wenn’s da reinregnet und die Ware beschädigt. „Ich mach’ jeden Abend 20, 30 Hauben zu“, sagt er. Diebstahl auf dem Platz ist daneben ein Problem, und es gibt Zeitgenossen, die ihr Altauto nachts auf die Straße vor seinem Platz stellen, die Nummernschilder abschrauben und sich dann aus dem Staub machen. Dauert dann immer, bis die Stadt sie holen lässt, er selbst darf sich nicht einfach Altkarossen an Land beziehungsweise aufs Gelände ziehen.

Die Auspuffhecke also ist ordentlich, die Mietwerkstatt, die er auf dem Gelände zusätzlich betreibt, ist eine saubere Sache, so soll es sein. Die Sonne strahlt und Alexander Glock strahlt auch, zwei Schläuche hat er schon mal gefunden. Am Baujahr ´94 lässt sich halt noch gut schrauben, an modernen Fahrzeugen weit weniger gut, schon mal deshalb, weil die notwendigen Diagnosegeräte fehlen. „Als ich gelernt habe, hat man noch Anlasser repariert“, sagt Senck fast wehmütig. Glock ist früher bis Frankfurt gefahren, da gab’s einen Mega-Schrottplatz, die Zeitläufte haben auch den irgendwie weggeschreddert. „Die goldenen 80er sind vorbei“, sagt Glock, fast wehmütig.

Die 2000er im Übrigen auch, der aufgebockte Corsa könnte das bestätigen. Der Kleinwagen aus Bochum oder Rüsselsheim oder Eisenach blutet immer noch beim Trockenlegen aus. So vergeht der Ruhm der Welt, und Glanz und Frische des Neuwagens weichen dem rostigen Blechkleid des Alters. Armer kleiner Opel.

Verkaufen sich nicht mehr so gut, werden allerdings im Teilehandel noch vorgehalten: Kühler.
Verkaufen sich nicht mehr so gut, werden allerdings im Teilehandel noch vorgehalten: Kühler.
Senck vor Auspuffhecke, Kühlerzaun und Teilelager.
Senck vor Auspuffhecke, Kühlerzaun und Teilelager.
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