Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel ARD-Moderatorin Sandra Maischberger stellt Film über Mord an junger Türkin in Frankenthal vor

Mit 16 Jahren wird Aynur (gespielt von Almila Bagriacik) in die Türkei geschickt, um ihren Cousin zu heiraten. Zwei Jahre später
Mit 16 Jahren wird Aynur (gespielt von Almila Bagriacik) in die Türkei geschickt, um ihren Cousin zu heiraten. Zwei Jahre später kehrt sie nach Berlin zurück – hochschwanger und übersät mit blauen Flecken.

Interview: Seit mehr als 15 Jahren ist Sandra Maischberger Dauergast im Fernsehen – in ihrer gleichnamigen Talkshow. Was viele nicht wissen: Sie produziert auch Filme. Ihren neuesten, den dokumentarischen Spielfilm „Nur eine Frau“, stellt die 52-Jährige am Samstag in Frankenthal und Mannheim vor. Der hat es wirklich in sich.

Frau Maischberger, Ihr Film hat mich so wütend gemacht, dass ich fast meinen Block nach dem Fernseher geworfen hätte – weil eine junge Frau nicht selbstbestimmt leben darf, stattdessen wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wird. Für mich ist das unvorstellbar. War das die Reaktion, die Sie sich auch von den Zuschauern erhoffen?

Wütend wollen wir natürlich niemanden machen. In erster Linie wollen wir die Menschen für das Leben von Hatun Aynur Sürücü interessieren. Wir wollen sie in Erinnerung rufen, erst einmal ohne Emotionen. Dann würden wir uns aber auch wünschen, dass dieser Film dazu führt, dass Menschen darüber reden wollen. Darüber, was in unserem Land auch passiert. Aynurs Schicksal trifft zwar nur einen kleinen Teil von Frauen in Deutschland, aber dennoch keinen zu vernachlässigenden. Deshalb fanden wir es gut zu fragen, warum Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung nicht überall in Deutschland gelten, obwohl sie im Gesetz verankert sind. „Nur eine Frau“ basiert auf dem Fall von Hatun Aynur Sürücü, die 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossen wurde. Wie sind Sie an die Recherche rangegangen? Der Fall Hatun ist wahnsinnig gut dokumentiert. Es gibt einen Dokumentarfilm vom RBB, die Autoren Matthias Deiß und Jo Goll haben ein Buch geschrieben, und es gibt unheimlich viele Reportagen und Nachrichtenmaterial. Beim Prozess gab es natürlich Zeugenaussagen und psychologische Gutachten von Aynurs Brüdern. Wir haben aber auch die Kronzeugin, die den Tathergang geschildert hat, die Aussagen von Aynurs Freunden, ihrem Meister und von Mitarbeitern des Jugendamts. Wir hatten das Gefühl, dass in diesem ganzen Material die Familienmitglieder zu Wort gekommen sind. Die einzige Stimme, die in diesem Chor gefehlt hat, war die der ermordeten jungen Frau. Unser Drehbuchautor Florian Oeller hat ihr diese Stimme zurückgegeben, sie aus all dem Material rekonstruiert. Was Ihre Entscheidung für die für einen dokumentarischen Spielfilm untypische Ich-Perspektive erklärt? Das war natürlich ein radikaler Ansatz für diesen Film. Wir wollten Aynur erzählen lassen, aus der Perspektive von heute, damit sie ihre Geschichte zurückgewinnen kann und nicht noch einmal zum Opfer wird. Damit war aber auch klar, dass „Nur eine Frau“ ein fiktionaler Film werden würde und kein dokumentarischer. Außerdem hatten wir uns entschlossen, die Familie zu diesem Zeitpunkt nicht zu kontaktieren – auch mit Blick auf die Internetpräsenz der Brüder in der Türkei (Aynurs Mörder äußerte Medienberichten zufolge auf seiner Facebookseite Hasskommentare über Frauen und Deutschland, Anm. d. Red.), weil wir befürchtet hatten, dass wir den Film nicht so machen könnten, wie wir wollen, oder überhaupt nicht hätten machen können. Im Film taucht immer wieder Original-Bildmaterial auf – Ausschnitte aus den Nachrichten, Fotos und kurze Videos von Aynur. Warum? Wir haben in der Vergangenheit viele Dokudramas produziert, also schon mit einer Mischung aus dokumentarischem Material und Spielfilm gearbeitet. Für diesen Film wollte ich unbedingt Sherry Hormann als Regisseurin. Sie kommt vom Spielfilm, ihr Ansatz war also ein anderer: Sie hat von der fiktionalen Handlung aus gedacht und hat nur wenige dokumentarische Anker im Film gesetzt. Aynurs jüngerer Bruder wurde später zu rund neun Jahren Haft verurteilt. Gleichzeitig kam Kritik an den Behörden auf: Von nachlässiger Prozessführung und dem Wegsehen bei sexueller Gewalt war die Rede. Auch die Behörden im Film kommen als viel zu bürokratisch rüber. Glauben Sie, die Behörden haben im Fall Hatun versagt? Das Jugendamt würde ich da ausnehmen, das hat Aynur wirklich sehr geholfen. Die Mitarbeiter dort, die wir im Film auf eine Person verdichtet haben, haben ihr geholfen, aus der Familie zu gehen und in einem Haus für junge Mütter, später in einer eigenen Wohnung unterzukommen. Bei der Polizei ist es in der Tat so: So lange nichts vorgefallen ist, kann auch kein Schutz gewährt werden. Was das Gericht betrifft, war das Verfahren unglücklich, weil es einen Richterwechsel gegeben hatte. Am Urteil gab es danach viel Kritik, vor allem daran, dass Beweise nicht gewürdigt wurden. Als eine Wiederaufnahme des Verfahrens gelang, waren die Brüder schon in der Türkei. Dort gab es dann ein Verfahren, das mit Freisprüchen wegen Mangels an Beweisen beendet wurde. Das lag vor allem daran, dass die Kronzeugin aus dem Berliner Prozess nicht in die Türkei reisen wollte. Auch die Politik hat nach Hatuns Ermordung im Februar 2005 eine Debatte rund um Integration, Wertesysteme und Frauenrecht angestoßen. „Wertekunde“ sollte sogar Schulfach werden. Finden Sie, dass in den letzten 14 Jahren politisch genug bewegt worden ist? Ich glaube, es hat sich erstmal sehr viel bewegt. Häuser sind aufgemacht worden, in denen junge Frauen, die sich lösen wollen, die vor einer Zwangsverheiratung stehen, Zuflucht finden können. Aus unserer Beobachtung hat sich die Situation in den vergangen zehn Jahren allerdings nicht zum Besseren gewendet. Das liegt auch daran, dass sich die politische, ideologische Islamistenszene radikalisiert hat. Das hat natürlich auch eine Rückwirkung auf das Leben in einer solchen Community. Aynurs Sohn Can ist heute um die 20 und lebt in einer Pflegefamilie. Was, glauben Sie, wird er zum Film sagen? Wir wussten gar nicht, wo wir ihn hätten suchen sollen. Seine Identität ist geheim, und das ist gut so. Unsere Regisseurin hat sich immer vorgestellt, er würde den Film sehen und etwas von der Kraft seiner Mutter mitnehmen. Aber tatsächlich wissen wir nichts über diesen Jungen. Er war fünf Jahre alt, als Aynur ermordet wurde. Er hat bestimmt Erinnerungen an diese Zeit – und ist vermutlich traumatisiert. Termine Sandra Maischberger stellt „Nur eine Frau“ heute um 17 Uhr im Lux-Kino Frankenthal und um 19 Uhr im Atlantis-Kino in Mannheim vor.

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