Geschichten aus der Geschichte Arbeiterolympiade 1925 mit zwei Schwerathleten aus Mutterstadt

Ludwig Reimers Teilnahmeurkunde an der Arbeiterolympiade 1925.
Ludwig Reimers Teilnahmeurkunde an der Arbeiterolympiade 1925.

Zwei Schwerathleten aus Mutterstadt nahmen 1925 an der Arbeiterolympiade teil. Ein Ereignis, das Sport und Protest vereinte, aber auch eine soziale Kluft widerspiegelt.

An der ersten Arbeiterolympiade vor 100 Jahren, die im Juli 1925 in Frankfurt am Main stattfand, nahmen auch zwei Schwerathleten aus Mutterstadt teil: der Gewichtheber Ludwig Reimer und der Ringer Fritz Klein. Beide gehörten seinerzeit dem 1892 gegründeten Athleten-Klub an, der wiederum Teil der Mutterstadter Arbeitersport- und Kulturvereine war, die 1933 verboten und aufgelöst wurden.

Dieses Ortskartell für Vereinssport, insbesondere für Turner, Schwerathleten und Radfahrer, aber auch für Kulturpflege wie Gesang, Bildung, Theater und Musik, stand auf dem Boden der sozialistischen Arbeiterbewegung. In Mutterstadt bestand diese stark ausgeprägte Arbeitervereinskultur seit Ende des 19. Jahrhunderts. Im Sport waren das der 1892 gegründete Athleten-Klub, später Vereinigter Freier Athleten-Klub. In der Satzung war der Zweck des Vereins wie folgt festgelegt: „Durch geregelter und naturgemäßer Übungen den Körper zu kräftigen und ausdauernd zu machen.“ Der Athletenklub , dem auch ein Spielmannszug angegliedert war, hatte damals fast 300 Mitglieder. Auf dem heutigen Messplatz stand eine Vereinshalle mit Saal, Bühne, Schankraum und Wohnung.

Ausgrenzung der Arbeiter

In und vor der Halle fanden die Veranstaltungen der Arbeitervereine statt: Konzerte des Gesangvereins, Sportveranstaltungen mit Gewichtheben, Ringen, Radball, Kunstradfahren, Turnen, Theateraufführungen, Konzerte, Tanzveranstaltungen, Ehrungsabende, Mitgliederversammlungen und politische Veranstaltungen.

Die Gründe für das Entstehen und diese Vielfalt der damaligen Arbeitervereine lagen einmal in der Ende des 19. Jahrhunderts vorhandenen Ausgrenzung der Arbeiter durch die bürgerliche Gesellschaft, zum anderen boten insbesondere die Arbeiterkulturvereine neben der Geselligkeit die Möglichkeit der politischen Information und der Weiterbildung für diese damals noch weitestgehend „bildungsfernen“ Bevölkerungsschichten.

Olympische Spiele ohne Deutschland

3000 Sportler und Sportlerinnen aus zwölf europäischen Ländern nahmen damals im neu erbauten Frankfurter Waldstadion an dieser ersten Arbeiterolympiade teil. Organisiert wurde diese Veranstaltung von der „Sozialistische Arbeiter-Sport-Internationale“ (SASI), vor Ort unterstützt vom Arbeiter-Rad-Fahrer-Bund „Solidarität“, der auch als politische Gruppierung, die sogenannte „rote Kavallerie“, für die Verteilung von Flugblättern in Wahlkämpfen eingesetzt wurde.

Grund für die Ausrufung dieser Arbeiterolympiade war insbesondere der Ausschluss Deutschlands von den Olympischen Sommerspielen 1924 in Paris; die Arbeiterolympiade sollte nicht nur sportlichen Interessen gelten, sondern auch als Zeichen der Protesthaltung gegenüber diesem Ausschluss und darüber hinaus die geistig-körperliche Erneuerung der Arbeiterschaft demonstrieren. Neben dem Wettkampfsport standen deshalb Solidarität, Teilhabe und ein alternatives Verhältnis zu Körper, Gesundheit und Bewegung im Mittelpunkt. Zudem gab es ein umfangreiches Kulturprogramm und Massenfreiübungen, an denen sich insgesamt 100.000 Menschen beteiligten.

Ein Herz für Schwerathletik

Ludwig Reimer (1893-1974) war in den 1920er-Jahren ein erfolgreicher Gewichtheber mit vielen Siegen. Am 28. Juli 1925 belegte der Mittelgewichtler in seinem Olympia-Wettkampf einen vierten Platz im Dreikampf (Reißen, Drücken, Stoßen). Der gelernte Maurer war neben seinem Sport für die SPD Mutterstadt politisch aktiv und wurde 1933 nach dem Parteiverbot aktives Mitglied einer Widerstandsgruppe namens „Sozialistische Aktion“, die unter anderem illegale Schriften und Flugblätter verteilte. 1934 deswegen verhaftet, kam er nach fünf Monaten Gefängnis wieder frei. 2024 wurde im Gedenken für Ludwig Reimer als einem vom NS-Regime politisch Verfolgten in der Karl-Marx-Straße ein Stolperstein verlegt.

Der Sportler Reimer begeisterte sich zeit seines Lebens für die Schwerathletik, unterstützte nach dem Krieg die Gewichtheber in der Turn- und Sportgemeinde Mutterstadt und dann den wiedergegründeten Athleten-Club Mutterstadt. Zu Norbert Fehr, dem mehrmaligen Deutschen Meister und Olympia-Teilnehmer, sowie zu dem Gewichtheber-Talent Rainer Dörrzapf, später Deutscher Meister, Junioren-Weltmeister und Olympia-Teilnehmer, hatte Reimer bis zu seinem Tod engen persönlichen Kontakt.

Der zweite Mutterstadter Teilnehmer 1925 war der Ringer Fritz Klein (1903-1991), der einen hervorragenden dritten Platz in seiner Gewichtsklasse belegte. Der Schwerathletik verbunden waren sein Sohn Edgar und sein Enkelsohn Michael, aber nicht als Ringer, sondern als Gewichtheber und Mitglieder der Meistermannschaften des TSG Mutterstadt und des AC Mutterstadt.

Ludwig Reimer nahm an der Arbeiterolympiade 1925 teil.
Ludwig Reimer nahm an der Arbeiterolympiade 1925 teil.
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