Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Apotheker zum Impfen: „Wir werden boykottiert“

Ärgert sich über die vielen Steine, die Apothekern beim Impfen in den Weg gelegt werden: Matthias Schwerdtfeger, der ab sofort g
Ärgert sich über die vielen Steine, die Apothekern beim Impfen in den Weg gelegt werden: Matthias Schwerdtfeger, der ab sofort gegen Grippe impfen darf, aber auch gerne die Spritze gegen Covid-19 anbieten will.

Mit der Ankündigung, dass Apotheker jetzt impfen dürften, werde seit Monaten etwas dargestellt, das so schlichtweg nicht existiere, ärgert sich Matthias Schwerdtfeger. „Wir werden massiv boykottiert“, sagt der Ludwigshafener Apotheker.

„Exakt einen Schulungstermin fürs Impfen hat die Landesapothekerkammer im vergangenen Herbst für 30 Teilnehmer angeboten“, sagt Schwerdtfeger, „und danach lange nichts“. Erst kürzlich habe es dann ein zweites Angebot gegeben, an dem auch der Ludwigshafener teilgenommen hat: Vier Theoriestunden absolvierte er vor rund zwei Wochen. Am vergangenen Dienstag standen dann vier Praxisstunden auf dem Programm. „Wenn Sie jetzt aber glauben, dass das eine Schulung für die Impfung gegen Covid-19 war, dann täuschen Sie sich“, sagt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. „Geschult worden bin ich erstmal nur für die Grippeimpfung.“

Die Information, dass ab sofort ein breitflächiges Impfen bei den Apothekern stattfinden könne, bezeichnet Schwerdtfeger deshalb als „komplette Fehlinformation der Regierung“. Was derzeit laufe, seien nichts weiter als Pilotprojekte. „Das Impfen in den Apotheken ist in der Testphase“, sagt der 45-Jährige, der sowohl Inhaber der Ludwigshafener Bismarck-, Engel-, und Hohenzollernapotheke ist.

„Es tobt ein Machtkampf“

Und warum gestaltet sich das Thema Apotheker-Schulungen zur Covid-19-Impfung so schwierig? „Weil zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung das massiv boykottiert“, sagt Schwerdtfeger ohne zu zögern. Es gebe zwar durchaus Ärzte, die ihm gegen über kommunizierten, dass sie sich gerne wieder ihrem Kerngeschäft widmen würden und deshalb dankbar wären, wenn auch die Apotheker beim Impfen mit im Boot wären. „Hinter den Kulissen tobt aber ein Machtkampf, und in diesem werden wir Apotheker nicht als Partner gesehen“, sagt Schwerdtfeger. Tatsächlich hatte sich vor wenigen Tagen der rheinland-pfälzische Hausärzteverband zu Wort gemeldet und dabei das Impfen der Apotheker als „Missachtung der Leistung aller niedergelassenen Ärzte und deren Praxisteams“ bezeichnet.

Als die RHEINPFALZ bei der Landesapothekerkammer in Sachen Schulungen nachfragt, heißt es dort: „Es ist richtig, dass die Seminare für Covid-19-Impfungen erst jetzt richtig losgehen.“ Zum einen gebe es die Lehrstoffinhalte erst seit Kurzem, zum anderen sei es schwierig, Referenten zu gewinnen: „Manche Ärzte schulen lieber Ärzte für die Impfungen als Apotheker,“ sagt Tilman Scheinert von der Landesapothekerkammer. Eine gute Nachricht hat Scheinert für Matthias Schwerdtfeger allerdings trotzdem. Auch Apotheker, die eine Schulung für die Grippeschutzimpfung absolviert habe, können ihm zufolge gegen Covid-19 impfen. Allerdings nur Personen ab 18 Jahren und erst dann, wenn sie zusätzlich zum Seminar eine Haftpflichtversicherung sowie geeignete Räumlichkeiten nachweisen.

„Wurde nie klar kommuniziert“

Auf den Einwand, dass diese Apotheker dann aber keinerlei Anleitung für die Aufbereitung der Corona-Vakzine erhalten haben, sagte Scheinert der RHEINPFALZ: „Es gibt dafür eine Handlungsanleitung, die genutzt werden kann.“ Sollte ein Apotheker für die Grippeimpfung geschult worden sein, jetzt aber auch Zwölf- bis 17-Jährige gegen Covid-19 impfen wollen, dann müsse er dafür ein zusätzliches Seminar besuchen.

„Mir wurde nie klar kommuniziert, dass ich mit meinem Seminar zur Grippeimpfung auch Erwachsene gegen Covid-19 impfen darf“, sagt Schwerdtfeger indes. Immerhin habe er aber genug Grippeimpfstoff vorrätig. „Er verrottet sozusagen im Kühlschrank“, erzählt der Apotheker mit einem gewissen Galgenhumor. Schon seit Anfang Dezember gebe es seitens der Ärzte so gut wie keine Nachfrage mehr danach. Schwerdtfeger: „Das Thema Grippeimpfung ist immer dann so gut wie von der Bildfläche verschwunden, wenn die Coronainfektionen wieder zunehmen.“ Das sei schon im Winter 2020 so gewesen, sagt der 45-Jährige und schätzt, dass er im vergangenen Jahr höchstens ein Drittel dessen verkauft hat, was beim Grippeimpfstoff im Jahr zuvor noch üblich war. „Eher 20 Prozent“, korrigiert er sich nach kurzem Nachdenken.

Impfen üben an Orangen

Dass er jetzt noch viele Kunden gegen die Grippe impfen wird, davon geht Schwerdtfeger nicht aus. „Die Saison ist ja so gut wie vorbei“, sagt er und kann sich dabei einen erneuten Seitenhieb auf die politisch Verantwortlichen nicht verkneifen: „Ob ich im kommenden Winter überhaupt noch als qualifiziert für die Grippeimpfung gelte, ist aktuell noch nicht geklärt.“ Vermittelt wurden dem Apotheker in seiner jetzt absolvierten Schulung jedenfalls, wie das Impfen dokumentiert werden muss, welche Hygienevorschriften zu beachten sind und natürlich auch, wie die Spritze zu setzen ist. „Geübt haben wir das mit einer Kochsalz-Lösung zunächst an Orangen, danach haben wir uns die Lösung gegenseitig in den Oberarm gespritzt“, erzählt Schwerdtfeger. Auch, wie mit Impfreaktionen oder einem akutem Kreislaufversagen umzugehen ist, sei Bestandteil der Schulung gewesen.

„Testen, impfen, Cannabis verkaufen“ – bei der Frage, was er denn vom neuerdings stark gewandelten Berufsbild des Apothekers hält, breitet sich ein Lächeln in Schwerdtfegers Gesicht aus. „Die Cannabis-Schulung gibt es noch nicht, das ist ein weiteres Thema, das die Politik bisher einfach nur mal in den Ring geworfen hat.“

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