Ludwigshafen Anstandsdamen und Evergreens

Placeholder-Image

Die Verwechslungskomödie „Charleys Tante“ ist vor allem durch die Verfilmungen mit Heinz Rühmann (1956) und Peter Alexander (1963) bekannt geworden. Jetzt sorgte das Erfolgsstück auch in einer Variante mit Musik für ein gut besuchtes Palatinum in Mutterstadt. Das Gastspiel kam von Großstadtentertainment in Paderborn.

In Anlehnung an die Verfilmungen hat Stefan Wurz seine Inszenierung in die Zeit Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger verlegt und mit Evergreens der damaligen Hitparaden zum Musical gemacht. Das ursprüngliche Stück von Brandon Thomas ist um einiges älter und wurde im viktorianischen London 1892 uraufgeführt. Bereits ein Jahr später kam „Charleys Tante“ nach Berlin, wo es in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der größten Publikumserfolge wurde. Das sollte man vielleicht berücksichtigen, denn auch in den 1950er Jahren brauchte ein junges Mädchen keine Anstandsdame mehr, um mit einem jungen Mann alleine Kaffee zu trinken. Und Butler waren bei einem jungen und finanziell klammen Studenten auch damals nicht gerade üblich. Die Notwendigkeit einer Anstandsdame ist jedoch der Ausgangspunkt des ganzen Stücks. Der junge Student Charley (Patrick Nitschke) nämlich hat sich unsterblich in die 17-jährige Marie (Ramona Akgören) verliebt, die am nächsten Tag zu ihrer Tante nach Dänemark reist, wo sie den Sommer verbringen soll. Höchste Zeit also, das Mädchen einzuladen und das Eisen zu schmieden, ehe die Liebe erkaltet. Die unbedingt notwendige Anstandsdame soll die Tante aus Mexiko sein, „wo alles Scharfe herkommt“. Anita Lucia Carmencita Gonzales, verwitwete Schwester der Mutter, hat telegrafisch ihre Ankunft für diesen Nachmittag angekündigt. Niemand kennt sie, aber reich soll sie sein. Als sie sich verspätet, ist das Projekt „Marie“ gefährdet. Freund Toni springt ein und verkleidet sich notgedrungen als Tante. Das macht er dann so erfolgreich, dass er es auf zwei Heiratsanträge bringt, von den Vätern der beiden Verliebten. Die beiden Herren fühlen sich offenbar ebenso sehr vom Geld der Dame als von ihrem gepfefferten Temperament angezogen. Der Vater Charlies (Oliver Grice), Admiral von Schneider („Dinner for one“ lässt grüßen) ist nicht weniger klamm als sein Sohn, und bei Fabrikant Willy Weber (Peter Kellner) will wohl Geld zu Geld kommen. So ist die Ausgangssituation, die von den Darstellern mit viel Situationskomik und mit noch mehr Schlagern ausgefüllt wurde. Dabei zeigte vor allem Victor Silvester Wendtner als falsche Tante Stimme wie auch komödiantisches Temperament – und erstaunlich hübsche Beine, frisch rasiert und in knallroten Stöckelschuhen, in denen er höchstens absichtlich stolperte. Sobald er, unbeobachtet, wieder zum Manne werden durfte, nahm er breitbeinig Platz und ermöglicht Blicke auf männliche Unterhosen, in diesem Fall zeitgemäß-züchtiges Baumwoll-Feinripp. Wer Spaß an den Hits der damaligen Zeit hat, bekommt in dieser Produktion einiges geboten: „Er hat ein knallrotes Gummiboot“, „Hello Mary Lou“, „Sind Sie der Graf von Luxemburg“, „Mit 17 hat man noch Träume“, „17 Jahr, blondes Haar“, das ist nur eine kleine Auswahl. Allein, als Duett, im Ensemble, garniert mit den Tanzschritten der Fünfziger und in Pettycoat und Rock ’n’ Roll-Klamotten. Wie im Musical üblich, gab es keine reinen Sprechrollen, jeder Darsteller hatte auch zu singen und zu tanzen und machte beides gut. Gegen Ende tauchte natürlich die echte Tante (Jennifer Caron) auf und brachte mit ihrer wehmütigen Erinnerung an den allzu jungen Liebhaber noch einen Hauch von „Rosenkavalier“ auf die Bühne. Und Jörg-Harald Werron als Butler James, der sich heimlich an den alkoholischen Vorräten bediente, brachte eine sehr britische Form von Komik hinzu. Es gab viel wohlverdienten Beifall.

x