Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Altenheim in der Pandemie: „Übelste Anrufe und Drohmails“

Manche Bewohner würden sich der Hausgemeinschaft zuliebe durchaus impfen lassen, bekommen es von ihren Kindern aber verboten, sa
Manche Bewohner würden sich der Hausgemeinschaft zuliebe durchaus impfen lassen, bekommen es von ihren Kindern aber verboten, sagt Heimleiterin Alexandra Bernauer.

Die Omikron-Welle hat das evangelische Altenheim in der Gartenstadt hart getroffen. Wie die Krankheitsverläufe aussehen, welche Folgen die Impfpflicht im Gesundheitswesen hat und warum es gut ist, Eierlikör im Kühlschrank zu haben. Das hat Eva Briechle die Heimleiterin Alexandra Bernauer gefragt.

Frau Bernauer, welche Auswirkungen hat die Omikron-Welle für Ihr Haus bisher gehabt?
Ende Januar hatten wir eine neue Infektionswelle, die uns schwer zu schaffen gemacht hat. Von 120 Bewohnern waren 35 positiv, insgesamt 18 Mitarbeiter hatten sich krankgemeldet. Dass wir den betroffenen Wohnbereich dann präventiv unter Schutzisolation gestellt haben, hat uns innerhalb von zwei Wochen aber so weit gebracht, dass sich die Anzahl der Infizierten auf vier Bewohner reduzierte.

Wie haben Sie den hohen Personalausfall gestemmt?
Wir haben unglaublich viele loyale und flexible Mitarbeiter, die Sonderschichten geschoben haben und ihre Dienste auch untereinander aufgeteilt haben. Es gab also sehr viel Solidarität. Aber natürlich gab es auch einige Engpässe und wir sind da sehr an unsere Grenzen gekommen.

Wie hoch sind bei Ihnen die Impfquoten und welche Krankheitsverläufe erleben Sie?
Bei den Mitarbeitern haben wir eine Impfquote von 90 Prozent und bei den Bewohnern von 95 Prozent. Ein gutes Drittel unserer Bewohner ist bereits das zweite Mal geboostert, alle anderen haben mindestens eine Auffrischungsimpfung erhalten. Und jetzt bildet sich für uns ab, dass die Pandemie zwar immer noch fürchterlich ist, aber sie hat ihren Schrecken verloren. Weil die Krankheitsverläufe deutlich abgeschwächt sind. Teilweise hatten wir positiv getestete Bewohner, denen hat man gar nichts angemerkt. Die waren ein bisschen müde und schlapp, hatten aber keine Erkältungssymptome. Was wir allerdings haben, sind schwere Verläufe bei den Ungeimpften. Zwei unserer nicht geimpften Bewohner sind in den vergangenen Wochen gestorben.

Wie bitter ist das, jemanden sterben zu sehen und zu wissen, die Impfung hätte den Tod dieses Menschen verhindern können?
Am 31. Dezember 2020 haben wir das erste Mal geimpft. Und seither haben wir die Impfmuffel immer wieder gefragt: Wollt ihr nicht mitmachen? Dass wir jetzt immer noch Tote zu beklagen haben, die nicht gegen Covid-19 geimpft waren, ist extrem traurig. Teilweise haben wir aber auch Bewohner, die sich der Hausgemeinschaft zuliebe sehr wohl impfen lassen würden, es aber von ihren Kindern verboten bekommen.

Im Ernst?
Im Ernst. Und an dieser Stelle muss ich natürlich auch die Frage stellen: Was passiert mit einer Einrichtung, in der sich viele Bewohner nicht impfen lassen? Wir reden bisher immer nur von der Impfpflicht für das Pflegepersonal.

Was passiert, wenn Mitte März die Impfpflicht für das Pflegepersonal in Kraft tritt?
Dann werden wir Mitarbeiter verlieren. Teilweise haben Mitarbeiter bereits gekündigt, andere sitzen das Ganze noch aus. Gelinde gesagt ist es eine Zumutung, dass die Politik diese Impfpflicht zwar ausruft, aber keine gangbare Strategie für deren Umsetzung existiert. Die Kontrolle der Impfungen über die Gesundheitsämter halte ich für eine Farce, denn die Gesundheitsämter helfen uns schon lange nicht mehr. Ich bekomme als Einrichtungsleitung manchmal noch nicht einmal eine E-Mail beantwortet.

Wie sehr nervt Sie das politische Hickhack um die Impfpflicht im Gesundheitswesen, das derzeit herrscht?
Das macht unseren Alltag, der sowieso schon nicht einfach ist, noch viel schwerer. Es wird damit so viel Unsicherheit geschürt, und wir merken alle, dass die Gesellschaft sich verändert. Viele sind einfach nur noch aggressiv.

Auch Ihnen als Mitarbeiter des Seniorenheims gegenüber?
Ja, auch. Gemäß der Landesverordnung haben wir zum Beispiel im Weihnachtsgottesdienst die geimpften von den ungeimpften Bewohner getrennt. Sie glauben gar nicht, was da los war. Wir haben daraufhin übelste Anrufe und auch Drohmails von Angehörigen bekommen.

Wie erleben Sie Ihre Bewohner in der derzeitigen Situation?
Es gibt Bewohner, die sind sehr traurig, aber sie verstehen die Maßnahmen. Und trotzdem sind sie einsam, weil zum Beispiel sämtliche Gruppenveranstaltungen wegen des Virusausbruchs wieder auf Eis lagen. Andere Bewohner sind aber auch demenziell so verändert, dass sie gar nicht mehr verstehen, was gerade los ist. Zu vermitteln, warum es jetzt wichtig ist, im Zimmer zu bleiben oder warum keine anderen Menschen mehr berührt werden dürfen, das ist für uns sehr schwer.

Wie erleben Sie Ihr Personal, das sich angesichts des Impfpflichtdrucks jetzt doch hat impfen lassen?
Ich habe Mitarbeiter erlebt, die sind wirklich unter Tränen und völlig aufgelöst zur Impfung gekommen, und zwar weil sie panische Angst davor hatten – aber sie hatten auf der anderen Seite eben auch panische Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Diesen Mitarbeitern jetzt quasi die Pistole auf die Brust zu setzen, ist kein schönes Gefühl. Ich bin absolut der Überzeugung, dass man im Gesundheitswesen geimpft sein muss. Aber das Ganze ist eben auch kontrovers: Die Mitarbeiter müssen geimpft sein, der Bewohner darf das noch frei entscheiden.

Wie geht es Ihnen als Heimleiterin nach zwei Jahren Pandemie?
Ich weiß, dass es wichtig ist, dass ich zur Arbeit fahre und ich mache es auch immer noch sehr gerne. Aber die Situation macht total müde. Weil man ständig auf neue Regeln zu reagieren hat und sein Verhalten permanent transparent erklären muss. Und obwohl man so erschöpft ist, weiß man, dass es gilt, solidarisch zu sein und zum Wohle der Gemeinschaft jetzt noch mal zu sagen: Attacke, Augen zu und durch.

Über welche Momente können Sie sich in Ihrem Arbeitsalltag freuen?
Nachdem vergangene Woche klar war, dass wir die Speisesäle wieder öffnen dürfen, haben wir unsere Bewohner auf den Zimmern angerufen, um ihnen das mitzuteilen. Eine 99-Jährige hat daraufhin so ins Telefon geweint und sich mehrmals rückversichert, ob das auch wirklich wahr ist. Und dann hat sie gesagt: Frau Bernauer, da muss ich jetzt als Allererstes aber mal meinen Eierlikör aus dem Kühlschrank holen. In dem Moment hatte ich wirklich Gänsehaut und war sehr gerührt.

Zur Person

Alexandra Bernauer ist 50 Jahre alt und als zentrale Heimleitung der Evangelischen Altenhilfe gGmbH Ludwigshafen zuständig für das Alten- und Pflegeheim in der Gartenstadt, für das evangelische Seniorenzentrum in Römerberg und für das Senioren-, Wohn- und Pflegestift Waldparkresidenz Altrip.

Alexandra Bernauer
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