Ludwigshafen Als Frau unter obdachlosen Männern
«Süd.» Es ist ein unscheinbares gelbes Haus mit fünf Stockwerken, das da in direkter Nachbarschaft zur BASF steht. Viele Rollläden sind geschlossen, an den Fenstern befinden sich Vorhänge, teils hübsch dekoriert. Die Rede ist vom Caritas Förderzentrum Sankt Martin, der Wohnungslosenhilfe am unteren Rheinufer. Das ist der Ort, den sich Alicia Sonntag für ihr Jahr im Bundesfreiwilligendienst ausgesucht hat. „Nach vielen Kinder- und Jugendcamps in meiner Freizeit wollte ich nach dem Abitur in einen ganz anderen Bereich hineinschnuppern“, erzählt die 20-Jährige. Zwar habe sie auch einen Tag in einem Kinder- und Jugendheim hospitiert. Aber nach dem Tag in der Obdachlosenunterkunft sei die Entscheidung für sie klar schnell gewesen, ergänzt sie lächelnd. Das ist insofern ungewöhnlich, da es eine Einrichtung nur für erwachsene Männer ist. Seit August ist die junge Frau bereits am Empfang und an vielen weiteren Stellen im Haus im Einsatz. Sie begleitet die Bewohner beim Einkauf, zu Arztbesuchen und Volkshochschulkursen. Bei den Gesprächen zwischen Mitarbeitern des sozialen Dienstes und den Hausbewohnern sammelt sie Eindrücke, wie die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter funktioniert. Auch für die Wohnungssuche und Schuldenberatung ist der soziale Dienst zuständig. Einige der Bewohner gehen inzwischen einer regelmäßigen Arbeit nach und sollen wieder zurück in ein normales Leben begleitet werden. Die junge Frau bedauert die Männer, die abends von der Straße kommen und eines der vier Notunterkunftbetten in Anspruch nehmen. Sie duschen hier, ziehen sich frische Kleidung an. Am nächsten Morgen müssen sie aber dann wieder zurück auf die Straße. Durch Erzählungen von Betroffenen weiß Sonntag, dass man als Neuankömmling aus den Wohnungen der Bayreuther- und Kropsburgstraße auch mal mit einem blauen Auge herauskomme. Von Drogen- und Alkoholproblemen ganz abgesehen. Beides ist in der Caritas Einrichtung tabu und wird mit Hausverbot geahndet. Sonntag beschreibt den gegenseitigen Umgang als respektvoll. „So wie ich mich den Männern gegenüber verhalte, so sind sie auch zu mir“, ist Sonntag überzeugt. Vor drei Jahren ist die junge Frau aus dem Schwäbischen nach Frankenthal gezogen. Ihr Hobby, das Tanzen, musste sie schon wegen des Lernpensums fürs Abitur zurückstellen. Auch die Proben mit der Band Plunk Club, in der sie singt, sind aufgrund der Arbeit weniger geworden. Hier sucht Sonntag die Persönlichkeit in den Menschen, mit denen sie zu tun hat. Deshalb mag sie auch ihre Einsätze im Café Kniffel, das zweimal täglich auf dem Caritas Gelände am Rheinufer seine Türen für die Bewohner öffnet. Dort kommt es, abseits von den kurzen Kontakten am Empfang, zu Unterhaltungen. Sie sieht wie die Bewohner miteinander umgehen. Dasselbe gilt für die beiden gemeinsamen Ausflüge zum Luisenpark sowie ein weiterer zum Bowlingcenter. Jeder gestaltet seinen Alltag anders. Ein Bewohner repariert Fahrräder und verkauft sie weiter, ab dem Frühjahr gibt es wieder Bastelangebote mit Holz. Das sei vor allem für die Langzeitbewohner wichtig. Denn sie haben aufgrund von Krankheiten oder wegen ihres Alters keine Möglichkeit mehr, ein Leben außerhalb des Hauses zu bewältigen. Sonntag setzt sich ein, damit all dies hier gelingt. Für die Zukunft hat sie auch feste Pläne: Sie strebt für das kommende Jahr ein duales Studium der Sozialpädagogik mit leitender Funktion an. Den Dienst im Haus der Wohnungslosenhilfe könne sie aufgrund ihrer Erfahrung jedenfalls nur empfehlen, meint sie lächelnd.