Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Als der RAF-Terror nach Ludwigshafen kam

200 Aktenordner mit polizeilichen und juristischen Informationen zur ersten Generation der RAF stehen Klaus Jürgen Becker im Sta
200 Aktenordner mit polizeilichen und juristischen Informationen zur ersten Generation der RAF stehen Klaus Jürgen Becker im Stadtarchiv zur Verfügung. Er hat in ihnen systematisch nach Hinweisen zum Banküberfall der terroristischen Vereinigung in Ludwigshafen gesucht.

Vor 50 Jahren kam der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) nach Ludwigshafen. In den Morgenstunden des 21. Februar 1972 überfiel ein achtköpfiges Kommando eine Bank am Ludwigsplatz. Mit der nie wirklich aufgeklärten Tat beschäftigt sich Stadthistoriker Klaus Jürgen Becker seit Jahren – und kann dafür in einem echten Schatz stöbern.

Weit weg erscheint der linksextreme Terror der 1970er-Jahre. Und gleichzeitig ganz nah. Wenn Klaus Jürgen Becker sein Büro im Erdgeschoss des Stadtarchivs in der Rottstraße verlässt und durchs Musikerviertel Richtung Südwest-Stadion spaziert, ist er keine Viertelstunde später in der Van-Leyden-Straße. Hier, in einem unscheinbaren Wohnblock mit der Hausnummer 17-19, hat die Rote Armee Fraktion einst eine ihrer berüchtigten konspirativen Wohnungen angemietet. Am 13. Januar 1972 war das. Die Annonce stand in der RHEINPFALZ, Ingeborg Barz war die Mieterin. Das stehe aufgrund von Zeugenaussagen eindeutig fest, sagt Becker.

Lampe im Eingang

Fünf Wochen später wollte Ingeborg Barz, die zuerst der Bewegung 2. Juni angehört hatte und seit ein paar Monaten zur ersten Generation der RAF gehörte, von ihren Genossen nichts mehr wissen. An dem Tag, an dem in Ludwigshafen die Bank überfallen worden ist, rief die 23-jährige Frau ihre Mutter an und besiegelte ihren Ausstieg als Terroristin. Sie ist seit 50 Jahren verschwunden – oder schon lange tot. Zur Frage, was aus ihr geworden ist, kursieren unterschiedliche Theorien.

Ein paar Wochen vor dem Banküberfall hatten sie und ihre Mitstreiter es sich jedenfalls in der Van-Leyden-Straße gemütlich gemacht. Zumindest auf den ersten Blick. „Das war immer die gleiche Taktik“, sagt Becker. „Der Eingangsbereich wurde mit einer Lampe und einem Spiegel wohnlich gemacht, aber dahinter war nichts.“ Dass aber jemand in der Wohnung lebte oder zumindest da war – das belegt der Umstand, dass ein unter der Tür hindurchgeschobener Zettel mit der Erinnerung an die zu zahlende Miete verschwunden war. Und die Überweisung wurde tatsächlich getätigt – die Schrift auf dem in einer Mannheimer Bankfiliale eingeworfenen Überweisungsträger wurde Carmen Roll zugeordnet, sagt Becker. Sie hat sich dazu nie geäußert.

Das eiserne Schweigen der meisten RAF-Mitglieder sorgt dafür, dass viele Umstände ihres verbrecherischen Treibens bis heute im Dunkeln liegen. Auch die Tat am Ludwigsplatz blieb praktisch unaufgeklärt, zur Verantwortung gezogen wurde niemand. Dass Becker trotzdem sehr genau darüber Bescheid weiß, liegt daran, dass ihm ein Schatz zur Verfügung steht: zwölf Regalmeter Akten, gekennzeichnet mit der Signatur N229 und ordentlich aufbewahrt im oberen Stockwerk des Stadtarchivs. Sie stammen aus dem Nachlass des 2010 im Alter von 80 Jahren verstorbenen Rechtsanwalts Dieter Basch aus Kaiserslautern. Er war Pflichtverteidiger bei den Kaiserslauterer Baader-Meinhof-Prozessen von 1975 bis 1977 in der ehemaligen Kartoffelhalle am Kniebrech und bekam als solcher sämtliche Ermittlungsakten zur ersten Generation der RAF.

Angeklagt waren in Kaiserslautern, vor allem wegen des Mordes an dem Kaiserslauterer Polizeiobermeister Herbert Schoner, der Mannheimer Student Klaus Jünschke und seine Genossen Manfred Grashof und Wolfgang Grundmann. Becker geht davon aus, dass alle drei an dem Überfall auf die Filiale der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank am Ludwigsplatz beteiligt waren, außerdem Ingeborg Barz, Carmen Roll und ihr Lebensgefährte Thomas Weisbecker, der wenige Wochen später bei einem Festnahmeversuch in Augsburg von Polizisten erschossen worden ist. Insgesamt waren wohl acht Personen an dem Überfall beteiligt.

Überfall am Morgen

8.35 Uhr war es an einem Montagmorgen, als ein sechsköpfiges Kommando die zwei Eingänge der Bankfiliale am Ludwigsplatz stürmte – dort, wo heute die Deutsche Bank residiert. Am Schalter erbeuteten die Täterinnen und Täter 130.000 D-Mark und dann noch einmal die gleiche Summe aus dem Tresorraum sowie 10.000 D-Mark in ausländischen Währungen. Jemand schoss in die Decke, zu einer Geiselnahme kam es nicht. „Das hätte nicht zur RAF gepasst“, sagt Becker.Als um 8.40 Uhr die alarmierte Polizei eintraf (auf dem Weg von der Wittelsbachstraße in die Innenstadt gab es mutmaßlich nicht so viel Verkehr wie heute), hatten sich die Bankräuber schon aus dem Staub gemacht. Mit zwei Autos, in denen nach Beckers Aktenrecherche sieben Personen saßen – die achte Person muss auf andere Weise geflüchtet sein –, fuhren sie durch die Bahnhofstraße, die damals noch keine Einbahnstraße war, Richtung Jaegerstraße und Berliner Straße. An der Kreuzung der beiden Straßen stieß eins der beiden Autos, ein weißer BMW mit Speyerer Kennzeichen, mit dem nagelneuen Auto von RHEINPFALZ-Redakteurin Manuela Müller (heute Manuela Müller-Roth und seit einigen Jahren im Ruhestand) zusammen, die auf dem Weg zur Arbeit war. Der BMW wurde später im Arbeitshof des Gesundheitsamts in der Dörrhorststraße gefunden. Die Täter flüchteten mutmaßlich mit mindestens einem anderen Auto in Richtung Frankreich. Das Geld aus dem Ludwigshafener Überfall? Es tauchte nie wieder auf.

Und so geriet die Tat allmählich fast in Vergessenheit – überlagert von den weitaus schrecklicheren Verbrechen, den von der RAF in den Folgejahren verübten Morden und der Eskalation der Ereignisse im sogenannten „Deutschen Herbst“ 1977. Klaus Jünschke, Manfred Grashof und Wolfgang Grundmann verbüßten unterschiedlich lange Haftstrafen und sind heute alle zwischen 73 und 75 Jahren alt.

Dass Klaus Jürgen Becker, der in der Hochphase des Linksterrorismus als Jugendlicher in Bockenheim an der Weinstraße lebte, selbst erst 2007 durch ein zufällig gefundenes Foto auf den Banküberfall 1972 aufmerksam wurde und vorher noch nie davon gehört hatte, überrascht ihn selbst nicht: „Damals“, sagt der 58-Jährige, „waren Banküberfälle an der Tagesordnung. Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen.“ Wie man sich (zum Glück) vieles nicht mehr vorstellen könne. Wie vergiftet die Stimmung zwischen der Linken, auch ihrem vollkommen friedlichen Teil, und dem Staat war, zum Beispiel. Wie provozierend es wirkte, wenn jemand einfach „gammlig“ aussah. Dass er am Montag, 50 Jahre nach jenem Montag des Überfalls, über die Geschehnisse umfassend informieren kann, freut ihn: „Das ist Zeitgeschichte. Und für meine Generation ist es ein Teil ihrer Jugend.“

Termin

Klaus Jürgen Becker hält am 21. Februar um 18 Uhr im Rahmenprogramm der Ausstellung „Jugendwelten – Jugendträume“ des Stadtmuseums einen Vortrag in der Volkshochschule zum Banküberfall in Ludwigshafen. Wegen der Pandemie-Situation gibt es einen Live-Stream im Internet. Anmeldung: www.vhs-lu.de.

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