Mannheim
Alltag im Handelshafen: Von Mannheim in die weite Welt
Wer die 100 Stufen am Morgen geschafft hat, braucht keinen Kaffee mehr. In schwindelerregender Höhe beginnt der Arbeitstag der Kranfahrer auf dem Container-Terminal. Zielsicher laden sie am Mannheimer Mühlauhafen im Minuten-Takt die neue Fracht in den Stahlboxen auf und ab, ehe sie per Zug, Schiff oder Lastwagen nach Rotterdam oder Hamburg, und von dort hinaus in die weite Welt gehen.
Anlässlich des Tags der Logistik hatte die Contargo Rhein-Neckar GmbH nun zu einer Erkundungstour über das 1,6 Kilometer lange Gelände unweit des Mannheimer Jungbuschs eingeladen. Das Containerterminal bildet zusammen mit einem Terminal in Ludwigshafen eine wichtige Transport-Schnittstelle zwischen den westlichen und nördlichen Seehäfen, der Metropolregion Rhein-Neckar und dem weiteren europäischen Festland. Contargo zählt zu den größten Container-Logistik-Netzwerken in Europa.
Feingefühl an den Schaltknüppeln
Wie an der Linie gezogene Korridore aus Containern, Schienen, Straßen und einem Wasserkanal – so wirkt der große Umschlagplatz. Markant stechen die über 30 Meter hohen Mobilkräne hervor. Containerbrücke, Portainer oder kurz „Titan“ werden die sich auf Schienen bewegenden Kolosse genannt, die Lasten von bis zu 40 Tonnen heben können. Und doch ist Feingefühl an den Schaltknüppeln gefragt. „Es bedarf viel Augenmaß, die Container werden nicht automatisch angesteuert. Es ist im Grunde ein großes Handwerk“, erklärt Alexandra Kops.
Die Terminalleiterin kennt den Container-Hafen von Klein auf. „Mein Vater arbeitete schon hier“, erzählt sie. Fernfahrer aus Griechenland oder den Niederlanden werden gegrüßt, ehe es vom Check-in zu Fuß zu den sich auftürmenden Containerbergen geht, die aus Asien, Südamerika oder Skandinavien kommen, oder sich auf den Weg dorthin machen. „Wir sind ein trimodales Terminal“, betont Kops. Das heißt, die Fracht wechselt zwischen Schiff, Eisenbahn und Laster.
Mit Zwischenstopp bis nach China
„Es kommt zum Beispiel ein vollbeladener Container von der BASF, Roche oder auch Wagner-Pizza“, erklärt die Leiterin. Dann wird der beladene Stahlbehälter mit den Greifarmen gepackt und auf eine Waage gehoben, ehe der Transport via Schiff oder auf Schienen Richtung Überseehafen beginnt. Fast tägliche Zug-Verbindungen gibt es nach Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam oder Antwerpen. „Mit einem Zwischenstopp rollt ein Güterzug sogar nach China“, weiß Kops.
Unterbrochene Lieferketten oder ein Stau auf dem Suezkanal haben nur indirekt Auswirkungen auf den Mannheimer Binnenhafen. „Bei uns gibt es keine Knappheit, sondern eher ein Zuviel“, sagt Kops angesichts der hohen Auslastung bei einer logistischen Kapazität von bis zu 8000 Containern. „Als der Suezkanal dicht war, hatten wir das Phänomen, dass viele Leer-Container bei uns abgestellt wurden, da das in Mannheim doch günstiger ist als an Überseehafen wie in Hamburg“, erklärt sie.
Stahlkiste mit viel Hightech
Auch leere Container aber werden nicht einfach abgestellt, sondern geprüft und repariert. Böden werden erneuert, Löcher zugeschweißt. Ein genauer Blick zeigt, dass die Stahlboxen keine bloßen Kisten, sondern oftmals mit viel Hightech ausgestattet sind, um die Ware zu kühlen. Auch beim Zwischenlagern auf dem Terminal darf der Kühlvorgang nicht unterbrochen werden. „Das gilt für Medikamente genauso wie für Tiefkühlpizza“, betont Kops.
Ein rauchender Container auf dem Mühlauhafen aber sorgte im August 2022 für einen Ausnahmezustand. Hydrosulfit war aus einer Lieferung der BASF ausgetreten, zehn Tage lang musste das Gefahrgut mit Feuerwehrschläuchen gekühlt werden. „Auch der Kranfahrer wurde im Krankenhaus vorsorglich durchgecheckt“, erinnert die Leiterin. Noch immer lässt sich ein leichter Schwefelgeruch an der Unfall-Stelle wahrnehmen.
Mehr Kontrollen und Übungen
Chemikalien machen neben Medikamenten den Hauptteil des Frachtguts aus. „Wir haben im Grunde alles, außer radioaktive Stoffe und medizinische Abfälle“, erzählt Kops. Hydrosulfit, das in der Textilindustrie als Bleichmittel verwendet wird, sei da keine Seltenheit, sondern eher Standard. In einer Leckage-Wanne können undichte Container, aus denen es tropft oder leckt, für gewöhnlich genauestens und sicher auf ihre austretenden Inhalte getestet und die möglichen Giftstoffe sicher abgeleitet werden. Doch dafür war es damals im August aufgrund einer Selbstentzündung zu spät. „Wir haben ohnehin monatliche Kontrollen, aber nun auch noch Zusatztermine. Diese Prüfungen wie auch Evakuierungsübungen sind auch für unsere Kunden und Subunternehmer von Vorteil“, erklärt Kops, wie vielschichtig man auf den Unfall im großen Logistikbetrieb reagiert habe.