Ludwigshafen „Alles ist heute so fürchterlich angepasst“

91-72951621.jpg

Marius Müller-Westernhagen war der erste Deutschrocker, der die Stadien füllte. Heute mit 66 Jahren strebt er die künstlerische Selbstverwirklichung an und schielt nicht mehr primär auf den Erfolg. Auf seinem neuen Studioalbum „Alphatier“ kreiert der Sänger einen feinsinnigen Roots-Sound aus Folk, Blues, Country und Rock ’n’ Roll. Beim Interviewtermin in Berlin kommt der schlaksige Star ganz in Schwarz, plaudert über Jimi Hendrix und die Beatles, die Arbeit mit amerikanischen Musikern und seine neue Freundin.

Herr Müller-Westernhagen, auf der neuen Tour singen Sie neben Ihren ganz großen Hits auch Songs aus dem neuen Album „Alphatier“. Auf der Bühne lassen Sie sich von amerikanischen Musikern begleiten, das Album wurde in New York aufgenommen. Aus Liebhaberei oder Notwendigkeit?

Es ist sicherlich beides, aber in erster Linie eine Notwendigkeit, weil die Musiker alle aus Amerika kommen. Ich bemühe mich immer, Studios zu finden, die nicht nach Industrie aussehen und wo Leute eine gewisse Energie hinterlassen haben. In dem Studio in New York, in dem wir diesmal aufgenommen haben, war Bowie vorher drin. Studios mit viel analogem Equipment klingen effektiv besser. Ich möchte meine Alben, soweit es geht, live aufnehmen. Die Qualität von Musik entsteht im Dialog. Was zeichnet amerikanische Musiker aus? Amerikaner nehmen Musik sehr ernst. Sie sind in jedem Moment bereit, alles zu geben. Den Jungs, mit denen ich arbeite, ist es wichtig, dass sie auch persönlich gut finden, was sie da spielen. Das, was ich mache, ist traditionelle Musik. Sie hat mit gegenwärtiger Popmusik nichts mehr zu tun. Dieser bluesbasierte Sound galt als Popmusik, als ich jung war. Heute ist Popmusik rein zur Unterhaltung da und hat weder ein politisches noch ein gesellschaftliches Anliegen. Eine Tournee in dieser Größenordnung kostet enorm viel Kraft. Empfinden Sie Ihren Job als hart? Nein, ich kann nur dankbar sein für das, was ich tun darf. Hart ist er insofern, dass ich auf der Bühne manchmal an meine psychischen und physischen Grenzen gehe. Auf der anderen Seite gibt es auch eine unglaubliche Befriedigung. Es ist heute keine Hassliebe mehr, wie es in meiner Stadionzeit der Fall war. Heute empfinde ich eigentlich nur noch Freude. Natürlich ermüdet sie nach einer gewissen Zeit. Dann hilft immer das Adrenalin. Und Fitness muss sein. Was brauchen Sie, um kreativ sein zu können? Um zu schreiben brauche ich in erster Linie Willen und Disziplin. Man darf nicht weglaufen, wenn es nicht gleich fließt. Mir fallen immer viele Melodien ein. Da ich nach wie vor sehr filmisch denke, kann ich zu Bildern assoziieren. Abends spiele ich oft ein bisschen vor mich hin und fange dann an zu singen, aber am nächsten Morgen habe ich das alles schon wieder vergessen. Deswegen nimmt meine Freundin solche Momente jetzt immer mit dem iPhone auf. Ihre Freundin ist die Sängerin Lindiwe Suttle. Schreiben Sie gemeinsam Songs? Wir arbeiten gerade in Capetown an ihrem nächsten Album. Ihre Mutter ist Südafrikanerin, groß geworden ist sie jedoch in Atlanta mit Country, Blues, Soul und Rock ’n’ Roll. Damit kommt sie in die Richtung, mit der ich vertraut bin und wo ich helfen kann. Es macht sehr viel Spaß, Erfahrungen weiterzugeben. Ich bin da der Songwriter und Producer, für mich ist es das Schönste, einmal nicht im Mittelpunkt zu stehen. Was ist Ihnen persönlich wichtig in Ihrem Metier? Ich habe alles erreicht, was ich mir als junger Mensch gewünscht habe. Aber im Endeffekt war ich immer nur glücklich, wenn ich mich in meiner Arbeit wiedererkannte. Das ist nach wie vor meine Triebfeder. Könnte ich mich nicht mehr verbessern, würde ich diesen Job wahrscheinlich nicht mehr machen. Sie konnten die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als Musiker beobachten. Haben Sie sich die Entwicklung der Rockmusik als junger Mensch so vorgestellt? Als ich aufwuchs, waren Bob Dylan, Jimi Hendrix und Led Zeppelin populär. Alles Leute, die künstlerisch bestehen können. Popmusik stand an der Schwelle, eine Kunstform zu werden wie Jazz. Sie war für ein wesentlich intelligenteres Publikum gemacht als es heute der Fall ist. Denn es hat sich fordern und überraschen lassen. Popmusik war damals keine reine Unterhaltung, sondern auch ein politisches Statement. Die Musiker standen für eine Idee, eine Haltung. Diese Haltung ist verloren gegangen, als die Musikindustrie begriff, wie sie das Ganze kontrollieren kann. Meine Generation konnte man nicht kontrollieren, weil es uns nicht ums Geld ging. Und der heutigen Generation geht es nur ums Geld? Das soll kein Vorwurf sein, denn sie sind so erzogen worden. Die meisten Musiker heute wollen auf Platz 1 der Charts stehen, viele Platten verkaufen und viel im Fernsehen sein. In meiner Generation war das Gegenteil der Fall. Das hatte zu tun mit Anti-Establishment, während heute jeder Establishment sein will. Wir leben heute in einer hedonistischen Zeit, in der sich alles dem Erfolg und dem Profit unterordnet. Unsere Gesellschaft wird aufgeteilt in Winner und Loser. Beim Zustandekommen des Gewinnens sind die moralischen und ethischen Grenzen weit nach unten gegangen. Was macht einen wahrhaftigen Künstler aus? Einen Künstler macht aus, dass alles, was er tut, ausschließlich aus ihm selbst kommt. Seine Meinung setzt sich nicht aus der Meinung von vielen Leuten zusammen. Er hat keine Angst, diese kundzutun. Er ist bereit, Risiken einzugehen. Er muss damit leben können, dass Leute seine Kunst manchmal gut finden und manchmal schlecht. Er braucht eine Haltung, Rückgrat und die Bereitschaft, politisch ehrlich zu sein. Wir sterben heute in Langeweile, weil alles so fürchterlich angepasst und politisch korrekt ist. Sie selbst waren in den 1960ern Teil einer Generation, die den Krieg nicht mehr kannte und den Aufstand probte. Den Soundtrack dazu lieferte die Pop- und Rockmusik. Mit 16 habe ich die Beatles gesehen, zu der Zeit spielte ich schon Rhythmusgitarre in einer Band. An dem Tag machte ich ein Hörspiel in Köln und musste dann mit dem Zug nach Essen. Die Grugahalle fasste fast 6000 Zuschauer, dass ich dort selber irgendwann mal spielen würde, hätte ich nie gedacht. Ich erinnere mich, dass die Beatles viele Vorbands hatten, sie selbst spielten vielleicht 25 Minuten. Als es losging, sprangen alle auf die Stühle, die Mädchen fingen an zu kreischen. McCartney sang unter Tränen „Yesterday“. Unsere Band hatte damals einen 18-jährigen Sänger, und dessen Freundin war schwanger. Auf der Rückfahrt heulte sie die ganze Zeit und sagte immer: „Paul, Paul“. Und ihr Freund, der arme Kerl, saß daneben. Ist es wahr, dass Sie als junger Mann auch Jimi Hendrix live erlebt haben? Oh ja. Und zwar in Düsseldorf in der Rheinhalle. Hendrix spielte damals immer eine Matinee und abends noch einmal. Die Konzerte waren nicht so lang wie heute. Ich war von ihm so begeistert, dass ich mich nach der Matinee auf der Toilette versteckte und dort ein paar Stunden ausharrte, damit ich ihn abends noch mal sehen konnte. Nach dieser Erfahrung setzte ich bei meiner Band durch, dass wir alle Hendrix-Stücke lernten. Sie kommen langsam in das Alter, in dem die schwarzen Bluesmusiker, die Sie immer bewunderten, ihre größten Erfolge feierten. Wie denken Sie über das Älterwerden? Vielleicht begreife ich ja den Blues im Alter erst so richtig. Man muss bereit sein, ihn zu empfinden und ihm etwas von sich zu geben. Das bewundere ich an den Rolling Stones. Heute spielen sie Blues oder R’n’B besser als jemals zuvor. Termin Konzert mit Marius Müller-Westernhagen am Freitag, 16. Oktober, 20 Uhr, in der SAP-Arena in Mannheim.

x