Mein Weihnachtslied
Alexandra Lehmler und „Maria durch ein Dornwald ging“
Saxophonistin und Komponistin Alexandra Lehmler hat schon als Kind ein Weihnachtslied entdeckt, das ihr bis heute sehr gefällt. Es hat einige Besonderheiten: Die Melodie ist in dunklem Moll gehalten und es wirkt sehr alt; das ist es aber vermutlich nicht.
Mit sechs oder sieben Jahren habe sie das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“ zum ersten Mal gespielt, damals noch nicht auf dem Saxophon, sondern mit anderen Kindern zusammen in einem Blockflötenquartett. Und im vergangenen Jahr hat sie das Lied für den Adventskalender im Youtube Kanal des Jazzcubs Ella & Louis zusammen mit dem Vibraphonisten Claus Kiesselbach aufgenommen. „Es war das erste Mal seit der Kindheit, dass ich das Lied wieder gespielt habe“, sagt die 42-jährige Musikerin.
Hausmusik mit dem Mann und den Kindern
Sie ist in Bad Ems geboren und aufgewachsen in dem kleinen katholischen Ort Nivern an der Lahn. Dort lebte die Familie gegenüber der Kirche. Als Kind war Alexandra Messdienerin, sang im Chor und spielte in der Blockflötengruppe. Im Elternhaus war sie die einzige Musikerin, im Gegensatz zur Familie ihres Mannes, Matthias Debus, in der alle Musik gemacht haben, erzählt sie.
Als Schülerin habe sie mit einer Freundin auf dem Weihnachtsmarkt in Koblenz Lieder gespielt. „Das hat Spaß gemacht, und wir haben echt gut Geld verdient“, erinnert sie sich. Später habe sie, anders als viele Musikstudenten, keine Weihnachts-Gigs mehr gespielt. Zuhause mit der eigenen Familie mache sie aber wieder Musik zur Weihnacht. Mit den drei 14, 13 und sechs Jahre alten Kindern und ihrem Mann werde gesungen oder auch Instrumental musiziert. Das sei aber immer sehr spontan, und da werde auch wieder die Blockflöte ausgepackt.
„Maria durch ein Dornwald ging“ gefällt der Musikerin, weil es eine besondere, dunkle Färbung hat. „Das spricht mich mehr an, und meine eigenen Stücke schreibe ich auch sehr oft in Moll“, sagt sie. Das Lied wirkt durch Melodie und Text recht alt, es wird manchmal auf die Zeit um 1600 datiert. Musikwissenschaftler haben da aber ihre Zweifel.
Vermutlich ein romantisch bearbeitetes altes Lied
Populär geworden ist das Lied, nachdem es 1912 in der Sammlung „Zupfgeigenhansl“, dem Liederbuch der Wandervogel-Bewegung, veröffentlicht wurde. Dort wird als Quelle das „Jugenheimer Liederblatt“ genannt, das drei Pfarrerstöchter 1910 herausgegeben haben. Die älteste Quelle ist ein 1850 veröffentlichtes Liederbuch. Die Mainzer Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke und Christiane Schäfer vermuten, dass hinter dem Herausgeber August von Haxthausen ein Freundeskreis steht, zu dem auch die Brüder Grimm, Annette von Droste-Hülshoff und andere standen, die sich für Volkskunst interessierten. Das Lied vom Dornwald könnte auf ein sogenanntes Ansing-Lied zurückgehen, bei dem Frauen und Mädchen am Festtag der Taufe Jesu von Haus zu Haus zogen und Lieder sangen.
Die Forscher vermuten, dass die Herausgeber Textteile weiterer Lieder aufgegriffen und daraus ein neues Lied gemacht haben. Die spätere falsche Einordnung als altes oder traditionelles Lied wäre nicht die erste: „Am Brunnen vor dem Tore“ ist ebenfalls als Kunstlied entstanden und wurde später als Volksgut angesehen. „Es handelt sich beim ,Dornwald’-Lied wahrscheinlich nicht um ein altes, sondern um romantisch erneuertes Ansing-Brauchtum, poetische Folklore, die ihre Künstlichkeit vergessen hat“, schließen die beiden Wissenschaftler.