Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Alexander Thewalt im Interview: Was der neue Baudezernent im ersten Jahr alles anpacken will

Gefragter Mann nach seiner Wahl: Alexander Thewalt beim Interview auf der Rathausterrasse.
Gefragter Mann nach seiner Wahl: Alexander Thewalt beim Interview auf der Rathausterrasse.

Am 27. April ist Alexander Thewalt im Stadtrat einstimmig zum neuen Bau- und Umweltdezernenten gewählt worden – am 1. Juli legt er los. Welche Schwerpunkte er setzten will und warum er ein guter Sparringspartner im Stadtvorstand sein wird, verrät der 52-Jährige aus Heidelberg im RHEINPFALZ-Interview.

Herr Thewalt, Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck freut sich auf einen „neuen Sparringspartner im Stadtvorstand“. Was muss sie bei einem Schlagabtausch mit Ihnen fürchten: Ihren linken Haken, Ihre rechte Gerade oder Ihr Stehvermögen?
(lacht) Mein Stehvermögen.

Sie fechten einen Streit also aus?
Ich suche immer Kompromisse, denn nur so kommt man voran. Es gibt aber gerade im Verkehrswesen, etwa wenn’s um die Technik geht, oder im Baurecht Dinge, die nicht verhandelbar sind. Das wird dann auch eine OB so akzeptieren.

Ihr Job wird vor allem mit Bau- und Abrissprojekten wie dem Hochstraßenkomplex in Verbindung gebracht. Sie sind aber auch für die Umwelt und Radwege zuständig. Es gibt Leute, die sagen, Ludwigshafen habe nicht eine Brücke zu wenig, sondern eine zu viel. Was entgegnen Sie?
Mit nur einer Brücke kommen wir auf keinen Fall aus, wenn wir an den Kraftfahrzeugverkehr durch die Tausenden Pendler in der Region denken. Außerdem ist es nie verkehrt, über weitere Brücken nachzudenken, etwa für den Nah-, Fußgänger- oder Radverkehr, falls die richtigen Punkte verbunden werden und das Ganze finanzierbar ist.

Wo wäre denn eine Rad- oder Fußgängerbrücke sinnvoll?
Spannend wäre ein Standort, der die Hochschulen beidseits des Rheins auf direktem Weg verbindet. Das wäre eine fantastische Geschichte. In Heidelberg planen wir eine solche Brücke als Verbindung vom Hauptbahnhof und der Bahnstadt zum Campus ins Neuenheimer Feld. Das ist ganz wichtig für die Stadt.

Was bringen Sie denn aus Heidelberg sonst noch mit? Ein paar Kilometer Radwege wären nicht schlecht. Ludwigshafen verfügt über ein Netz von 182 Kilometern, der Zustand ist aber vielfach sanierungsbedürftig.
Das ist in Heidelberg nicht anders. Am unattraktivsten sind Lücken zwischen den Radwegen, bevorzugt an Kreuzungen. Bei der Umsetzung fehlt es an Geld, politischem Mut oder Planungskapazität. Um den Radverkehr wirklich zu fördern, brauchen wir ein möglichst lückenloses sicheres Netz. Das wird ein Schwerpunkt meiner Arbeit sein.

Zu Ihrer Wahl im Rathaus sind Sie per S-Bahn und Rad gekommen? Bleibt es auch künftig dabei?
Ja, solange es die Witterung erlaubt.

Die Stadt hat die Stelle eines Fahrradbeauftragten ausgeschrieben. Ihr Vorgänger Klaus Dillinger hatte sich eine ganz Stelle gewünscht, nun ist nur eine halbe Stelle vorgesehen. Ist das nicht zu wenig?
Es ist ein Anfang, darauf lässt sich aufbauen. Ein Radbeauftragter muss vor allem koordinieren: sei es mit der Polizei, innerhalb der Verwaltung oder mit der Öffentlichkeit. Das ist nicht ganz ohne.

Warum geht es mit den Radpendlerrouten beziehungsweise Radschnellwegen in der Vorder- und Kurpfalz nicht so zügig voran wie erhofft?
Ich vermute, weil es vor allem in den Stadtgebieten Platzprobleme gibt. Da sind Bäume oder Grünflächen, aber hauptsächlich Parkplätze beziehungsweise parkende Autos im Weg. Außerhalb müssen Flächen von Landwirten zerschnitten und Genehmigungsverfahren in Gang gesetzt werden. Das ist eine hochpolitische Frage, die man unter dem Diktum des Klimaschutzes eigentlich ganz einfach klären kann und muss, wenn der Wille dazu vorhanden ist. In Heidelberg ist das übrigens nicht anders als hier. In den Stadtteilen sind Parkplätze doch erst mal wichtiger als Radwege.

Wie nimmt der Heidelberger Ludwigshafen wahr?
Der fährt drüber oder durch (lacht). Aber auf fachlicher Ebene versuchen wir schon seit Jahren, den Gedanken der Metropolregion zu leben. Über den gemeinsamen Verkehrsverbund gibt es viele Projekte. Das ist eine fantastische Basis, die ich weiter leben möchte. Daneben gibt es in Kooperation mit Mannheim das gemeinsame Baustellenmanagement für den Auto- und Bahnverkehr. Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir uns weiter darüber abstimmen, welche Baustelle wann und wo aufschlägt.

Was unterscheidet Heidelberg und Ludwigshafen?
In Heidelberg weiß jeder Bescheid – und viele wissen es besser. Ist ja die Stadt der Wissenschaftler und Studierten … Ich hoffe, in Ludwigshafen können wir mehr und besser erklären, was wir tun, und stoßen damit auch auf mehr Verständnis und eine größere Offenheit für einen Blick in die Zukunft.

Tief in Ihrem Herzen sind Sie also immer noch ein Grüner, auch wenn Sie 2007 die Partei verlassen haben?
Nein (lacht). Grün bedeutet ja viel mehr. Ich sehe einerseits die Vorteile des Umweltverbunds, andererseits aber auch jene des Kfz-Verkehrs, die es unbestritten gibt. Klimaschutz ist mittlerweile eine klar parteienübergreifende und auch eine klar definierte Aufgabe.

Was meinen Sie eigentlich damit, wenn Sie sagen, Sie haben „ein Gefühl für Beton“?
Ich weiß, wie frischer Beton riecht, wie er zusammengesetzt ist und was man mit ihm machen kann. Ich weiß aber auch, welche Belastung er darstellt in Form von Tausenden Tonnen Schutt, wenn wir beispielsweise die Hochstraßen abreißen. Was da an Material anfällt, kann man nicht einfach verstecken.

Ihr Vorgänger hat häufig die volle Breitseite abbekommen, wenn sich der Verkehr mal wieder gestaut oder der Hochstraßenabriss verzögert hat – manchmal auch direkt von der OB. Haben Sie ein ausreichend dickes Fell, um derlei Kritik standzuhalten?
Ich glaube, ja. Das habe ich in Heidelberg und früher auf den Baustellen gelernt. Es gibt meistens fachliche Erklärungen für Probleme, die man den Bürgern dann transparent und verständlich nahebringen muss. Und es gibt zudem Fehler im eigenen Haus, die man offen vertreten und intern ansprechen sollte, damit sie sich nicht wiederholen.

Man muss doch ein kleiner Masochist sein, um sich diesen Job in Ludwigshafen mit all den Großbaustellen anzutun. Nun kommt auch noch der Sanierungsfall „Weiße Hochstraße“ hinzu. Ihr Gestaltungsspielraum ist minimal, das Frustpotenzial hoch.
Das Frustpotenzial ist im Verkehrsbereich immer gegeben. Ich sehe eher die Chancen in dem Job. Ich darf mich ja auch um die Umweltsparte, den Klimaschutz und die Abfallwirtschaft kümmern. Da gibt es auch Punkte, bei denen die Verwaltung Dinge entwickelt, die die Stadt voranbringen. Bei der Stadtplanung und im Hochbaubereich sehe ich viele Möglichkeiten.

Dennoch wird der ganze Hochstraßenkomplex in Ihrer achtjährigen Amtszeit nicht zu stemmen sein.
Ja, aber ich bin guter Dinge. Wir brauchen gute Kontakte und Gespräche mit den zuständigen Ministerien in Mainz und Berlin.

Dass es so einfach nicht ist, hat doch die Vergangenheit gezeigt.
Richtig. So einfach ist es gewiss nicht, aber ich scheue mich nicht davor, dicke Bretter zu bohren.

Was wollen Sie in Ihrem ersten Jahr in Angriff nehmen?
Ich hoffe, dass bis dahin die Pilzhochstraße abgebrochen ist und wir beim Ersatzbau schon in der Genehmigungsplanung sind. Der Verkehr läuft und die Südstadt ist wieder ans Zentrum angebunden. Es wäre schön, wenn wir bis dahin mit den Planungen für die Stadtstraße und das Gebiet City West weitergekommen sind und es über die Finanzierung mehr Klarheit gibt als heute. Ich möchte den Radverkehr stärken, Lücken schließen und Fahrradzählstellen im Stadtgebiet einrichten. Für den Klimaschutz wird ja bereits ein neues Konzept erarbeitet. Das Thema ist mir verdammt wichtig. Es steht über allem.

Welche Schlagzeile würden Sie gerne in einem Jahr über sich lesen?
Hat so viel Energie wie am ersten Tag.

Zur Person: Alexander Thewalt

Alexander Thewalt wird am 21. Juli 53. Geboren ist er 1967 in Ludwigshafens kalifornischer Partnerstadt Pasadena während eines Auslandsaufenthalts seiner Eltern. Nach der Rückkehr nach Deutschland lebte er in Braunschweig und Ulm. An der Uni Stuttgart studierte er Bauingenieurwesen, Schwerpunkte: Verkehrswesen, Wasserbau mit Energiewirtschaft.

Der Diplom-Ingenieur arbeitete danach etwa als Verkehrsplaner in einem Ingenieurbüro sowie als Bauleiter in diversen Projekten. Bevor er 2007 in Heidelberg Leitender Stadtbaudirektor im Verkehrsamt (85 Mitarbeiter) wurde, war er in Ludwigshafens Partnerstadt Dessau (Sachsen-Anhalt) sowie in Leipzig (Sachsen) tätig. In Ludwigshafen folgt er auf Klaus Dillinger (CDU), der aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand getreten war.

Im Dezernat 4 – Bauen, Umwelt, Verkehr und Wirtschaftsbetrieb – wird Thewalt Chef von über 1000 Mitarbeitern sein. „Er hat viel Erfahrung auf dem Gebiet des Städtebaus und der Verkehrsplanung gesammelt. Er kennt unsere Stadt gut und ist uns auch aufgrund der regelmäßigen Zusammenarbeit in der Metropolregion Rhein-Neckar bekannt. Sein Interesse gilt der lokalen und regionalen Umwelt-, Klimaschutz- und Verkehrspolitik, alles Themen, die auch in Ludwigshafen von großer Bedeutung sind“, sagt Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD).

Thewalt war in seiner Zeit in Sachsen von 1993 bis 2007 Mitglied bei den Grünen, ist inzwischen aber parteilos. Er ist verheiratet und hat vier Kinder, drei davon sind noch schulpflichtig. Sein Großvater, ein Aniliner, stammt aus Ludwigshafen.

Baustelle Pilzhochstraße: Das Thema Abriss wird Alexander Thewalt noch länger beschäftigen.
Baustelle Pilzhochstraße: Das Thema Abriss wird Alexander Thewalt noch länger beschäftigen.
Wird am 21. Juli 53: Alexander Thewalt. Am 1. Juli übernimmt er das Dezernat 4.
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