Ludwigshafen „Aggression ist an sich nichts Schlechtes“

Künstlerin Reinhild Gerum beim Einrichten ihrer Installation zum Thema Gewalt in der Friedenskirche.
Künstlerin Reinhild Gerum beim Einrichten ihrer Installation zum Thema Gewalt in der Friedenskirche.

«Friesenheim.» „Viele Menschen sagen, sie könnten so etwas nie tun“, sagt Reinhild Gerum im Gespräch mit dem Marktplatz LU. Doch in jahrelanger Auseinandersetzung mit Taten, Tätern und Opfern habe sie erfahren, dass niemand sich dessen unter allen Umständen sicher sein könne. Schon als Teenager hat die Münchner Künstlerin Berichte über Gewalttaten gesammelt. Nicht aus voyeuristischer Lust, sondern um einem schwer zu verstehenden Phänomen auf die Spur zu kommen. Die 63-Jährige hat zunächst Philosophie und Politik studiert, dann Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ein Stipendium führte sie an eine Psychiatrische Klinik, wo sie seit 1989 auch mit Tätern arbeitet. Eine Frage, die sich ihr immer aufs Neue stellt: Warum macht jemand so etwas? Aber sie bliebt nicht dabei stehen: Wie lebt ein Täter mit einer solchen Tat weiter? Im Gespräch mit der Künstlerin wird klar, dass sie Kunst als einen möglichen Weg zum Verarbeiten von Erfahrungen sieht, einen Weg, das scheinbar Unerklärliche etwas zu erhellen, Licht in Abgründe zu leuchten. Damit ist keinesfalls eine Entschuldigung oder Verleugnung von Verantwortung gemeint. Ihre eigenen Werke sollen Betrachter anregen, sich Gedanken zu machen, die sie vielleicht ansonsten gerne von sich fern halten. „Kunst muss zum Innehalten und Reflektieren anregen“, antwortet sie auf die Frage nach dem Ziel ihrer künstlerischen Arbeit. Gegenstand ihrer Werke sind Individuen, ihr Verhalten, ihre Motivation. „Ich sehe meine Arbeiten nicht als politisch an“, berichtet sie. Aggression ist ihrer Ansicht nach eine Quelle, aus der sich Gewalt speist. Aber dabei gelte auch, dass Aggression an sich noch nichts Schlechtes sei. Tatsächlich sei sie in der Geschichte des Menschen immer auch von positiver Bedeutung, wenn sie genutzt werde, das Leben und die Welt zu gestalten. Gewalt ist dagegen eine fehlgelenkte Aggression, sie verletzt andere, oder das Individuum selbst. Für die Ursachen von Gewalt haben Religionen seit Urzeiten Antworten gegeben – die Künstlerin will sich hier enthalten. „Ich will mich mit meinen Arbeiten nicht auf theologische Diskussionen einlassen. Das schließt aber nicht aus, dass sie religiöse Bilder und Symbole in ihre Arbeiten einbezieht. Das gilt vor allem für ihre Installation im Kirchenraum der Friedenskirche. Pfarrerin Cornelia Zeißig hat die Künstlerin bei einer Kunstmesse kennengelernt. Im Thema „Gewalt“ sieht sie eine Verbindung zu der kommenden Passionszeit, die vom Leiden und Tod Jesu erzählt. Die Pfarrerin hat viele Fachleute eingeladen, die zur Entstehung, Auswirkung und Heilung von Gewalt aus psychiatrischer, sozialpädagogischer und theologischer Sicht referieren werden. Wie in jedem Jahr werden sich auch wieder Schüler des Max-Planck-Gymnasiums mit Beiträgen beteiligen. Die Künstlerin selbst kommt zur Eröffnung der Ausstellung „Manchmal sehe ich ROT“ und zu den Veranstaltungen am 14. und 28. März. Programm —Freitag, 8. März, 19 Uhr: Vernissage der Ausstellung von Reinhild Gerum, mit Einführung und Gespräch —Donnerstag, 14. März, 19 Uhr: Vortrag der forensischen Psychiaterin Andrea Haarnagel: Wie kommt das Böse in die Welt und wie wird man es wieder los? —Donnerstag, 21. März, 19 Uhr: Über den Umgang mit Gewalttätern am Beispiel der Jugendstrafanstalt Schifferstadt, von Birgit Genzlinger, Sozialdienst der JSA —Donnerstag, 21. März, 20 Uhr: Passionsandacht zu 2. Samuel 13, Pfarrerin Reinhild Burgdörfer —Donnerstag, 28. März, 19 Uhr: Faszination oder Abscheu? Zur Darstellung der Gewalt in der Kunst, Prof. Hans Gerke —Donnerstag, 4. April, 19 Uhr: Gewalt in engen sozialen Beziehungen, Petra Michel, Beate Guttenbacher vom Haus der Diakonie Ludwigshafen —Donnerstag, 4. April, 20 Uhr: Passionsandacht mit Pfarrerin Cornelia Zeißig in der Katakombe (Keller Friedenskirche) Gottesdienste jeweils sonntags um 10 Uhr —10. März „Damit es anfängt zwischen uns allen“ zu Kain und Abel und der Installation im Kirchenraum, Pfarrerin Zeißig —17. März „Lichtgestalt“, Vikar Seung-Min Her (Joh. 3,14 - 21 —24. März „Rage macht blind – Sexualisierte Gewalt in Sodom und Gomorrha (1. Mose 19) —31. März „Wohin mit meiner Aggression?“ Über Feindesliebe (Matth. 5, 38), Pfarrerin Dorothea Niederberger, Vollzugsanstalt FT —7. April „Manchmal sehe ich rot, aber: GRÜN ist die Hoffnung!“ Finissage und Gottesdienst mit Pfarrerin Anke Lind.

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