Ludwigshafen Abschied von der Bücherfrau
Um das Tor der Matthäuskirche aufzuschließen, muss Elke Maicher niederknien. Auch nach 16 Jahren als Pfarrerin in Ludwigshafen schüttelt sie darüber immer noch den Kopf, dass jemand auf die Idee kommen konnte, das Schloss der schweren Metalltür ganz knapp über dem Boden anzubringen. Damit ist ihre Kritik an dem Gotteshaus aber auch schon erledigt. Der moderne Stahlbetonbau neben dem Hauptfriedhof, der Mitte der 1960er-Jahre errichtet wurde, hat es der 56-Jährigen angetan. Der Innenraum ist weit, offen und hell. Hier hat die Pfarrerin über die Jahre vieles ausprobiert und ist vielen Menschen aus dem Quartier begegnet. Im Gespräch an einem kleinen Tisch in der Kirche erinnert sich Elke Maicher im Rückblick zum Beispiel an die Kinderferientage im Herbst, die sie in den ersten Jahren mit ihrem Team organisiert hat. „Das war eine Sache, die gut angenommen wurde“, schildert sie. Daraus seien dann die Kirchentage mit gemeinsamem Mittagessen und Familiengottesdiensten entstanden, die einmal im Monat samstags stattfanden. Irgendwann sei dann jedoch die Resonanz schwächer geworden. Für die Pfarrerin kein Grund zu grollen, sondern einen Strich zu ziehen und über neue Formate für das Gemeindeleben in einem sozialen Brennpunkt nachzudenken. Für die leidenschaftliche Leserin und Büchersammlerin – rund 8000 Exemplare hat sie bei ihrem Umzug gezählt – lag es nahe, eine Kinder- und Jugendbücherei aufzubauen. „Ich hatte erfahren, dass manche Kinder daheim überhaupt keine Bücher hatten“, erzählt sie. Also wurde die Bibliothek eingerichtet. Außerdem gab es im Gemeindezentrum Lesenächte und Lesenachmittage. Aber auch dieses Projekt ist nach einer Weile nun Geschichte. Die Bücherei wird aufgelöst. Viereinhalb Jahre lang hat Elke Maicher die Neugründung der protestantischen Jona-Gemeinde mit vorbereitet, zu der neben der Matthäus- auch die Apostelkirche im Hemshof und die Melanchthonkirche in Mitte zählen. „Ein wichtiger Schritt“, wie die Pfarrerin sagt, denn es sei immer schwieriger geworden, Ehrenamtliche für die Arbeit in den Gemeinden zu finden. Jetzt gebe es ein großes und sehr engagiertes Presbyterium, auf das sie stets habe bauen können. Aus dem Pfarrhaus neben der Kirche sind Elke Maicher und ihre Familie schon ausgezogen. Das neue Domizil in Erlenbach bei Landau wird nach und nach fertig. Die beiden Söhne sind erwachsen und gehen bereits ihre eigenen Wege, aber die 17-jährige Tochter wechselt mit den Eltern aus der Großstadt ins Dorfleben. „Nicht gerade begeistert“, wie Elke Maicher schmunzelnd beschreibt. Die 56-Jährige hat dagegen bereits die Vorteile der Provinz entdeckt: Eine neue Nachbarin habe spontan das komplette Umzugsteam mit Kartoffelsalat und Frikadellen versorgt, viele aus dem Dorf hätten ihre Hilfe angeboten. Warum wollte sie noch einmal etwas Neues anfangen? In Ludwigshafen endet für Elke Maicher gerade ein Lebensabschnitt. Die zwei Söhne sind ausgezogen, und auch ihre Tochter wird in nicht allzu langer Zeit auf eigenen Beinen stehen. Außerdem wollte die Pfarrerin in der Nähe ihrer betagten Eltern sein, die nicht weit entfernt von ihrer neuen Heimat leben. Stichwort Heimat: Das ist für Elke Maicher dort, wo ihre Familie ist, und all die Dinge, die sie liebt. „Vor allem meine Bücher“, sagt Maicher. „Heimat ist für mich nicht an einen Ort gebunden.“ Sie weiß aber auch jetzt schon, was sie in Erlenbach vermissen wird: das Bliesbad, in dem sie oft und gern geschwommen ist, das internationale Straßentheaterfestival, das gerade erst wieder Tausende Besucher nach Ludwigshafen gelockt hat, und das Mannheimer Nationaltheater. Wer der Nachfolger von Elke Maicher als Pfarrer in West wird, steht noch nicht fest. Die Stelle ist ausgeschrieben. Die Pfarrerin wünscht dem oder der Neuen viel Erfolg dabei, dass die Kirche Teil des Lebens im Stadtteil bleibt, und eine gute Zusammenarbeit mit Partnern wie der Ökumenischen Fördergemeinschaft und dem Arbeitskreis West. Termin Am Sonntag, 14 Uhr, wird Pfarrerin Elke Maicher in einem Gottesdienst in der protestantischen Matthäuskirche, Waltraudenstraße 34, in West verabschiedet.