Ludwigshafen Abrechnung mit Kirche und Gesellschaft
Maxim Didenko ist zum letzten Probenmarathon aus Moskau angereist. Mit Ehefrau und zwei Kindern, lässt er am Gesprächsende einfließen. Es ist seine erste Inszenierung in Deutschland, ein großes Ding für einen jungen Regisseur, der sich an verschiedenen Theatern in St. Petersburg und Moskau allerdings schon reichlich Sporen verdient hat. Schmächtig und zurückhaltend, wirkt er in dem Mannheime Foyer fast verloren, ein bisschen wie in einer Bahnhofshalle, wo Heinrich Bölls Roman beginnt und endet. „Ich bin ein Clown“ stellt sich der Ich-Erzähler Hans Schnier vor, „offizielle Berufsbezeichnung: Komiker, keiner Kirche steuerpflichtig, siebenundzwanzig Jahre alt, und eine meiner Nummern heißt: Ankunft und Abfahrt.“ Wahrlich kein Bühnentext und in Bölls umfangreichem Werk findet sich auch kein einziges Theaterstück. Wie kann man so etwas für die Bühne aufbereiten? „Ich nehme immer Romane als Vorlage“, sagt Maxim Didenko. Vor zwei Jahren wurde er mit seiner Inszenierung „Tschapajew und Pustota“ zum Kunstfest Weimar eingeladen. Die bildstarke und körperbetonte Romanumsetzung wurde gefeiert, einzig die Übertitelung wurde von der Kritik bemängelt. Clownerie, Pantomime sei ein vortrefflicher Anknüpfungspunkt für seinen performativen Inszenierungsstil, erklärt Maxim Didenko. International heißt dieser „Physical Theatre“. Körper- oder Bewegungstheater war neben Schauspiel und Regie Teil seines Studiums in St. Petersburg. „Was immer ich mache, ist auf Bewegung ausgerichtet“, betont er. Aber er wiederholt auch mehrmals: „Ich richte mich am Text aus. Als Maxim Didenko 17 Jahre alt war – das war 1997 – ist sein Interesse an Heinrich Böll erwacht. „Ich habe alles von ihm gelesen, auch seine Korrespondenz.“ Er sagt es mit Nachdruck und Feuer in der Stimme. Und welches ist sein Lieblingswerk? Er lächelt scheu: „Ansichten eines Clowns“. Er weist darauf hin, dass Böll an dem 1962 erschienenen Roman während eines Aufenthalts in Moskau geschrieben hat. Unter den russischen Intellektuellen, die er dort kennengelernt hat, war auch der Germanist Lew Kopelew. Als dieser 1981 einer Einladung Heinrich Bölls nach Köln folgte, wurde das von der UdSSR zum Anlass genommen, den unbequemen Mahner auszubürgern. Die Causa Kopelew habe Heinrich Böll in Russland sehr populär gemacht. Und wie ist es heute? „Die Jugend interessiert sich mehr für das Internet als für Bücher.“ Als Maxim Didenko vom Nationaltheater als Regisseur eingeladen wurde, hat er „Ansichten eines Clowns“ vorgeschlagen, zusammen mit vier weiteren Projekten, die er nicht nennen will. Der Nobelpreisträger Heinrich Böll war zu Lebzeiten nicht nur ein erfolgreicher Literat, sondern auch politisch eine prominente Person der Zeitgeschichte, die in Deutschland polarisiert hat. Seit seinem Tod 1985 ist es still um ihn geworden. „Ansichten eines Clowns“ ist eine Abrechnung mit der bundesdeutschen Gesellschaft der 50er Jahre und mit der katholischen Kirche, aus der Böll später ausgetreten ist. An deren fordernden Moralvorstellungen geht Hans Schniers große Liebe zu Marie zu Grunde. In Maxim Didenkos Umsetzung dieses komplexen gesellschafts- und religionskritischen Werks werden sicher nicht nur lustige Nummern eines Clowns zu erleben sein, sondern auch tiefe, in Sprache gefasste Einsichten. Wie funktioniert das, wenn der Regisseur der Sprache, die er inszeniert, selbst nicht mächtig ist? Maxim Didenko versteht ein wenig Deutsch; er hat der deutsch-russischen Gruppe Derevo in Dresden angehört. Aber da ging es nur um Bewegungstheater ohne Sprache, und das ist auch schon zehn Jahre her. Die internationale Theatersprache ist heute Englisch. Mit dieser Art von Probenarbeit hat Maxim Didenko schon in Prag, Graz und London Erfahrungen gesammelt. Das Produktionsteam kommt aus Russland. Obwohl Didenko auch selbst choreographiert, arbeitet er gern mit Choreographen zusammen, so jetzt mit Dina Khuseyn. Die elektronische Musik hat Vladimir Rannev komponiert, der auch live auf der Bühne steht. Die Textcollage hat Valery Pecheykin gemacht. „Ich entwickle den Text gewöhnlich selbst während der Probenarbeit“, erklärt Didenko, „doch dafür braucht man ziemlich viel Zeit.“ Mit einem deutschen Ensemble in einer Fremdsprache über einen deutschen Text kreativ zu kommunizieren, wäre wohl auch kaum zu bewerkstelligen gewesen. Auf der Bühne werden neun Mitglieder des Mannheimer Ensembles stehen. Sie spielen 35 Rollen und müssen sich ständig umziehen. Termin Premiere am Samstag, 30. März, um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. Nächste Aufführungen am 5., 6., 24. und 28. April.