Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Abitur – Was für ein Stress!

Abiturprüfung in der Schulturnhalle.
Abiturprüfung in der Schulturnhalle.

Landauf, landab ist die Klage zu hören, dass das Abitur immer einfacher werde, sein Wert zunehmend verfalle. Aber ist es wirklich so, dass die Reifeprüfung zu einem anstrengungslosen Abschluss verkommt? Wenn ich auf den Alltag heutiger Oberstufenstufenschüler blicke, erlebe ich jedenfalls Jugendliche, die absolut im Stress sind und mental an ihre Grenzen kommen.

Gerade erst sind für die sogenannten G9-Abiturienten die schriftlichen Prüfungen zu Ende gegangen – und es hagelte massive Kritik seitens der Prüflinge an diesem verkürzten rheinland-pfälzischen Abitur. Völlig zu Recht, wie ich finde. Denn de facto bedeutet diese Regelung für alle Beteiligten Stress pur.

Leistungsnachweise zuhauf

Die 13er müssen sich im November und Dezember zu ihren Vorabitur-Klausuren schleppen, während im Land eine Erkältungswelle nach der anderen rollt, die 12er befinden sich wochenlang im Rhythmus: pro Woche zwei Klausuren, plus zwei Hausaufgabenüberprüfungen. Hinzu kommt nicht selten noch ein Referat, und wenn es ganz schlecht läuft, dann fordert die Lehrkraft im Fach darstellendes Spiel über die Woche noch eine Szene ein, die sie benoten will. Jeden Tag hagelt es für die Schülerinnen und Schüler damit Leistungsdruck, jeden Tag geht es um die Frage: Wie schaffe ich das diese Woche alles? Wer in solchen Phasen auch noch krank wird, den bringen der verpasste Unterrichtsstoff samt die Klausur-Nachholtermine im sich unweigerlich weiterdrehenden Leistungsnachweiskarussell zusätzlich um den Schlaf.

Es mag eine subjektive Empfindung sein. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass zu meiner Zeit am Gymnasium so viele Oberstufenschüler Hilfe vom Psychologen benötigt haben, wie das heute der Fall ist.

Aufwendige Referate

Gefühlt herrschte damals einfach nicht so viel Druck. Benotete Hausaufgabenüberprüfungen gab es längst nicht in dem Ausmaß, wie es heute üblich ist. Wer tatsächlich mal ein Referat halten musste, der schrieb etwas auf eine Folie und warf diese auf den Overheadprojektor. Heute sind Powerpoint-Präsentationen sozusagen Pflicht – was ja nicht schlecht ist, um die Technik zu beherrschen und im Beruf später up to date zu sein. Referate werden so aber auch viel aufwendiger.

Eva Briechle
Eva Briechle

Während man früher einfach das rausschrieb, was im heimischen Lexikon oder in den Büchern der Schulbücherei zu finden war, sind Jugendliche heute mit dem Internet konfrontiert. An Informationen zu kommen, ist damit natürlich ein Kinderspiel. Andererseits werden dadurch die Ansprüche der Lehrer immer höher: Weil alles im Netz steht, wird die Leistung der Schüler auch daran gemessen, wie sie sich durch die Unmengen an Informationen wühlen, um dann ein gutes Referat daraus zu machen.

Schlecht ausfallende Klausuren

Und parallel dazu jammern dann insbesondere in den Naturwissenschaften die Lehrkräfte, weil Klausuren so schlecht ausfallen. „Leichter können wir es doch nun wirklich nicht mehr machen“, lauten die frustrierten und ratlosen Sätze, die aus dem Lehrerzimmer überliefert werden.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass die heutigen Abiturienten dümmer sind als ihre Vorgänger. Sie werden aber bombardiert mit Leistungsnachweisen, die erbracht werden müssen und haben so beim ohnehin verkürzten Abitur nicht mehr so viel Zeit und Energie, sich in der Tiefe auf Klausuren vorzubereiten, wie das früher der Fall war. Sollte es Lehrkräfte oder Abiturienten geben, die mit mir über das Thema diskutieren möchten, dann meldet euch per E-Mail an redlud@rheinpfalz.de. Das Thema Schule ist ein wichtiges – also sollten wir darüber reden.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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