Ludwigshafen 75 Jahre nach Bombenangriff auf Ludwigshafen: „Mahnung für uns alle“
In der Nacht vom 5. auf den 6. September 1943 waren Ludwigshafen und Mannheim das Ziel von rund 500 britischen Bombern. Bei einer Gedenkfeier am 75. Jahrestag des Angriffs hat Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) am Mittwochabend an die Opfer des Krieges und die Vernichtung des Stadtkerns erinnert.
128 Menschen starben allein in Ludwigshafen beim schwersten Angriff auf die beiden Schwesterstädte während des Zweiten Weltkriegs. 378 Ludwigshafener sind bei den Angriffen verletzt worden, über 50.000 Einwohner wurden obdachlos. An all diese Details erinnerte Steinruck in ihrer Ansprache am Lutherturm in der Innenstadt. Zwischen 23.23 bis 2.45 Uhr warfen im Jahr 1943 Hunderte Bomber zunächst 357 Sprengbomben, danach fast 80.000 Brandbomben auf Ludwigshafen ab. Getroffen wurden 5135 Gebäude. 320 Großbrände brachen aus und zerstörten 90 Prozent der Innenstadt.
"Lutherkirche blieb bewusst Ruine"
Heute findet sich daher hier kaum noch ein Haus aus der Gründerzeit. „Die Lutherkirche, vor der wir stehen, blieb bewusst Ruine als zentraler Erinnerungsort unserer Stadt an ihre Kriegszerstörung“, sagte Steinruck. Sie betonte: „Wir gedenken heute aller Opfer von Krieg und Terror. Die Zerstörung unserer Innenstadt vor 75 Jahren ist eine Mahnung an uns alle für Frieden und Versöhnung.“ Als ehemalige Europaabgeordnete wisse sie, dass „unser Gedenken nicht vom europäischen Gedenken an den Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu trennen ist“. Denn die schrecklichen Ereignisse seien letztlich alle eine Folge des Angriffskriegs von Deutschland auf Polen im Jahr 1939. Damals seien am frühen Morgen des 1. September in der polnischen Kleinstadt Wielu 1200 Menschen getötet und die Stadt weitgehend zerstört worden.
Erinnerungen eines Zeitzeugen vorgetragen
Auch Klaus-Jürgen Becker, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs, bemühte sich um eine historische Einordnung der Bombennacht. Das große Chemiewerk der IG Farben (heute BASF), das viele kriegswichtige Materialien herstellte, sei ein bevorzugtes Angriffsziel gewesen. Die Strategie Großbritanniens habe darüber hinaus das Ziel gehabt, mit der Bombardierung und Zerstörung der Städte auch die Moral der Bevölkerung zu brechen und das Vertrauen in die eigene Regierung und den „Endsieg“ zu schwächen, erläuterte Becker. Das Konzept sei jedoch nicht aufgegangen. Wie die Bevölkerung den Angriff erlebt hat, machten Erinnerungen des Zeitzeugen Richard Braun deutlich, die von Beckers Sohn Max vorgetragen wurden. Der 89-jährige Braun war selbst im Publikum bei der Gedenkfeier dabei. Das Haus der Familie in Mundenheim sei schon beim Luftangriff im Monat zuvor abgebrannt, die Familie habe sich im Keller der Ruine versteckt, erzählt Braun im Gespräch mit der RHEINPFALZ. „Wir hörten ein massives Dröhnen der Flugzeuge, das immer näher kam. Dann begann das Sperrfeuer der deutschen Flak mit scharfem Krachen. Unter den Bombeneinschlägen, die sich zu einem unbeschreiblichen Trommelfeuer steigerten, hob und senkte sich der Boden wie in Krämpfen, das Haus schüttelte sich, die Wände zitterten, Staub und Sand rieselten auf uns nieder und ließen Nase und Mund austrocknen. Wir waren wie gelähmt, ich hatte panische Angst“, schildert Braun das Geschehen jener Nacht im Jahr 1943, das er noch immer nicht vergessen kann.
28 öffentliche Bunker zur Stelle
Drei quälend lange Stunden habe die Stadtbevölkerung in den Bunkern und Kellern bei infernalischem Lärm um ihr Leben gezittert, berichtete Becker. Dass bei diesem schweren Angriff nur eine vergleichsweise geringe Zahl von 128 Todesopfern zu beklagen war, während bei einem Angriff auf die Stadt Bruchsal fast 1200 Menschen ums Leben kamen, sei dem Bauprogramm für Luftschutzbunker zu verdanken, so der Historiker. Im September 1943 seien 28 öffentliche Bunker fertig gewesen, weitere gab es in Industriebetrieben. „Ohne die Bunker hätte die Opferzahl am 6. September 1943 mindestens die Bruchsaler Ausmaße erreicht“, sagte Becker. Im Verlauf des gesamten Luftkriegs gab es in Ludwigshafen bei 124 Luftangriffen 1778 Todesopfer, darunter waren mehrere Hundert ausländische Zwangsarbeiter. Wegen Platzmangels durften diese bei den ersten Angriffen nicht in die Bunker. „Wir werden in Ludwigshafen kaum einen geeigneteren Ort als unsere derzeit 32 Bunker finden, um jungen Menschen und Schulklassen die Schrecken des Krieges und die Folgen der NS-Diktatur zu erläutern“, machte Becker deutlich.