Ludwigshafen 3000 Bäume und Sträucher in zwei Jahren
«Oppau.» Im Jahr 1927 wurde der Hindenburgdamm zwischen Sylt und dem Festland eröffnet. Zum ersten Mal wurde eine Miss Deutschland gewählt. Und in Oppau gründete sich der Verein für Vogelschutz. Den Hindenburgdamm gibt es bis heute, die Miss Germany wird immer noch gewählt, und auch die Vogelschützer haben heuer ihr 90-jähriges Bestehen gefeiert.
Von der B9 aus braust ein Lastwagen nach dem anderen ins Gewerbegebiet Nachtweide und zu Tor 15 der BASF. Die Schornsteine des Konzerns stoßen weiße Wölkchen in den sonst strahlend blauen Himmel. Das Brummen der Anlagen auf dem Werksgelände ist hier, an einem Überbleibsel des Frankenthaler Kanals direkt neben dem Gewerbegebiet, ständig zu hören. Die Vögel, die zwischen den alten Birnen- und Nussbäumen umherfliegen oder sich im Dickicht verstecken, lassen sich davon nicht stören. Eine Amsel fliegt plötzlich erschrocken aus dem Gebüsch empor, ansonsten sind Spatzen und Co aber eher zu hören als zu sehen. Die Wiese am alten Frankenthaler Kanal ist eine grüne Oase, in die der Verein für Vogelschutz viel Zeit und Energie gesteckt hat. 1927 gründete sich die Gruppe, um die heimische Vogelwelt zu pflegen und zu erkunden. Ziele, für die sich die Mitglieder heute noch einsetzen, wie Schriftführer Hubert Eisenhauer berichtet. „Unsere heimische Vogelwelt steht nicht gut dar“, erläutert er. Die Population des Sperlings beispielsweise sei in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, weil der Vogel keine Nistmöglichkeiten mehr finde. Ein Umstand, der das Gründungsziel des Vereins aktueller denn je macht. Neben einer jährlichen Exkursion zur heimischen Vogelwelt füttern die Mitglieder jedes Jahr mehr als 600 Kilogramm Sämereien und 250 Meisenknödel und pflegen mehr als 250 Nistkästen im „Oppauer Wäldchen“ und drumherum. Doch wie viele Vereine kämpfen die Oppauer Vogelschützer mit Nachwuchssorgen. 61 Mitglieder gibt es derzeit. „Wen kann man denn von der Jugend noch aktivieren?“, stellt Eisenhauer eine rhetorische Frage. Weil die Mitglieder immer älter werden, musste auch das beliebte Buchfinkenwettsingen eingestellt werden – eine Veranstaltung, die in Rheinland-Pfalz einzigartig und stets gut besucht war und den Verein einmal im Jahr in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Das Prozedere: Die Käfige mit den Buchfinken stehen nebeneinander auf Tischen und sind mit Tüchern abgehängt. Die Vögel merken ganz genau, dass in den Boxen neben ihnen Rivalen sitzen – und versuchen diese, wie in der Natur üblich, mit ihrem Gesang zu vertreiben. Dreimal fünf Minuten lang wird gezählt, wie viele sogenannte Schläge jeder einzelne Vogel ausstößt. Der mit den meisten hat gewonnen. „Mittlerweile halten unsere Mitglieder aber keine Buchfinken mehr, weil sie zu alt werden“, bedauert Eisenhauer. Viele Aktionen des Vereins spielen sich am ehemaligen Frankenthaler Kanal und im „Oppauer Wäldchen“ ab, einem rund zwölf Hektar großen Grünzug. „Der liegt im Osten Oppaus, nördlich des Stadtparks, und zieht sich bis in den Stadtteil Pfingstweide“, erläutert der Schriftführer. 1978 begannen die Vogelschützer damit, das Areal aufzuforsten: Allein in den ersten beiden Jahren pflanzten die Mitglieder mehr als 3000 Bäume und Sträucher. Seltene Vogelarten siedelten sich laut Eisenhauer an, darunter der Kernbeißer und die Gartengrasmücke. Auch des Überbleibsels des Frankenthaler Kanals am Gewerbegebiet Nachtweide nahmen sich die Vogelschützer an, setzten hier ebenfalls viele Jahre lang Bäume und Sträucher und schufen so laut Schriftführer nicht nur ein Paradies für die geflügelten Lebewesen, sondern auch für Kröten und Fische. Heute werde das „Oppauer Wäldchen“ weitgehend in Ruhe gelassen, berichtet Eisenhauer: „Unberührtes Land ist für Vögel das beste. Wenn ein Baum umfällt, bleibt er liegen. Irgendwann entwickelt sich so ein Urwald.“ 140 Vogelarten seien hier schon nachgewiesen worden. Gefeiert haben die Mitglieder das 90-jährige Bestehen ihres Vereins mit einem Grillfest. Im kommenden Jahr, vom 14. bis 28. Januar, soll es zudem im Karl-Otto-Braun-Museum in Oppau eine Ausstellung geben: mit Schautafeln zum Vogelzug, Vogelnestern und Eiern, von denen der Verein Eisenhauer zufolge die größte Sammlung der Pfalz besitzt.