Handball
30 Jahre Eulen: Wie ein Spielmacher zum Co-Trainer wurde
Er steht selten im Mittelpunkt. Als Co-Trainer fungiert Andrej Kogut als rechte Hand von Cheftrainer Michael Haaß. Er hat seinen festen Platz auf der Bank, gibt den Spielern Ratschläge und klare Ansagen, während Haaß an der Seitenlinie das Geschehen im Blick hat. Kogut ist genauso erfahren wie Haaß. 17 Jahre spielte er in der ersten und zweiten Liga, zuvor wurde er nach seiner Einbürgerung 2009 mit Deutschland U21 Weltmeister und als bester Spielmacher ins All-Star-Team berufen. Es war damals der zweite Weltmeister in den Reihen der TSG Friesenheim nach Lew Woronin, der 1997 Gold mit Russland holte.
Kogut ist ebenfalls in der ehemaligen Sowjetunion geboren, ehe er mit vier Jahren nach Deutschland kam. Die Zeit bei der TSG Friesenheim, zu der er als Hoffnungsträger nach dem ersten Abstieg 2010 kam, hat er noch in bester Erinnerung. „Es war zwar nicht alles so professionell, aber deutlich familiärer als woanders“, erinnert sich Kogut. Stichwort Familie: Nach seinem Abitur 2007 kehrten seine Eltern nach Russland zurück, Kogut nahm sein Leben selbst in die Hand. „Ich hatte damals meinen ersten Profivertrag unterschrieben, ich war für mich selbst verantwortlich. Dass meine Eltern nicht mehr da waren, nahm ich eher unbewusst wahr“, erinnerte er sich. „Erst später habe ich gemerkt, was es heißt, alles selbst zu tun.“
Probleme mit Dialekt
Nach dem Wechsel nach Ludwigshafen gab es die erste Hürde: Seinen langjährigen Betreuer Günter Stürm verstand er aufgrund des Dialekts zunächst nicht. „Das hat schon etwas gedauert“, meint er mit einem Augenzwinkern. „Umso schneller habe ich mich hier eingelebt. Ich war ja erst Anfang 20, da ist man noch leicht anpassungsfähig“, erzählt der frühere Spielmacher. „Man hat es mir auch leicht gemacht.“
Der zweifache Familienvater, der am vergangenen Donnerstag seinen 38. Geburtstag feierte, galt als Schlüsselfigur des Aufstiegs zur Saison 2014/15. Er war auch der erste Spieler der TSG Friesenheim, der als bester Spieler einer Saison ausgezeichnet wurde – in jener Saison 2013/14, in der die heutigen Eulen mit 51:21 Zählern souverän die Meisterschaft und den Aufstieg ins Oberhaus schafften. „Nachdem die ersten beiden Jahre nach dem Abstieg aus der Bundesliga nicht so toll waren, sind wir immer besser zusammengewachsen, aber auch gereift, und haben dann den zweiten Aufstieg geschafft“, erinnert sich Kogut.
Ausländer bei den Eulen
Zuvor hatte er in den ersten beiden Jahren auch mit Verletzungen zu kämpfen. „Umso schöner war es, als ich fit war, dass wir es dann gemeinsam geschafft haben.“ Er erinnert sich an die Jahre, in denen zahlreiche ausländische Spieler unter Vertrag standen: Ob Mindaugas Veta (Litauen), Bogdan Criciotoiu (Rumänien), Janko Boscovic (Österreich), Ognjen Backovic (Slowenien) oder Vladimir Bozic (Kroatien) – sie standen einst mit Kogut auf dem Spielfeld. „Es war immer wieder eine Bereicherung, mit solch international erfahrenen Spielern auf der Platte zu sein“, erklärt Kogut.
Ohnehin trugen in den letzten 30 Jahren über 30 ausländische Spieler bei der TSG bzw. bei den Eulen das Trikot. Zu den bekanntesten Namen zählen neben Sergej Ladigin, Lew Woronin, Azat Valliulin, Slawa und Sergej Gorpishin (alle Russland) auch Francis Frank (Frankreich), Halldor Sigfusson (Island), Andreas Agerborn (Schweden), Anton Jensen (Dänemark), Frantisek Sulc (Tschechien), Michele Skatar (Italien), Gabor Ancin, David Spiler, Gorazd Skof (Slowenien), Martin Tomovski (Nordmazedonien) bis hin zu Oskar Knudsen (Norwegen).
Ein Jahr Bundesliga
Für Kogut, den spielstarken Regisseur, reichte es im Handball-Oberhaus wieder nur für eine Spielzeit. „Es war die Saison, in der wir mit 25 Punkten runter mussten“, schüttelt Kogut den Kopf. Es war nach den Aufstiegen mit der HSG Düsseldorf (2008/09) und der TSG Friesenheim (2013/14) der dritte Abstieg in seiner noch jungen Laufbahn. Zuvor war er bereits mit der HSG Düsseldorf 2006/07 und 2009/10 abgestiegen. Als damals bester Spieler der zweiten Liga war der heutige Co-Trainer auch bei Bundesligisten begehrt. Der Wechsel zum TBV Lemgo war der nächste logische Schritt. „Ich wollte unbedingt noch einige Jahre erste Liga spielen“, erinnert sich Kogut.
Das Schicksal meinte es jedoch nicht immer gut mit ihm. Kaum war er in Lemgo, plagten ihn erneut Abstiegssorgen. In der Saison 2016/17 mussten die Ostwestfalen die letzten vier Spiele gewinnen, um nicht in die zweite Liga abzusteigen. „Ich vergesse nie, dass wir das letzte Spiel gegen den VfL Gummersbach unbedingt gewinnen mussten. Das war schon enormer Druck“, erzählt Kogut. Wieder einmal war er nah am Abstieg, seinem vierten. „Oder auch der Höhepunkt, nachdem wir das geschafft haben“, so Kogut. Danach ging es mit ihm nur noch bergauf. Die sportliche Krönung: der DHB-Pokalsieg 2020.
Heimat in der Pfalz gefunden
„Man gab mir das Vertrauen“, sagte der damals verlängerte Arm von Cheftrainer Florian Kehrmann, als er sich entschied, nach der Saison 2022/23 seine Karriere zu beenden und in die Pfalz zurückzukehren. Die wichtigste Erkenntnis für ihn: Um sportlich erfolgreich zu sein, braucht die Mannschaft ein ruhiges Umfeld und Kontinuität. „Als ich 2010 nach Friesenheim kam, hatten wir einen Geschäftsführer, Werner Fischer, und einen Trainer, Thomas König. An diese Personen konnten wir uns gewöhnen und diese auch an uns. Sie waren am längsten in den letzten 30 Jahren auf ihren Positionen tätig, und da konnte sich etwas entwickeln“, analysiert Kogut seine aktive Zeit in Friesenheim, aber auch in Lemgo. „Als wir in Lemgo unten standen, hat man weiterhin auf den Trainer vertraut. Und er ist heute noch dort“, erzählt Kogut und mahnt Geduld an.
Diese Sehnsucht hat er auch als Co-Trainer bei den Eulen Ludwigshafen: „Seit ich vor drei Jahren gekommen bin, erlebe ich bisher drei Geschäftsführer und drei Trainer.“ Er appelliert an die Kontinuität. „Vielleicht muss erst einmal ein Sturm kommen, bevor es ruhiger wird.“ Er spricht aus Erfahrung. Vier Spiele nach der überraschenden Auszeit von Michael Abt und zwei Spiele nach der Trennung von Johannes Wohlrab stand er selbst als Trainer an der Seitenlinie. Das soll aber vorerst nicht die Regel werden. „Ich fühle mich in meiner Rolle wohl, ich arbeite gerne mit Micha zusammen und kann auch meinem Beruf als Key-Account-Manager nachgehen“, bereut er keinesfalls seine Rolle als Co-Trainer und die Rückkehr zu den Eulen Ludwigshafen.
Kogut fühlt sich inzwischen auch als Pfälzer. Das hat mit seiner Liebe zu tun. Es war sein Versprechen an seine heutige Ehefrau Lilli, die er wenige Wochen nach der Vertragsunterzeichnung beim TBV Lemgo im Fitnessstudio in Oggersheim kennengelernt hatte. „Ich glaube, es war eine gute Entscheidung, dass wir zusammen nach Lemgo sind und zusammen wieder zurück. So hat man mich in der Pfalz eingebürgert“, sagt Kogut und lächelt dabei.