Leichtathletik 13 Pfalztitel: Die besonderen Talente des ABC Ludwigshafen
Engagiert wie eh und je, aber mit größerer Gelassenheit hat Juri Tscherer die Jugend des ABC Ludwigshafen um sich geschart. Immer noch oder schon wieder. Dass der Altersunterschied zwischen ihm und seinen Sprinterinnen und Sprintern immer mehr zunimmt, weil er ja älter wird, das Alter innerhalb der Trainingsgruppe ziemlich gleich bleibt, stört ihn nicht. Wenn manche mit dem Sport aufhören, kommen andere nach. Das zählt zum Basiswissen im Alltag eines Trainers auf Lebenszeit.
68 Jahre ist Tscherer mittlerweile. Ein Training zu leiten und auf die Wettkämpfe zu gehen, das ist für den Speyerer, der aus Moskau stammt und seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, der beste Zeitvertreib, seit seine Frau vor fünf Jahren gestorben ist. „Ich habe dann hier in der Halle oder im Stadion eine sehr schöne Beschäftigung, deshalb habe ich das Training auch wieder intensiviert“, sagt der ABC-Erfolgscoach. Und wenn die Erfolge seiner Jugend wie am Fließband kommen, dann ist das Balsam auf seiner Seele, und er weiß, dass er vieles richtig macht.
13 Siege eingefahren
Bei den Pfalzmeisterschaften in der Leichtathletikhalle neben dem Südweststadion haben Sidwell Njikam, Adrian Anders, Sara Kohli, Koutaiba Asfour, Illia Ozerov, Nela Zezelj, Alexander Meier, Paul Stramer und Jana Knödel 13 Siege in den Altersklassen U16 und U18 eingefahren, und Mia Huthoff und alle anderen auch haben zusätzlich Medaillen geholt – auf den Sprintstrecken, über die Hürden, im Weit- und im Dreisprungsprung. Mit Jana Otto, die Trainingsrückstand hatte, zählt die gemischte Trainingsgruppe elf Köpfe, sechs Jungs, fünf Mädels, alle zwischen 14 bis 16 Jahre alt, die viermal in der Woche sehr konsequent trainieren, auch samstagmorgens, an manchen Tagen sind noch jüngere Athleten dabei. Ein bunt gemischter Haufen, Sportler mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind, dazu kommen Koutaiba Asfour aus Syrien und Illia Ozerov aus der Ukraine. „Talente aus sieben oder acht Nationen mischen sich da, alle mit anderem Charakter und andere Ansprüchen, mit unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher Motivation. Aber sie finden sich toll zusammen“, betont Tscherer. Sie treffen sich auch privat, sind Freunde geworden. Wo sonst gibt es solch eine Verbandelung, wenn nicht im Sport? Aber Tscherer gibt auch zu, dass es im Vergleich zu früher anders geworden ist, vielleicht so gar schwieriger, weil die jetzige Generation einfach anders tickt. „Sie organisieren sich oft selber und machen manchmal auch Scheiß“, sagt der Coach gelassen. „Jedenfalls erreiche ich mit weniger Einsatz ziemlich viel, was aber in diesem Alter nicht ganz so schwierig ist.“ An ihre Grenzen stoßen sie erst später.
Zwischen spannender Herausforderung und großem Reiz hat Tscherer seinen Weg gefunden, er schaut nicht mehr weit nach vorne in der Karriereplanung jedes einzelnen. „Ich habe schon viele und vieles erlebt. Auf einmal haben sie genug vom Sport und sind weg. Einige haben nicht das erreicht, was sie hätten erreichen können, wenn sie dabei geblieben wären“, sagt Tscherer illusionsfrei.
Schnelles Staffelquartett
Nach Tscherers Einschätzung ist Sidwell Njikam der Leader in der Gruppe, der Chef. Und er ist mit 7,47 Sekunden der Schnellste über 60 Meter gewesen, aber Adrian Anders glänzte über 200 Meter und Koutaiba Asfour über 300 Meter. Der ein Jahr jüngere Alexander Meier, Sieger über 60 Meter (7,54 Sekunden) und über die Hürden, kommt vielversprechend nach, zusammen stellen sie ein sehr schnelles Staffelquartett. Sidwell Njikams Vater ist Nigerianer, seine Mutter kommt aus Kamerun, Rassismus kennt er nicht: „Ich habe diesbezüglich null Probleme, und da bin ich sehr froh“, betonte der Schüler der Karolina-Burger-Realschule, der am Dienstag 16 wurde: „Ich finde es super, dass sich hier verschiedene Kulturen treffen, das passt doch gerade im Sport.“ Der sehr zielstrebige Alexander Meier, der aufs Carl-Bosch-Gymnasium geht, brachte ihn zum ABC, und Adrian Anders, Schüler am Geschwister-Scholl-Gymnasium, landete eher zufällig im Verein. Eigentlich hätte er zur VTV Mundenheim gehen sollen.
Sportlich wollen sie alle noch mehr, der Konkurrenzkampf forciert das Streben der Freunde. Vor allem am Start müssen sie noch arbeiten. „An den ersten drei bis fünf Schritten“, sagt Njikam, der am Samstag mit der Drucksituation nicht zurecht kam.
Vieles ausprobiert
Ein sehr schnelles Juwel ist auch die 14-jährige Sara Kohli, die gefühlt alles schon ausprobierte, Handball, Tennis, Schwimmen und dann aufgrund einer Schulempfehlung, sie geht aufs Max-Planck-Gymnasium, nach den Bundesjugendspielen beim ABC Ludwigshafen landete. Vor drei Jahren war das, als sie unter Armin Kuhn begann. Jetzt muss sie ihren Weg zwischen den 200 und den 800 Metern finden. Beides macht sie gern, 800 Meter aber lieber. Ihre Bestzeit steht bei 2:22 Minuten. Sie feierte zwei Siege, einmal über die 200 Meter in 26,69, einmal über die 300 Meter in 41,95 Sekunden, beide Male mit großem Vorsprung.
Aber bei ihr stellt sich die gleiche Frage wie bei allen anderen: Wie lange bleiben die Talente bei der Stange? Wie gesagt, Juri Tscherer hat schon viele und vieles erlebt.