Landau Zauberkraft des Märchens
Brigitta Sattler hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht: Sie ist Märchenerzählerin. Die Leidenschaft für besondere Geschichten teilt sie regelmäßig mit einem Publikum, das offen für gefühlvolle Momente ist.
Das war von Kindheit an. Wir waren acht Kinder zuhause und meine beiden älteren Schwestern haben mir oft Märchen erzählt. Ich bin damit aufgewachsen und das war schon immer meins. Die Faszination hält bis heute an. Welches Märchen hat Sie am meisten bewegt? Das vom Fischer und seiner Frau. Manntje` Manntje, Timpe Te, Buttje` Buttje in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich gern will – da höre ich immer noch die Stimme meiner Schwester … Was war der Auslöser dafür, Märchenerzählerin zu werden? Ich habe in der Schule schon gerne vorgelesen und hatte offenbar eine gewisse Begabung, die Menschen mitzunehmen, da ich immer in der Geschichte drin war. Meinen Kindern habe ich später auch vorgelesen. Vor allem auf langen Autofahrten habe ich angefangen zu erzählen und die Geschichten immer weiter gesponnen. Haben Sie selbst Märchen geschrieben? Nein, nie. Es gibt schon so viele. Aber meine Begeisterung dafür wollte ich gerne mit anderen teilen. Als ich hörte, dass es das Märchenerzählen als Beruf gibt, sagte ich: Das mache ich. Es gibt tatsächlich eine Ausbildung? Ja. Verschiedene Ausbildungsstätten bieten sie an, mit verschiedenen Ansätzen. Ich habe mich an Steiner Waldorf orientiert, da dabei mit den Märchen von allen Seiten gearbeitet wurde: erzählerisch und didaktisch, in der Natur und handwerklich, beispielsweise beim Basteln von Märchenpuppen. Der Begründer der Ausbildung hat das Ur-Märchen geschrieben, was den Entwicklungsweg des Menschen aufzeigt. Das war für mich der richtige Ansatz. Wie lange dauerte die Lehre? Drei Jahre, wobei pro Jahr zwei Intensivseminare besucht wurden und die Zeit dazwischen dazu genutzt wurde, das Gelernte umzusetzen. Wem erzählen Sie die Märchen? Generell sind Märchen nichts für die Masse. Im Tabakschuppen in Harthausen hatte ich vor Kurzem den 18. Märchenabend. Dort hat sich ein harter Kern gebildet. Das sind Leute, die gerne immer wieder kommen und regelrecht auf den Termin warten. Für mich ist das wirklich sehr schön, da das ein Publikum ist, das wirklich Märchen hören möchte. Wie bereiten Sie sich vor? Mein Programm steht stets unter einem Thema. Um das zu finden, höre ich in mich hinein, aktiviere die inneren Fühler und plötzlich ist es da. Im Sommer suche ich die Märchen aus, lese sie immer wieder. Dabei entstehen Gefühle und ein inneres Bild, das ich nach außen bringe. Die Märchen lerne ich nicht auswendig, sondern inwendig. Die höchste Konzentration dabei ist, nicht zu sprechen, sondern die Texte im Inneren durchlaufen zu lassen. Wie viel Gestaltungsfreiheit haben Sie beim Erzählen? Grimm’s Märchen sollten weitgehend nach der Vorlage erzählt werden, weil die Sprache so schön ist. Vor allem die Sprüche müssen sitzen. Ansonsten möchte ich gern Impulse setzen. Die Wirkung des Erzählens macht man nicht, sondern sie entsteht. Das ist die Zauberkraft des Märchens. Wie groß ist Ihr Repertoire? Ich habe weit über 100 Märchen, auf die ich zurückgreifen kann. Die meisten habe ich ganz gezielt gekauft, was nicht schwierig war, da ich im Buchhandel gearbeitet habe. Von meiner ältesten Schwester habe ich die Diederichs-Sammlung geerbt, die zur Weltliteratur gehört. Das ist wirklich ein Schatz. Es gibt aber unendlich viele Märchen aus vielen Kulturen. Haben Sie Lieblingsmärchen? Das wechselt, je nachdem, wo ich selber gerade stehe. Beispielsweise gibt es ein Märchen aus Litauen, in dem sich eine junge Frau in eine Wildgans beziehungsweise einen Schwan verwandelt und sich dadurch aus widrigen Umständen befreien kann. Das finde ich so bezeichnend. Es gibt aber wahnsinnig viele Märchen, bei denen ich sage: Die sind wunderbar. Die Märchen, die ich erzähle, muss ich verstehen – dann kommen sie auch rüber. Gibt es Märchen, die Sie nicht mögen? Den König Drosselbart. Das Verhalten ist einfach gemein – aber das Leben ist auch manchmal so. Wenn ich das Märchen aufdrösele und hinter die Kulissen schaue, dann wird Drosselbart annehmbar, aber nicht geliebt. Weshalb sind Märchen wichtig? Bei den Empfindungen zu Märchen gibt es nicht richtig und falsch. Die Zuhörer erleben sie intuitiv, werden angerührt, gehen in Dialog mit dem eigenen Innenleben und machen Quantensprünge von der materiellen zur geistigen Ebene. Die Bildsprache ist die Symbolik im Märchen – und vielen Menschen leider verloren gegangen. Welche Wirkung entfalten Märchen auf Sie persönlich? Was ich über Märchen weiß, habe ich mir erarbeitet. Ich lerne bis an mein Lebensende nicht aus. Je älter ich werde, umso mehr begreife ich. Märchen vermitteln tiefe Botschaften, die Menschen auf einer Ebene berühren, die mit dem Verstand nicht zu erklären ist. Info www.maerchen-oeffnen-herzen.de