Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Wohnen auf Zeit ohne Mietvertrag: Modellversuch in Nußdorf

Jenni Follmann verleiht ihr Haus an vier Personen, die eine WG auf Zeit leben. Von links: Jenni Follmann, Pamela Hirschmann, Jür
Jenni Follmann verleiht ihr Haus an vier Personen, die eine WG auf Zeit leben. Von links: Jenni Follmann, Pamela Hirschmann, Jürgen Wagner und Felix.

Ich leihe mir ein Zimmer oder eine Wohnung und zahle nur die Nebenkosten. Die Idee könnte ein Lösungsansatz im Kampf gegen die Wohnungsnot sein. Auch der Hausbesitzer profitiert. Die Landauer Leerstandsinitiative macht den Test.

Während in den politischen Gremien der Stadt Landau noch um geeignete Instrumente gerungen wird, Wohnraum auf dem angespannten Immobilienmarkt zu reaktivieren, hat ein Kreis von Ehrenamtlichen einen Modellversuch gestartet. Der Stadtrat möchte am Dienstag eine Satzung zum Verbot von Zweckentfremdung verabschieden. Die Leerstandsinitiative rechnet mit Anfragen, sobald die Satzung rechtskräftig ist. Dann ist jeder Landauer gehalten, sich bei der Stadt zu melden, wenn er eine Wohnung länger als sechs Monate leer stehen lässt.

Der Leerstand in der Nußdorfer Kirchstraße währte nicht lange. Das gemeinsame Haus von Jenni Follmann und ihrem Ex-Mann soll verkauft werden. Bis zur Klärung aller Details würden das Erd- und das Obergeschoss leer stehen. Follmann engagiert sich bei der Leerstandsinitiative. Für sie lag es auf der Hand, die Idee des „Zwischenwohnens“ ihrer Mitstreiterin Lisa Bensel auszuprobieren und ihren Kiwihof als Testobjekt zur Verfügung zu stellen.

In Ruhe nächste WG suchen

Gesucht waren vier Kandidaten, die sich die Räume bis Ende März 2024 ausleihen. Dann endet das Wintersemester an der Uni. Auf die Anzeige der Leerstandsinitiative haben sich laut Follmann 80 Leute gemeldet, darunter 20 bis 30 ernst zu nehmende Interessenten.

Felix ist mit einem Sofa und einem Tisch eingezogen. Das ein oder andere Möbelstück stand noch im Haus. Anderes hat sich die WG auf Zeit geliehen oder aus zweiter Hand besorgt. Der 29-Jährige studiert zwar seit drei Jahren in Landau, ist aber mehrfach umgezogen und zwischenzeitlich in die Heimat ausgewichen. Zum Semesterstart wollte er wieder nach Landau, fand aber nichts Passendes. Wegen eines Nebenjobs drängte die Zeit. Da kam der ehemalige Winzerhof in Nußdorf über die Plattform „WG gesucht“ wie gerufen. „Ich verdiene nicht viel“, sagt der Student. Es sei nicht einfach, in Landau preisgünstigen Wohnraum zu finden. Nun kann er in Ruhe nach einer WG ab April suchen.

Eine Blaupause für Kommunen

Das Zimmer hat er bis März sicher. Danach können beide Seiten mit wenig Vorlaufzeit kündigen. Im Fall Nußdorf sind vier Wochen vereinbart. Um einen fairen Vertrag aufzusetzen, hat sich die Leerstandsinitiative mit dem Landauer Anwalt Maximilian A. Müller von der Kanzlei Dr. Seiter zusammengesetzt. Gemeinsam haben sie ein Konzept und eine faire Nutzungsvereinbarung erarbeitet.

„Das ist eine Blaupause“, sagt Follmann. Ein Landauer Modell also? Da winkt sie ab. Auch der Anwalt will nicht so weit gehen. Zwar kennt er sich als Leiter der Geschäftsstelle des Vermietervereins Südpfalz und Fachanwalt für Miet- und Wohnungseigentumsrecht in der Branche aus und hat noch nichts von anderen Vorbildern in der Region gehört, aber er ist zurückhaltend. Er räumt dem Zwischenwohnen eine Chance ein. Zumal sich daraus ja auch ein festes Mietverhältnis entwickeln könnte. Nicht selten seien Mandanten gebrannte Kinder und ließen wegen schlechter Erfahrungen Wohnräume lieber leer stehen. „Die Krux mit dem Mieterschutz.“ Der Gesetzgeber hat die Rechte der Mieter gestärkt. So manchem privaten Eigentümer sei das zu anstrengend geworden, berichtet Müller. Er kennt auch die andere Seite. „Es ist schwer, in Landau eine Wohnung zu finden.“

Leerstand überbrücken

Der Vorstoß der Leerstandsinitiative richtet sich an Immobilienbesitzer, denen flexible Bedingungen helfen, einen Leerstand zu überbrücken. Beispielweise, bis Käufer gefunden werden, Bauanträge bewilligt oder die Formalitäten eines Erbfalls geklärt sind. In der Kulturszene ist Zwischennutzung normal, sagt Jenni Follmann, die auch für die Grünen im Landauer Stadtrat sitzt. So kam Kulturmanagerin Bensel vor einem Jahr auf die Idee, das müsse doch auch für Wohnungen funktionieren, ohne das Mietrecht auszuhöhlen.

Für die 59-jährige Pamela Hirschmann und ihren 62 Jahre alten Mann Jürgen Wagner ist diese Zwischenlösung ideal. Sie haben das Leben in einem Bauernhof auf der Ostalb nach zwei Jahren aufgegeben – „zu einsam, düster, nass und kalt“ – und sind auf dem Weg nach Mannheim in Nußdorf gelandet. Über die Plattform „Bring together“ wurden sie aufmerksam. Beide arbeiten im Homeoffice, sie als Coach und Mediatorin, er als Ingenieur einer Firma im Sauerland. Mit Corona hätten sie das Vagabundieren angefangen, erzählt Wagner. Er schätzt das ruhige Arbeiten in seinem „perfekten Büro“.

Alternative Konzepte

Das Paar hat Familie im Raum Ludwigshafen/Mannheim und suchte im 50-Kilometer-Radius eine Bleibe. Die beiden werden im Frühjahr weiterziehen. Gemeinschaftliches Wohnen und alternative Konzepte sind für sie interessant, auch mit Blick auf das Alter. „13 ha Freiheit“ heißt das Projekt auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne Turley, das in 29 Wohnungen 50 Erwachsene und 20 Kinder zusammenbringt.

Bis sie dort einziehen können, teilen sie sich Wohnzimmer, Küche, Bad und Hof mit Felix und einem 29-jährigen Inder, der an der Uni seinen Master macht und das erste Mal mit Deutschen zusammenlebt. „Für ihn sind wir ein bisschen wie Familie“, erzählt Hirschmann. Er wolle nach dem Studium in Landau bleiben. Die Wohnung nicht zu mieten, sondern auszuleihen, sei auch ein besonderer Anreiz, sie zu pflegen, meint sie. Die kleine WG ist sich schon näher gekommen. „Wenn möglich, essen wir auch gemeinsam“, sagt Felix.

Das Licht brennt, die Heizung läuft, das Haus ist bewohnt. Eine Abmachung auf Zeit.
Das Licht brennt, die Heizung läuft, das Haus ist bewohnt. Eine Abmachung auf Zeit.

Haus ist beheizt und belüftet

Für Jenni Follmann ist der Test schon jetzt ein Erfolg. Die 42-Jährige will damit drei Probleme auf einmal lösen. Das Haus ist bewohnt, bewacht, belüftet, beheizt, ein Teil der Nebenkosten kommen rein und das Anwesen verliert nicht an Wert. Die Idee des Zwischenwohnens wird erstmals konkret und schließlich: „Es ist unsozial, angesichts des großen Wohnungsmangels Wohnungen leer stehen zu lassen.“ Follmann war eine der Initiatoren bei den Grünen, die 2021 einen Leerstandsmelder installiert haben. Innerhalb kurzer Zeit hatten sie 400 Wohnungen auf dem Zettel, die nicht vermietet gewesen sein sollen. Die Aktion war bei anderen politischen Akteuren umstritten und endete im Sommer 2022.

Die Landauer möchten Konzepte entwickeln, die laut Follmann möglichst auf alle Städte und Gemeinden mit Leerständen jeglicher Art übertragbar sind. Die Ehrenamtlichen eint parteiübergreifend das Ziel, den Leerstand in Landau zu reduzieren und den Verfall von Bestandsgebäuden aufzuhalten. Das ehemalige Gasthaus „Zum Trifels“ in der Landauer Altstadt ist die Keimzelle für nachhaltige Nutzungskonzepte. Der Besitzer habe ihnen den Schlüssel übergeben, berichtet Follmann. Jetzt finden sich montags Leute zum Coworking ein, es treffen sich Initiativen und Vereine. Willkommen sind auch Gruppen, die einfach basteln möchten. Fällig wird nur eine kleine Energiepauschale. Das Haus ist immer am 15. und 30. eines Monats geöffnet, dann steht ein Schild vor der Tür. Der Eigentümer kann 14 Tage im Voraus ohne Angabe von Gründen kündigen.

Info

www.leerstand-landau.de

Der gemeinnützige Verein ist über die Adresse leerstand@mailbox.org zu erreichen

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