Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Wirtschaftsjunioren packen im Katastrophengebiet an

Ein provisorischer Tante-Emma-Laden, in dem es Hilfsgüter umsonst gibt.
Ein provisorischer Tante-Emma-Laden, in dem es Hilfsgüter umsonst gibt.

„Machen ist wie wollen, nur krasser.“ Die Wirtschaftsjunioren Südpfalz können ihr Motto derzeit voll ausleben: bei der Katastrophenhilfe im Ahrtal. Die jungen Unternehmer sind mindestens zweimal die Woche in Dernau. Jetzt steht ein Arbeitseinsatz in den Weinbergen an. Damit es auch nach dem Flutwein noch Ahrwein gibt.

Man könnte das Motto der Wirtschaftsjunioren auch mit „einfach mal machen“ oder „handeln statt reden“ umschreiben. Der im September 2019 gegründete Südpfalz-Ableger dieses bundesweit rund 10.000 Unternehmer sowie junge Führungskräfte zählenden Verbandes fackelt nicht lange: Er leistet tatkräftige Hilfe im vom Hochwasser zerstörten Dernau im Ahrtal. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. „Wir sind mindestens zweimal die Woche da“, sagt Sandra Kiefer-Seiter und berichtet von Familien, für die die Südpfälzer sozusagen eine Patenrolle übernommen haben.

Ein Wassertank wird abgeladen.
Ein Wassertank wird abgeladen.
Die Helfer im Gespräch mit Anwohnern.
Die Helfer im Gespräch mit Anwohnern.
Hier stand das Wasser bis in den ersten Stock.
Hier stand das Wasser bis in den ersten Stock.
Die Südpfälzer auf dem Weg zur Arbeit.
Die Südpfälzer auf dem Weg zur Arbeit.
Dernau ist stark zerstört.
Dernau ist stark zerstört.
Kein Betriebsauflug, sondern tatkräftige Hilfe: die Südpfälzer Wirtschaftsjunioren im Ahrtal.
Kein Betriebsauflug, sondern tatkräftige Hilfe: die Südpfälzer Wirtschaftsjunioren im Ahrtal.

Foto 1 von 6

Innerhalb nur weniger Stunden nach der Katastrophe hatten die Wirtschaftsjunioren Südpfalz eine eigene Projektgruppe gegründet, um vor Ort zu unterstützen. Nach nur fünf Tagen Vorbereitung sind sie mit ihrem ersten Hilfskonvoi mit sechs Fahrzeugen und 26 Helferinnen und Helfern nach Dernau aufgebrochen. Der Kontakt war über die Wirtschaftsjunioren Rhein-Ahr zustandegekommen, berichtet Kiefer-Seiter, die beim Bildungsträger Profes in Landau arbeitet. Konkret hatte ein Winzer aus Dernau um Hilfe gebeten. Die Fahrzeuge waren beladen mit Materialien wie etwa 4200 Litern Frischwasser in Containern und Kanistern, Taschenlampen, Gummistiefeln, Powerbanks zum Aufladen der Handys, Kaffeemaschinen und Kaffee, aber auch Besen, Schaufeln, Schlammpumpen, Stromaggregaten, Baustrahlern und vielem mehr.

Ein Weingut als Zentrale

Die Hilfsmittel wurden in den örtlichen Anlaufstellen und bei Feuerwehr- und Polizeistützpunkten verteilt, bevor sich die Südpfälzer an die tatkräftige Unterstützung mit Muskelkraft machten. Erste Anlaufstelle war das Weingut Bertram, aber es habe nur wenige Minuten gedauert, bis Nachbarn um Hilfe gebeten und sich die Helfer im Dorf verteilt hätten, schildert Kiefer-Seiter.

Das Weingut blieb so etwas wie die Zentrale. Dort bauten die Südpfälzer auch eine mitgebrachte Eistheke des Palazzo Sandro und ein Buffet mit Salaten, Grillgut, Kaffe und Kuchen für Dernauer und Helfer, darunter auch viele Polizisten und Feuerwehrleute, auf, das unter anderem vom Hotel Soho mit Lebensmitteln ausgestattet worden war. Die Hilfe kam an, die Wirtschaftsjunioren berichten von vielen sehr emotionalen Begegnungen, von Tränen und großer Dankbarkeit.

Am Wochenende geht es wieder hoch

Seitdem machen sich immer wieder Südpfälzer Wirtschaftsjunioren auf den Weg nach Dernau – kleinere Gruppen während der Woche (zuletzt erst am Mittwoch), größere am Wochenende, auch am kommenden wieder. Das sind manchmal lange Tageseinsätze mit Abfahrt um 5 Uhr morgens an der Filmwelt und der Rückfahrt aus dem Hochwassergebiet erst am frühen Abend, manchmal aber auch Mehrtageseinsätze mit Übernachtung bei befreundeten Winzern gerade außerhalb des eigentlichen Katastrophengebietes.

Die Koordination der Hilfseinsätze vor Ort ist immer noch holprig, die Kommunikation schwierig, berichtet Kiefer-Seiter. Da würden beispielsweise von Anwohnern einfache Sachen wie Handtücher, Seife oder Putzmittel erbeten, die längst vor Ort sind – nur dass man das ein paar Straßen weiter einfach nicht mitbekommen hat.

Aber die Wirtschaftsjunioren stehen beispielsweise auch mit dem DRK in engem Kontakt und besorgen Dinge, die trotz Anforderung noch nicht den Weg vor Ort gefunden haben, wie zum Beispiel Partyzelte mit Seitenteilen, die als Unterstände benötigt werden. Oder sie übernehmen Aufgaben wie das Abladen von Kisten mit Hilfsgütern oder sortieren Waren im kostenlosen Tante-Emma-Laden, den das DRK in Dernau eingerichtet hat. Dazwischen heißt es immer wieder Schlamm schippen, schrubben, Unrat beseitigen, Häuser ausräumen.

Winzer wollen Ernte retten

Außerdem sind Südpfälzer Winzer im Einsatz, um ihren Kollegen von der Ahr durch Arbeit in den Weinbergen die Ernte zu retten. „Die Zukunft der Winzer vor Ort wollten wir der Katastrophe nicht zum Opfer fallen lassen“, erklärt Kiefer-Seiter. Auf der Rückfahrt nehmen die Wirtschaftsjunioren daher auch immer Wein mit, den sie als Flutwein gegen eine Spende von zehn Euro pro Flasche verkaufen. Wer diese besondere Form der Hochwasserhilfe leisten möchte, kann sich per Mail an die Wirtschaftsjunioren wenden.

„Wir haben geplant, in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder in regelmäßigen Abständen nach Dernau zu fahren und haben uns vor Ort auch schon gut vernetzt“, berichtet Kiefer-Seiter. Täglich rufe die Einsatzstelle des Deutschen Roten Kreuzes an, um Informationen zu teilen und Hilfsgüter anzufordern und zu koordinieren. Die kurzen Entscheidungswege der Wirtschaftsjunioren haben sie zu wertvollen Helfern gemacht – machen ist halt krasser als wollen. Auch der tägliche Kontakt zu den Dernauern hat sich etabliert. Das sei wichtig, schildert Kiefer-Seiter, denn „ein Hochdruckreiniger kann heute noch vonnöten sein, doch am Sonntag sind es schon die Stemmhammer, um den Estrichboden zu entfernen“.

Weitere Helfer sind willkommen

Auch wenn die Wirtschaftsjunioren selbst eine zupackende Truppe sind: Helfer können auch sie noch brauchen, sagt Kiefer-Seiter. „Man muss auch gar nicht handwerklich geschickt sein, es hilft unheimlich, für die Verpflegung zu sorgen, sauber zu machen oder auch einfach mit den Leuten zu reden“. Denn natürlich muss die unmittelbare Not gelindert werden, aber die Betroffenen müssen ihre schrecklichen Erlebnisse auch verarbeiten können. Neben den vielen Sachspenden ihrer Sponsoren wären auch Geldspenden eine große Hilfe, sagt Kiefer-Seiter, denn am Ende werde noch sehr viel für den Wiederaufbau benötigt. Denn viele Flutopfer hätten aufgrund früherer Hochwasser keine Elementarschadenversicherung mehr.

Nun organisieren die Wirtschaftsjunioren weitere spezielle Hilfen: Masseure für die vom Schippen geschundene Rücken und Fußpfleger für die Menschen, die kaum noch aus ihren Gummistiefeln kommen.

Die Wirtschaftsjunioren Südpfalz haben derzeit rund 50 Mitglieder und 15 Fördermitglieder aus vielen verschiedenen Branchen wie Bau, Technologie, Dienstleistung, Veranstaltungsmanagement, Hotellerie, Gastronomie, Autoindustrie und einigen mehr. Sie wollen Verantwortung übernehmen und der jungen Wirtschaft eine Stimme geben. Und dann ist da noch ihr Motto: Machen ist wie wollen, nur krasser.

Kontakt

Wer Flutwein für Spenden haben möchte, Sach- oder Geldspenden leisten will oder selbst mit seiner Arbeitskraft im Katastrophengebiet helfen möchte, kann sich melden unter hilfe@wj-suedpfalz.de.

x