Landau / SÜW RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Rettungsdienst und Feuerwehr Silvester feiern

Die Feuerwehrmänner Maik Prozek, Maximilian Dimpfl und Corbinian Hellmann (von links) verzichten an Silvester freiwillig auf Alk
Die Feuerwehrmänner Maik Prozek, Maximilian Dimpfl und Corbinian Hellmann (von links) verzichten an Silvester freiwillig auf Alkohol.

Während am Silvestertag um Mitternacht Glocken und Böller das neue Jahr begrüßen und die Sektkorken knallen, herrscht in der Rettungswache des DRK gespannte Aufmerksamkeit. Denn hier zählt ein ganz anderer Countdown. Auch die Männer und Frauen der Freiwilligen Feuerwehr sind einsatzbereit. In diesem Jahr ist die Anspannung besonders groß.

Vier Rettungswachen im Landkreis Südliche Weinstraße, in Bad Bergzabern, Annweiler, Edenkoben und Herxheim, und eine Rettungswache in Landau stehen das ganze Jahr 24 Stunden am Tag bereit, um Menschen, die in Not sind, vor Ort zu versorgen und in ein Krankenhaus zu bringen. Allein Landau leistet 12.200 Einsätze jährlich, im Landkreis sind es 27.000 Einsätze. Beeindruckende Zahlen, hinter denen Menschen stehen, die in Zwölf-Stunden-Schichten arbeiten. Dabei leisten sie nicht nur Erstversorgung bei Verletzten, sie werden auch völlig unnötig gerufen und müssen sich immer wieder Einiges bieten lassen – von „Notfällen“, die keine sind, oder von Gaffern. Auch Verzögerungen zu Lasten der Patienten wegen fehlender Rettungsgassen gehören regelmäßig dazu.

Die Leitzentrale des Deutschen Roten Kreuzes ist in Landau, hier laufen alle Anrufe von Zweibrücken bis Wörth zusammen und werden koordiniert. 340 Beschäftige arbeiten beim DRK Südpfalz, Notfallsanitäter, Rettungssanitäter, Beschäftigte in der Leitzentrale, Notärzte und Bürokräfte. 66.000 Einsätze werden pro Jahr geleistet. Nach zwei Jahren Corona mit Böllerverbot und ohne größere Feste oder Ansammlungen auf Plätzen und Straßen ist die Stimmung in der Rettungswache in der Haardtstraße in diesem Jahr angespannt. Denn niemand weiß, wie es werden wird, ob Einige nach der Zwangspause völlig über die Stränge schlagen.

Überlastete Kliniken verlängern Fahrzeit

„Wir blicken mit einiger Anspannung auf diese Nacht“, sagt der Geschäftsführer des DRK Südpfalz, Jürgen See, bei einem Treffen mit der RHEINPFALZ und mit Mitarbeitern. Der Krankenstand beim DRK liege zudem derzeit bei rund 25 Prozent, die Hausärzte seien gnadenlos überlastet. „Viele bekommen Panik, wenn sie den Hausarzt nicht erreichen, und rufen uns dann an. Aber die Notfallrettung funktioniert, auch wenn wir mit Fachkräftemangel zu kämpfen haben, der gärt schon seit fünf Jahren“, bilanziert See. Zusatzdienste, Überstunden, Urlaubsstreichungen oder abgesagte Fortbildungen seien unter anderem die Folgen für die Mitarbeiter. Zudem seien nicht immer alle Kliniken anfahrbar, weil auch sie teils völlig überlastet seien, das verlängere die Fahrzeit der Rettungswagen.

Das bestätigt Bettina Schreiber, die seit 31 Jahren im Einsatz ist. Im Schnitt hat sie sechs bis zwölf Einsätze pro Schicht. „Es fing mit der Pandemie an. Menschen hatten eine leichte Erkältung, haben Panik bekommen wegen Corona, ihren Hausarzt nicht erreicht, und uns dann angerufen“, erzählt sie. Oft habe man die Zielklinik nicht anfahren können, das habe den Einsatz natürlich verlängert.

Dennis Kallenbrunner und Bettina Schreiber vom DRK haben sowohl gute als auch schlechte Erinnerungen an Einsätze in der Silveste
Dennis Kallenbrunner und Bettina Schreiber vom DRK haben sowohl gute als auch schlechte Erinnerungen an Einsätze in der Silvesternacht.

Mehrere Hundert Notrufe in der Silvesternacht

Wie die heutige Silvesternacht verlaufen wird, weiß keiner. „Das macht uns etwas Sorgen, wir sind gespannt“, sagen die Beteiligten, auch Denis Kallenbrunner, Leiter der Rettung Landau, Achim Bayer, Leiter des Rettungsdienstes, und Matthias Bruhne, Leiter der integrierten Leitstelle. Deren Aufgabe ist bei Bedarf die Alarmierung und Führungsunterstützung für die Feuerwehren, den Rettungsdienst und den Katastrophenschutz in der Süd- und Südwestpfalz. Alle fünf Gesprächspartner haben eine Ausbildung als Notfallsanitäter. Im Unterschied zum Rettungssanitäter, der eine dreimonatige Ausbildung absolviert, sind es beim Notfallsanitäter drei Jahre.

Bayer und Bruhne sitzen vor vielen Monitoren und koordinieren die Einsätze. Keine leichte Aufgabe, gerade in der Silvesternacht. Bei Hunderten von Anrufen muss die Abfrage schnell und strukturiert sein. Die Schicht an Silvester beginnt um 19 Uhr. Jeder bringt etwas zu essen mit für eine kleine Feier, meist können nicht alle zusammen essen, denn auch vor Mitternacht werden Einsätze gefahren. „35 Leute sind primär im Dienst, die Leitstelle ist mit vier Leuten besetzt“, informiert Matthias Bruhne. Ab Mitternacht zählen sie die Glockenschläge. Nicht, um anzustoßen und gemütlich zu feiern. „Wir zählen die Sekunden nach 12 Uhr bis der erste Einsatz im neuen Jahr reinkommt, manchmal dauert es nur eine Sekunde“, so Bruhne. Ab dann herrscht Anspannung und höchste Konzentration. „Es sind mehrere Hundert Anfragen in dieser Nacht von Zweibrücken bis Wörth“, sagen die Verantwortlichen aus Erfahrung. Die Kombination von Alkohol und Böllern spielt eine große Rolle. Schnittwunden, Stürze, Platzwunden oder Verkehrsunfälle sind Folgen des Alkoholkonsums auch in Verbindung mit Medikamenten oder Drogen. Im schlimmsten Fall eine Alkoholvergiftung. Dazu kommen schwere Verletzungen an den Händen, Augenverletzungen oder auch Stürze von Balkonen, wenn Böller stark alkoholisiert abgeschossen werden.

Im Einsatz mit Böllern beworfen

Dennis Kallenbrunner erzählt von einem Einsatz, bei dem an Silvester ein betrunkener junger Mann Böller zündete und sich Teile der Hand absprengte. Bettina Schreiber erinnert sich, zu einem Einsatz in eine Gemeinde gefahren zu sein, in der Bürger Flaschen mit Böllern über die ganze Straße gestellt hatten, um sie dann vor dem Rettungswagen zu zünden. „Wir kamen nicht weiter, außer uns fanden das alle witzig“, erzählt sie. Auch, dass sie schon mit Böllern beworfen wurden. Die Folgen des Alkoholkonsums in Verbindung mit Böllern sind oft dramatisch. Feuerwerkskörper, die nicht in die Luft, sondern in Jackentaschen fliegen können zu schwersten Verbrennungen führen. Böller, die in Gesichter fliegen oder so unsachgemäß abgefeuert werden, dass sie andere verletzen, die Liste der Erlebnisse der Sanitäter ist lang.

Weshalb alle zu äußerst vorsichtigem Umgang mit den im besten Fall strahlend am Himmel glühenden Feuerwerkskörpern raten, und dazu, die Finger von Raketen und Co. zu lassen, wenn man viel getrunken hat. „Alkohol ist auch der Ausgangspunkt für viele weitere Unfälle wie Hausbrände, Stürze oder Schlägereien“, sind sich alle einig. Bei letzteren sei oft auch die Koordination mit der Polizei notwendig. Stark alkoholisierte Menschen würden auch in irgendwelchen Vorgärten einschlafen, mit der Gefahr von Unterkühlung oder Erfrierungen. Im besten Fall, wenn nicht noch eine Alkoholvergiftung dazu komme. Erfahrungsgemäß gibt es an Silvester eine erste Welle der Einsätze bis zwei Uhr, dann flacht es etwas ab, und ab vier Uhr bis sechs Uhr geht es in gleicher Intensität weiter. Ruhiger wird es erst, wenn es hell wird.

Bei Philipp Spielberger (links) und Matthias Bruhne laufen in der Leitzentrale in Landau alle Notrufe von Zweibrücken bis Wörth
Bei Philipp Spielberger (links) und Matthias Bruhne laufen in der Leitzentrale in Landau alle Notrufe von Zweibrücken bis Wörth ein.

Schöne und schlechte Erinnerungen

Die Rettungskräfte vertrauen trotz gegenteiliger Erfahrungen auch darauf, dass Menschen nicht einfach den Rettungsdienst rufen, wenn erkennbar kein Notfall vorliegt. Bettina Schreiber erinnert sich an einen Fall vor vielen Jahren, als es in der Silvesternacht spiegelglatt war. „Wir wurden zu einem Anwesen außerhalb einer Gemeinde gerufen, kamen mit dem Fahrzeug kaum dahin, wir sind gerutscht, es war eine dicke Eisschicht. Wir haben mit der Trittleiter des Rettungswagens noch versucht, ihn an einer Mauer zu stabilisieren.“ Über die Eisschicht hätten sie kaum ins Haus laufen können. „Wir haben dann einen Mann vorgefunden, der sich in den Finger geschnitten hatte und putzmunter war“, erzählt Schreiber, die ihren Ärger in dieser Situation auch nicht verbergen wollte. Auf die Frage, warum sie den Notdienst gerufen haben, hieß es, es sei ja spiegelglatt, da könne keiner von ihnen mehr fahren.

An ein schönes Erlebnis an Silvester erinnert sich Dennis Kallenbrunner. „Ich habe eine Hochschwangere mit starken Wehen ins Krankenhaus gefahren, es wurde ein Silvesterkind, alles ging gut“, erzählt er. Grundsätzlich habe die Respektlosigkeit zugenommen, stellen alle fest. Sei es, dass keine Rettungsgassen gebildet, die Sanitäter beschimpft werden oder Gaffer so dicht am Unfallgeschehen stehen, dass sie die Arbeit der Rettungskräfte behindern. Trotzdem lieben sie ihren Beruf und Dennis Kallenberg fasst die Motivation zusammen: „Ich kann in diesem Moment eine Notsituation verbessern.“ „Es ist ein schöner Beruf“, sagt Achim Bayer. Und alle hoffen, dass die Menschen in der Silvesternacht zu ihrem eigenen Wohl Vernunft walten lassen. Denn im schlimmsten Fall im Krankenhaus landen möchte niemand.

Alkohol für freiwillige Feuerwehrleute tabu

„Wir nehmen es wie es kommt. Alle, die Hilfe brauchen, bekommen sie, natürlich auch in der Silvesternacht“, sagt Dirk Nerding, Wehrleiter der 21 Feuerwehren in der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern. Alle hoffen auf eine eher ruhige Nacht für die Wehren im Kreis. Aber wie es in diesem Jahr werden wird, weiß natürlich keiner. Wie feiern die Feuerwehrleute, die allesamt Ehrenamtler sind, unter diesen Umständen Silvester?

Corbinian Hellman, Maximilian Dimpfl und Maik Prozek gehören zur Bad Bergzaberner Feuerwehr. Sie sind 26, 21 und 24 Jahre alt und waren schon bei der Jugendfeuerwehr dabei. „Wir feiern Silvester zusammen mit Kameraden und deren Familien“, erzählen sie. Aber ohne Alkohol, das ist Ehrensache für die drei jungen Männer. Wie für ihre Kameraden im Kreis auch. 2200 Feuerwehrmänner und -frauen sind es, die einen Piepser in der Tasche haben, mit dem sie über Einsätze informiert werden. Das ganze Jahr über, rund um die Uhr. Für die jungen Männer war das zunächst gewöhnungsbedürftig, wie sie erzählen. „Am Anfang war es für mich schlimm mit dem Piepser, der mich auch zu einem Unfall mit einem Toten gerufen hat. Aber die Kameraden haben mich zurückgehalten“, erzählt Maximilian Dimpfl. Eine Selbstverständlichkeit derer, die schon Jahre dabei sind, unerfahrene Kameraden bei solch tragischen Einsätzen zu schützen.

Die freiwillige Feuerwehr ist das ganze Jahr rund um die Uhr einsatzbereit.
Die freiwillige Feuerwehr ist das ganze Jahr rund um die Uhr einsatzbereit.

Rappelt der Piepser, ist die Silvesterfeier vorbei

Das Wort Kameradschaft im Sinne von Freunden, die zusammenhalten, sich unterstützen, auch bei der Aufarbeitung schwieriger Einsätze, und auch Freizeit miteinander verbringen, fällt häufig im Gespräch mit der RHEINPFALZ in der Feuerwehreinsatzzentrale. „Wir waren auch schon zusammen im Urlaub“, erzählen die drei jungen Männer. Die Verbandsgemeinde Bad Bergzabern stellt mit gut 500 Feuerwehrleuten ein Viertel der Gesamtstärke im Kreis. Sollte es einen Einsatz in der Silvesternacht geben, ist für sie die Feier vorbei und es geht schnellstens zur Zentrale.

„Informiert werden wir über die integrierte Leitstelle in Landau, wir informieren dann in der Verbandsgemeinde über unser eigenes System“, erklärt Nerding. Sollten tatsächlich alle Fahrzeuge, die in der Gerätehalle in Bad Bergzabern stehen, ausrücken müssen, würden 50 Männer und Frauen gebraucht. Beim Gespräch dabei ist auch Julian Hutzel, Wehrleiter der Feuerwehr in Niederotterbach. „Bei uns ist in den 16 Jahren, die ich dabei bin, in der Silvesternacht noch nichts passiert“, erzählt er. Dafür, dass die Fahrzeuge technisch immer einwandfrei und einsatzbereit sind, sorgt der hauptamtliche Gerätewart Michael Oerter, der auch in der Feuerwache wohnt.

Verhalten mancher Bürger ärgert Einsatzkräfte

Die Jungen können sich in den Silvesternächten an keine spektakulären Einsätze erinnern. Dirk Nerding erinnert sich an einen Großbrand vor vielen Jahren in einem alten Lokschuppen in Landau neben einer Disco. „Da waren rund 250 Feuerwehrleute vor Ort“, weiß er noch. Oder an den Brand des Lagers eines Züchters von Kois in Queichheim. Der musste nicht nur gelöscht werden, die Feuerwehr hat die Teiche belüftet, damit die Fische überleben. Was alle aufregt ist das Verhalten mancher Bürger. „Gleich nach dem Einsatz bei dem Brand im Krankenhaus Bad Bergzabern im vergangenen Jahr haben uns Leute direkt gefilmt, der Einsatz war nicht mal beendet, da standen die Bilder schon im Netz“, ärgert sich Corbinian Hellmann. Gaffer seinen ebenfalls ein Problem, und Menschen, die der Feuerwehr genau auf die Finger schauen und sie dann darauf hinweisen, was sie „besser“ machen können, erzählen alle. „Die Einsätze sind tausendmal geübt, brauchen volle Konzentration und laufen professionell ab“, sagt der Wehrleiter, der sich auch Gaffer oder Besserwisser weit weg wünscht. Alle wünschen sich ein friedliches Silvester bei, dem niemand zu Schaden kommt. Was einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol und Feuerwerkskörpern voraussetzt. Für sie selbst ist Alkohol zum Jahreswechsel tabu.

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